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07. Mai 2010

Indische Experten lernen von Titisee

Umweltministerium holt sich Anregungen für ein Projekt zur Verbesserung der Wasserqualität.

  1. Die indische Delegation mit Gästeführerin Viktoria Wehrle und Wasserexperte Dieter Schuster an der Promenade. Foto: peter stellmach

  2. Dieter Schuster zeigt die Pläne der Ringleitung. Foto: peter stellmach

TITISEE-NEUSTADT. Zwischen einem Anflug von Entsetzen und dem Aufatmen vergingen Sekunden. Dabei liegt, was eine Delegation der Regierung Indiens am Dienstagabend am Ufer des Titisees auf Fotos sah, in Wirklichkeit sieben Jahre auseinander und weit zurück.

Das eine zeigt eine grün-braun-schleimige Schicht auf dem Titisee, aus der nur dank eines Steinwurfs überhaupt noch Wasser empor spritzt. Das war am 30. Oktober 1970, tote Fische wurden angeschwemmt, das Gewässer drohte abzusterben, Folge von Einleitungen von Abwässern durch die Anrainer. Auf dem anderen sieht man den Beigeordneten Hans Schmider und Kurdirektor Hermann Janßen, wie sie, im Anzug und mit Gummistiefeln im Wasser stehend, aus Gläsern Titisee-Wasser trinken. Das war 1977.

Den Unterschied machte der Bau der Ringleitung aus, und ihretwegen hatten die Gäste den Abstecher nach Titisee gewählt. Auf einer einwöchigen Erkundungstour durch Deutschland, die Schweiz und Österreich wollten die hochrangigen Mitarbeiter des Umweltministeriums und der nationalen Gewässerschutzbehörde aus nächster Nähe sehen und aus erster Hand erfahren, wie man es im Hochschwarzwald geschafft hat, dass man im Titisee nicht nur baden kann, sondern auch Trinkwasserqualität vorfindet.

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Man kennt Titisee aus Bollywoodfilmen

Die Erkenntnisse sollen in ein ehrgeiziges Projekt der indischen Regierung einfließen. Es widmet sich der Verbesserung der Wasserqualität des Yanuma, eines großen Nebenstroms des Ganges und einer der am stärksten verschmutzten Flüsse weltweit. Die Aufmerksamkeit der Gruppe in Europa gilt vorrangig dem Informationsaustausch über neueste Technologien und deren Transfer nach Indien, Überwachungssysteme zur Kontrolle des Wasserqualität und der Wirksamkeit von Kläranlagen sowie Möglichkeiten eines umfassenden Gewässermanagements. Interessant für sie ist auch das Thema Abwassergebühren, die als von Bürgern zu zahlende Steuer in Indien undenkbar wäre.

Vertreter der Stadt Titisee-Neustadt waren nicht zugegen, dafür versorgten Vikoria Wehrle und Dieter Schuster die Gruppe bestens. Wehrle ist selbständige Gästeführerin aus Titisee (bekannt auch als "Frau von Pösel") und nahm fließend Englisch die Gäste sofort für sich ein. Schuster ist beim Landratsamt Experte für Gewässer und deren Reinhaltung. Er hatte Karten und Bilder im Gepäck und allerlei Informationen über die Anstrengungen für sauberes Wasser parat. Er erklärte die Prüfverfahren, ging auf Anzeiger ein, hob die Bedeutung regelmäßiger Kontrollen hervor und zeichnete die Umsetzung des Aktionsplans nach der Beinahe-Katastrophe 1970 nach.

Auf dem Weg vom Strandbad auf dem Seerundweg bis zum Auslauf an der Promenade zeigten sich die Inder interessiert an der Sache und angetan von der Schönheit des Sees und der umgebenden Landschaft, staunten auch über die Nähe zum Rest-Winter am Feldberg. Sie nahmen mit Anerkennung zur Kenntnis, welche Bedeutung der Titisee touristisch hat – und hörten aufmerksam von der Besonderheit des eiszeitlichen Brachsenkrauts.

Auf den Titisee gestoßen waren sie einerseits durch einen Hinweis von Ronjon Chakrabarti, den Projekt-Manager der Berliner Consulting Gesellschaft, die für sie die Reise organisiert hat. Sie kennen den Platz aber auch aus Kino und Fernsehen: Titisee ist sogar in Bollywoodfilmen ein Begriff. Ein Mitglied der Gruppe sagte, dass es bei den Bemühungen um saubere Gewässer vorrangig um die ökologische Seite geht, dass man aber auch die touristische Nutzung im Blick hat.

Die ursprünglich geplante Wanderung auf der Südseite des Sees zum Zulauf wurde kurzfristig verworfen. Es nieselte, die Besucher vom Subkontinent fröstelten und waren müde; ohnehin hatte sich ihre Ankunft verzögert. Ein Abstecher in ein Souvenirgeschäft wärmte körperlich und seelisch, bevor es im Bus nochmals ein Stück weiterging: Wehrle und Schuster führten sie zu zwei Pflanzenkläranlagen im Jostal, eine Technik, die auf besonderes Interesse stieß, und anschließend eben doch noch zum Zulauf des Titisees.

Nach dem Gesangsabend geht’s glücklich zu Bett

Hatten sich die Inder schon während des offiziellen Teils als unkomplizierte und wohl gelaunte Gäste erwiesen, genossen sie den gemütlichen Teil erst recht: Wehrle führte sie nach Bernau, wo sie von Bürgermeister Schmidt und Gästeführerin Margret Köpfer im Resenhof empfangen wurden. Nach dem Genuss regionaler Spezialitäten wurden sogar Lieder aus dem Schwarzwald und aus Indien gesungen und getanzt. Dem Vernehmen nach gingen glückliche Inder anschließend im Hotel Brugger am Titisee zu Bett – tags darauf sah das straffe Programm schon die Stationen Bodensee, Zürich und Wien vor.

Ob sich die Erfahrungen am Titisee niederschlagen werden im riesigen Indien? Man wird es kaum erfahren.

Autor: Peter Stellmach