Pudding, Pullis, Prickelndes

Tanja Bury

Von Tanja Bury

Sa, 15. Dezember 2018

Titisee-Neustadt

Wie wird in den Partnerstädten Titisee-Neustadts Weihnachten gefeiert? Die BZ hat in Töpfe und unter Christbäume geschaut.

TITISEE-NEUSTADT. Wienerle, Schäufele, Gänsebraten – in vielen Familien Titisee-Neustadts gibt traditionelle Weihnachtsgerichte. Aber wie sieht es in den Partnerstädten aus? Was mögen andere Neustädter? Und welche Bräuche gibt es? Die BZ hat den Freunden in die Töpfe und unter den Christbaum geschaut.

Leighton Linslade

Christkind? Fehlanzeige! Geschenkedienst auf der Insel ist Männersache. Santa Claus rutscht in der Nacht auf den 25. Dezember mit einem dicken Sack voller Päckchen durch die Kamine der Häuser, zuvor hat er seinen Rentierschlitten auf dem Dach geparkt. Der erste Weihnachtsfeiertag ist der Weihnachtstag in England. Der 24. Dezember spielt eigentlich keine Rolle, wie Verena Holzer aus Titisee weiß. Sie hat selbst etliche Jahre im Königreich gelebt und ist im Partnerschaftsverein von Titisee-Neustadt aktiv.

"Das Festmahl besteht aus Turkey, also Truthahn." Er wird mit Backpflaumen und Äpfeln gefüllt. Dazu essen die Briten gerne geröstete Kartoffeln und verschiedene Gemüse, wie etwa "Brussels sprouts" (Rosenkohl). Während Köchin oder Koch mit dem Federvieh und den Beilagen beschäftigt ist, steht die Familie im Wohnzimmer und die Erwachsenen widmen sich dem Eierpunsch. "Den lieben die Engländer", weiß Verena Holzer. Dazu tragen sie – sagen wir mal so – eine ungewöhnliche Garderobe: bunte, teils grelle Pullover mit Weihnachtsmotiven. Die haben auf der Insel Tradition. Das gestrickte Rentier Rudolph mit einem großen roten Stoffbollen als Nase zum Beispiel. Auch Christbäume, Schneemänner, Geschenke und vieles mehr sind auf den Kleidern zu sehen. Verena Holzers Eindruck: "Je hässlicher, desto besser. Ich habe mich grundsätzlich geweigert, so ein Ding anzuziehen." Kitschig, kitschiger, England – das trifft in ihren Augen bei der Weihnachtsdekoration zu. "Blinki-blinki muss sein – viele, viele bunte Lämple, das gefällt." Erst vor wenigen Wochen war Holzer in London und hat die langen Lichterketten gesehen, die in den Haupteinkaufsstraßen aufgehängt werden.

Ist der Vogel verputzt, wartet der Plumpudding. Ohne dieses Gericht ist Weihnachten in England nicht Weihnachten. Der Christmas Pudding besteht aus Fett, Nüssen, Trockenobst und jeder Menge Alkohol. Zusätzlich mit Brandy oder Cognac getränkt, wird der Pudding vor dem Servieren flambiert. Früher bestand er aus 13 Zutaten, womit Christus und die zwölf Apostel gewürdigt werden sollten.

Santa und Federvieh, Pudding und Pullover sind das eine, die Queen das andere. Her Majesty hält jedes Jahr am Weihnachtstag eine Ansprache, die in alle Länder des Commonwealth of Nations übertragen wird. Im Mutterland ist das um 15 Uhr der Fall. "Dann sitzen alle vor dem Fernseher. Die Queen ist eben die Queen", sagt Verena Holzer lachend. Sie baut keine englischen Traditionen in ihr Weihnachtsfest ein. "Wir essen an Heiligabend Schweinelendchen mit Rotkohl, Knödeln und Kastanien. Am ersten Weihnachtsfeiertag faulenzen wir – denn am zweiten müssen wir schon wieder arbeiten." In England dagegen ist Boxingday, übersetzt Geschenkschachteltag. "Freunde und Verwandte werden besucht – im Christmas-Pulli."

Coulommiers

"Die Traditionen ändern sich natürlich im Lauf der Jahre", schreibt Alain Habran aus dem Comité de Jumelage in Coulommiers. Aber er erzählt gerne, wie seine Familie das Weihnachtsfest feiert. An Heiligabend wird "boudin blanc", eine weiße Wurst aus Schweinefleisch, gegessen. Dazu werden Kartoffeln serviert. "Um Mitternacht gehen wir in die Christmette. Erst, wenn wir nach Hause kommen, legen wir das Jesuskind in die Krippe", berichtet der Franzose. Natürlich haben alle Familien einen Weihnachtsbaum. Darunter stehen die Schuhe von jedem Familienmitglied, gefüllt mit Geschenken. Manche stellen die Schuhe auch vor den Kamin. Zur Stärkung nach dem langen Abend gibt es noch eine Suppe – "dann geht’s ins Bett". In einigen Familien öffnen die Kinder die Geschenke nach der Messe an Heiligabend, aber bei Habrans ist erst am Morgen des 25. Dezembers Bescherung. "Da muss man früh raus, da die Kinder es kaum erwarten können."

Zum Frühstück am Weihnachtstag mögen die Franzosen gerne Brioche, eine Art Hefekuchen, der je nach Region unterschiedlich sein kann. "Wir essen galette au sucre. Das ist ein flacher, runder Hefekuchen mit Zucker drauf", so Alain Habran. Das Ganze ähnelt einem deutschen Butterkuchen. Mittags ist ein Glas Champagner als Aperitif Pflicht. Danach gibt es viele Weihnachtsmenüvarianten. Lachs, Austern oder Gänseleber als Vorspeise, gefolgt von gefüllter Gans oder einem Wildbraten, dazu Gemüse. Danach kommen Salat und Käse. In Coulommiers sollte auf der Käseplatte der berühmte Coulommiers, ein Weichkäse mit Weißschimmel, nicht fehlen. "Als Dessert wird die traditionelle Bûche de Noël serviert. Das ist eine mit Creme gefüllte Biskuitrolle", verrät Habran. Zum Schluss, erzählt er weiter, gibt es Kaffee mit der Schokolade, die der Weihnachtsmann gebracht hat. "Und Alkohol für die, die nicht fahren müssen."

Wiener Neustadt

"Das Weihnachtsfest bei uns unterscheidet sich im Wesentlichen nicht von den weihnachtlichen Traditionen in Deutschland", sagt Carina Pürer aus der Stabsstelle des Bürgermeisters in Wiener Neustadt. Die Stadt hat knapp 45 000 Einwohner, liegt rund 50 Kilometer südlich von Wien und ist nach St. Pölten die zweitgrößte Kommune Niederösterreichs. Und: Wiener Neustadt gehört zu Neustadt in Europa, dem Zusammenschluss, in dem auch Titisee-Neustadt Mitglied ist. Im Juni 2017 hatte das Neustadt-Treffen in Österreich stattgefunden, eine Abordnung der Neustädter Feuerwehr war mit dabei – und von den Gastgebern begeistert. Deshalb der Blick auf ihr Weihnachtsfest.

"Wir haben den Christbaum, der am Heiligabend nicht fehlen darf und unter dem die Geschenke liegen. Bei Familien mit Kindern, die noch an das Christkind glauben, sehen die Kinder den Baum erst bei der Bescherung. Das Zeichen, dass das Christkind fertig ist und der Nachwuchs ins Zimmer kommen darf, ist das Klingeln eines zarten Glöckchens", erzählt Carina Pürer. Bevor es ans Auspacken der Geschenke geht, werden oft Weihnachtslieder wie "Stille Nacht" oder "Oh Tannenbaum" gesungen, Gedichte vorgetragen, eine Geschichte gelesen, gebetet oder weihnachtliche Musik gehört.

Je nach Familientradition gibt es vor oder nach der Bescherung das Weihnachtsessen. "Bei uns in Niederösterreich und in Wien hat etwa der Karpfen in verschiedenen Zubereitungsarten eine lange Tradition", so Pürer. Sehr verbreitet sind mittlerweile aber auch Fondue, Raclette oder Wildgerichte. Zum Abschluss des Abends geht es traditionell in die Christmette, Familien bevorzugen aber oft die Kindermette, die bereits nachmittags stattfindet. Außerdem finden oft Kindertheater statt, "so kann das Christkind Zuhause in Ruhe alles vorbereiten".

Große Tradition haben in Wiener Neustadt die Barbarazweige: Zweige von Obstbäumen, die am 4. Dezember – dem Gedenktag der Heiligen Barbara – geschnitten und in einer Vase aufgestellt werden. "Wenn sie an Weihnachten blühen, ist das ein besonderer Schmuck für die Wohnung." Das nächste Neustadt-Treffen findet 2019 in Neustadt an der Saale statt, Schwarzwälder sind bereits eingeladen.

Ugly Sweater Party heißt das Fest, zu dem die Seeräuber Titisee am Samstag, 22. Dezember, ab 20 Uhr in die Seeräuberhalle einladen. Dabei geht es um die Weihnachtspullis, die mittlerweile auch in Deutschland ihre Fans haben. Ob auffällig oder schlicht: Wer im Weihnachtspulli zur Party kommt, bekommt ein Freigetränk.