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18. Februar 2010 19:37 Uhr
Schilderwahn
Tuniberg kämpft um Hinweisschild – Kaiserstuhl mauert
Der braun-weiße Schilderwald zwischen Offenburg und Basel wird immer dichter. Doch womit andere Anbaugebiete werben, bleibt den Tunibergern verwehrt. Die kämpfen seit Jahren für ein Schild. Doch das scheint nur auf Kosten der Kaiserstühler möglich.
Die Winzer am Tuniberg sind sauer. 2008 lehnte das baden-württembergische Innenministerium (IM) zuletzt ihren Antrag auf eine Hinweistafel ab. Im vergangenen Jahr sammelten sie Unterschriften bei Winzergenossenschaften, Hoteliers und Gastronomen und reichten ein neues Gesuch ein. "Der Tuniberg ist ein bedeutsames Anbaugebiet", sagt Winzer Jürgen Landmann aus Walthershofen. "Und schließlich haben die anderen auch eins."
Die anderen – das sind die Ortenau, der Breisgau, das Markgräflerland und der Kaiserstuhl. Sie alle buhlen mit den sechs Quadratmeter großen Schildern um die Aufmerksamkeit der Autofahrer – und nicht nur sie. Allein zwischen Offenburg und Basel stehen 50 Unterrichtungstafeln. In ganz Baden-Württemberg sind es 300.
Wer Anrecht auf ein Schild hat, entscheiden das Regierungspräsidium (RP) und das IM. Dabei gilt: Bedeutsame Landschaften, Sehenswürdigkeiten von kulturhistorischer und touristische Ziele von überregionaler Bedeutung. "Der Tuniberg fällt nicht darunter", erklärt Gerhard Scholl vom IM. "Er ist der kleine Bruderberg vom Kaiserstuhl." Außerdem herrsche akuter Platzmangel.
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Mussten in den 80ern noch mindestens 20 Kilometer zwischen zwei Tafeln liegen, verringerte sich der Abstand mit wachsender Schilderwut. Heute trennen "Weinland Kaiserstuhl" und "Weinland Breisgau" aus Richtung Basel noch vier, aus Richtung Offenburg 7,5 Kilometer. Da ein Schild in unmittelbarer Nähe zum Ziel stehen soll, müsste die Tuniberg-Tafel auf einem dieser Kilometer aufgestellt werden. Das ist unmöglich. Laut Richtlinie haben zwischen zwei Anschlussstellen maximal zwei Schilder Platz. "Mehr lässt die Aufmerksamkeit der Autofahrer nicht zu", erklärt Verkehrspsychologin Barbara Metz von der Universität Würzburg.
Interaktive Karte: Schilder an der A5
"Ein Kompromiss könnte ein gemeinsames Schild von Tuniberg und Kaiserstuhl sein", sagt das IM. Bereits in den 90ern gab es konkrete Entwürfe. "Die sind am Widerstand der Kaiserstühler gescheitert", sagt Karl-Heinrich Maier, Bereichsvorsitzender für Tuniberg. Dem widerspricht Rolf Bürkin, seinerzeit verantwortlich für den Kaiserstuhl. Die Tuniberger hätten das ihre dazu getan, eine gemeinsame Lösung zu verhindern.
Diese wagten im Jahr 2000 den Alleingang und beantragten erstmals ein eigenes Schild – was prompt vom IM abgelehnt wurde. Damals wie heute waren fehlende Bedeutung und Platzmangel der Grund. Doch gibt es einen kleinen, wenn auch feinen Unterschied: Seinerzeit sollte der Schriftzug schlicht "Tuniberg" lauten. Nun soll der Zusatz "Weinland" mit aufs Schild. Für das IM ein weiterer Ablehnungsgrund – und zugleich ein Kuriosum. Was den Tunibergern verwehrt bleiben soll, ist auf den Tafeln der anderen südbadischen Reblandschaften erlaubt.
23 Jahre lang stand auf deren Schildern nur "Ortenau", "Breisgau", "Markgräflerland" und "Kaiserstuhl". Auf Initiative des Badischen Weinbauerverbandes wurden diese 2007 durch neue mit dem Zusatz "Weinland" ersetzt - quasi als Abschiedsgeschenk des scheidenden Regierungspräsidenten Sven von Ungern-Sternberg. Ihm zufolge war es schwierig, vom Land eine Genehmigung zu bekommen. Oder hat es diese niemals gegeben, wie gemunkelt wird?
Der Fall Tuniberg lässt vermuten, dass das Ministerium damals den Alleingang des Freiburger RP zwar toleriert hat, aber zu keinem weiteren Zugeständnis mehr bereit ist. Dies wird gestützt von der offiziellen Ablehnung des IM für "Weinland Tuniberg". Darin heißt es: "Hinweise auf die landwirtschaftliche Nutzung einer Landschaft oder die Abgrenzung von Weinanbaugebieten (…) begründen keine touristische Unterrichtungstafel". Dem hält das Freiburger RP entgegen: Der Zusatz Weinland sei ein "Hinweis auf ein besonderes kulturhistorisches Merkmal." Ein Schild sei somit gerechtfertigt. Doch das letzte Wort hat wie in allen Fällen das Ministerium.
Daher wird das IM ein gemeinsames Schild von "Kaiserstuhl und Tuniberg" wohl nur ohne den Zusatz "Weinland" genehmigen. "Das ist doch widersinnig", urteilt Winzer Landmann vom Tuniberg. Und auch Waldemar Isele von der Kaiserstühler Wein-Marketing GmbH lehnt das ab. "Weinland Kaiserstuhl" habe 4120 Euro gekostet, inklusive Mehrwertsteuer. "Dann doch lieber ein eigenes Schild für Tuniberg."
Anträge in Zahlen:
2009 gingen beim IM 30 Anträge ein, die Hälfte wurde genehmigt. Zum Vergleich: Im Jahr 2000 waren es 170 Anträge, 75 Prozent wurden abgelehnt. An der A5 zwischen Offenburg und Basel wurden im vergangenen Jahr vier Schilder genehmigt: Neuenburg am Rhein, Bad Bellingen, Geotop Isteiner Klotz – Historisches Istein, Klosterkirche Schuttern. Zwei weitere Anträge sind noch in der Schwebe, da nur in eine Fahrtrichtung noch Platz ist.
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Autor: Alexandra Sillgitt
