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14. September 2010
Schönheit ist nicht sein Maß
Adrian Lacour setzt sich kritisch mit der Gesellschaft und ihren Auswüchsen auseinander.
TITISEE-NEUSTADT. "Es gab immer Zeiten, in denen ich neben der rein kommerziellen Arbeit eines Grafik-Designers Zeit hatte meine Kunst zu schaffen", sagt der in Stuttgart lebende gebürtige Neustädter Adrian Lacour zu seiner Doppelausstellung in der Sparkasse und im Kunstforum Hochschwarzwald. Sie umfasst Werke von den frühen Siebziger Jahren bis heute. Im Foyer der Sparkasse kann der Besucher den von Lacour gestalteten Kunstkalender einer Firma für Baumaterial betrachten, jedem Monat ist ein historisches Kapitel gewidmet. Dabei flicht Lacour geschickt Moderne in die Historie ein, ohne dabei die zart abgestimmte Farbkompositionen zu unterbrechen. Entstanden sind zwölf interessante Collagen, die Kunst und bauhistorische Stile und Epochen vom alten Ägypten bis in die Moderne behandeln.
Professor Helge Bathelt, der die Einführung gab, unterteilt Lacours ausgestelltes Werk in drei Abteilungen. Der ersten Abteilung des Sto-Kalenders folgen seine Fotografien mit Abbildungen der Lenk-Brunnen. Lacour schenkt dem von ihm geschätzten Künstler Peter Lenk besondere Aufmerksamkeit und nimmt sich Zeit, seine Skulpturen neu zu beleuchten. Die dritte Abteilung sind die "Begegnungen". Wie Momentaufnahmen seiner Reisen scheinen die Objektporträts, die gemeinsam mit ihrer Betitelung zu ihrer Aussagekraft gelangen. "Kopflos schön" etwa zeigt die Plastikpuppen eines Stuttgarter Kaufhauses. Zum Verkauf der angepriesenen Damenunterwäsche ist offenbar nicht einmal der übriggebliebene Kopfstumpf nötig. "Consumers Dreamworld" nennt er die Ansicht einer werbebeklebten Spiegelfassade in Las Vegas, die Träume der Spieler spiegelnd.
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Lacour selbst sieht sich als Beobachter. Er erzählt, wie wichtig es für einen Fotografen ist, auf den richtigen Moment zu warten und eben nicht wild auf den Auslöser zu drücken. Überhaupt ist er ein Geschichtenerzähler, der gerne von der ihm gestellten Frage abweicht und in die große bunte Kiste seiner Erinnerungen greift. Und ein Sänger ist er auch, plötzlich erschallt die kräftige Stimme des graugelockten Tenors mit weit ausladender Geste durch das Foyer. Singend bittet er das Publikum, ihm nun zu den Ausstellungsräumen des Kunstforums zu folgen, wo er seine Zeichnungen präsentiert.
Die Vorsitzende Karin Hessler begrüßt die sehr zahlreichen Besucher an der Salzstraße, wo Lacour seine Bilder in Blei, Filz, Pastell und Acryl ausstellt. Die Themen, die er in seinen Zeichnungen behandelt, sind so mannigfaltig wie das Angebot an das Auge des Betrachters – der Besucher muss schon Zeit zum Betrachten mitbringen. Gut, erzählt er, dass er immer wieder die Zeit fand, in seinem italienischen Restaurant "zu sitzen, zu rauchen und Wein zu saufen", denn dabei kamen ihm die nötigen künstlerischen Inspirationen für seine Malerei, die ihren Ursprung nicht verbirgt. Kritisch sind die Zeichnungen und Illustrationen. Schön kann man die Figuren zwischen Mensch, Maschine und Monster nicht finden. Dass Lacour eine Vorliebe für Technologie hat, wie er erzählt, ist unschwer herauszulesen. Der Genussmensch Lacour setzt sich immer wieder mit dem Thema Alkohol, Zigaretten, Konsum, Frauen und Sex auseinander, diesen allzu bekannten menschlichen Lastern, die immer wieder zu Gewissensspannungen führen, nicht wahr? Dabei ruft er durch seine skurril-humorige Handschrift eine ganz eigene Mischung von Humor und Abscheu hervor. Sein dargestelltes Frauenbild ist mitunter fast schmerzhaft scheußlich, doch auch die männlichen Protagonisten kommen nicht besser weg, die Zeichnung "Wilhelma" thematisiert schonungslos die unerträgliche ausufernde Lüsternheit des bescheidenen Normalo-Durchschnittsmanns in unserer Gesellschaft. Gesellschaftskritisch ist Lacour, und es ist vor allem die Doppelmoral, die sich hinter den bröselnden Scheinwerten befinden, die er sich vornimmt und durch seine Karikaturen eher verschärft als verzerrt. Jedoch – und das macht ihn sympathisch – nimmt er sich nicht selbst aus, sondern fließt als vielleicht einer der größten Bestandteile seiner Bilder mit ein.
Seine Zeichnungen dokumentieren wie die Fotografien eine große Zeitspanne von mehreren Jahrzehnten. Denn, wie gesagt, es gab zwischen den Zeiten, in denen er ausschließlich kommerziell als Grafiker und Grafikdesigner arbeitet, immer wieder Phasen, in denen er Zeit für seine Kunst fand. Lacours Zitat, das die Eröffnung beschließt, sei auch hier erwähnt: "Fotografieren heißt, mit Auge und Hirn wahrnehmen und mit Licht zeichnen. Ich zeichne mit der Kamera, Bleistift und Farbe, mit Worten meine Geschichten, mit dem Bass oder Piano meine musikalischen Jazz-Linien, mit meinen typographischen Sinn und den Linien, die die Fonts mir geben, Firmenmarken, Plakate, Zeitungen und Kalender. Ich denke, ich sehe, also bin ich. Im Sein versuche ich, die Fantasie in mir zu koordinieren und mich mit ganzer Seele dem Medium zu widmen."
Autor: Marion Pfordt
