... Jimi Merk und Christian Neven-du Mont vom Informationszentrum 3. Welt (iz3w), das 50 Jahre alt wird

ÜBER 1968 REDEN MIT...: "Solidarität gibt es heute noch"

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Sa, 10. März 2018

Südwest

Ein unscheinbarer Hinterhof in Freiburg unweit der Kronenbrücke, jede Menge Fahrräder, eine alte Holztüre. Drinnen im Büro ein blaues Ofenrohr, ein Plakat "Refugees welcome", in den Regalen alte Bücher mit Titeln wie "Kambodscha" oder "Markt versus Solidarität" und die geordneten Ausgaben der hauseigenen Zeitschrift "Blätter des Informationszentrums 3. Welt (iz3w)". Der Trägerverein, die Aktion Dritte Welt, wurde vor genau 50 Jahren von Freiburger Studierenden gegründet. Christian Neven-du Mont und Jimi Merk arbeiten seit mehreren Jahrzehnten mit. BZ-Redakteur Dominik Bloedner hat sie besucht – und bekam fair gehandelten Kaffee aus Nicaragua.

BZ: Was verbinden Sie mit 1968?
Neven-du Mont: Ich war ja im richtigen Alter Anfang 20 (lacht) und voll dabei. Man hatte viele Hoffnungen, von denen man dachte, sie würden sich bald erfüllen.
Merk: Ich war damals Schüler und habe gegen den Vietnamkrieg demonstriert. In verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen herrschte Aufbruchstimmung. Man spürte, es passiert was – auch was die deutsche Vergangenheit angeht, über die ich mit dem Vater immer gestritten habe. Und natürlich waren wir empört über Not und Elend in der sogenannten Dritten Welt. Und darüber, dass in den Medien nicht oder nur wenig berichtet wurde. Neokolonialismus und Imperialismus waren zentrale Begriffe.
BZ: Was tat die Aktion Dritte Welt?
Merk: Die Zeitschrift kam erst 1970 hinzu, am Anfang wurden Veranstaltungen organisiert. In die Freiburger Stadthalle kamen im Gründungsjahr zum Beispiel der Schriftsteller Günther Grass, Erhard Eppler, SPD-Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, und der Philosoph Ernst Bloch. 4000 Leute waren da!
Neven-du Mont: Zuerst ging es um die Reform der Entwicklungspolitik. Wir hofften auf Eppler...
Merk: Die radikale Kritik an den Strukturen weltweiter Ausbeutung kam erst später.

BZ: Woher stammt eigentlich der Begriff Dritte Welt?
Neven-du Mont: Den prägte in den 1950ern der Franzose Alfred Sauvy. Er berief sich auf den Dritten Stand, also die Nichtprivilegierten der Ständeordnung im ausgehenden Mittelalter, und bezog das auf die verachteten und ausgebeuteten Länder in Afrika und Asien. Erst später kamen Fidel Castro und andere und sagten: Wir Lateinamerikaner gehören auch zur Dritten Welt.

BZ: Was war damals Pflichtlektüre?
Merk: Unter anderem lasen wir Frantz Fanons "Die Verdammten dieser Erde".
Neven-du Mont: 68er wie Jürgen Horlemann mussten Bücher zu dem Thema erst selber schreiben.
Merk: Auch wir im iz3w haben ein Buch herausgebracht, damals ein Standardwerk: "Entwicklungspolitik – Hilfe oder Ausbeutung?"

BZ: Wer arbeitet hier in diesem Haus und an der Zeitschrift mit?
Neven-du Mont: Im hauptamtlichen Team sind es acht Leute mit Teilzeitstellen. Hinzu kommen Praktikanten und sehr viele Ehrenamtliche. Politische Gruppen wie die Infostelle Peru von Jimi haben hier ihr Zuhause.

BZ: Wer liest die iz3w heute?
Neven-du Mont: Alt-68er wie ich, aber auch Studierende aus Köln und Neukölln, Lehrende, Akademiker, Globalisierungskritiker. Zu Hochzeiten in den 1980er-Jahren betrug die verkaufte Auflage 8000 Stück, heute sind wir bei knapp 2500, und das sechs Mal pro Jahr. 365 Ausgaben sind bislang erschienen.
Merk: Die Zeitschrift hat sich verändert. Schon lange nicht mehr gibt es ausschließlich entwicklungspolitische Themen, sondern auch Themen wie Globalisierung, Rassismus, Genderdebatten.

BZ: Früher wurde ein Hoch auf die internationale Solidarität ausgerufen. Heute ruft doch keiner mehr?
Merk: Das würde ich nicht sagen. Wir sind nicht mehr so unkritisch gegenüber bestimmten Begriffen, Bewegungen oder auch Politikern im Süden. Nicht jeder, der eine Revolution ausruft, wird automatisch politisch unterstützt. Doch es gibt heute immer noch Solidarität für Gruppen, die für eine bessere Welt eintreten.

BZ: Beispiele bitte.
Merk: Etwa Bauern und Bäuerinnen, die von Großgrundbesitzern oder multinationalen Konzernen von ihrem Land vertrieben werden. Solidarität gibt es heute noch. Aber der Begriff wird nicht mehr so inflationär gebraucht.

BZ: Die Welt ist 50 Jahre nach 1968 nicht unbedingt gerechter oder besser geworden. Sind Sie ernüchtert, desillusioniert?
Neven-du Mont: Etwas ernüchtert vielleicht, desillusioniert auf keinen Fall. Es gibt ja immer noch genügend Anlässe, bei denen man journalistisch einschreiten muss.
Merk: Mein ursprüngliches Entsetzen über die Ungerechtigkeit auf dieser Welt ist noch da. Ein gutes Gefühl habe ich, weil ich durch die Arbeit an Veränderungsprozessen teilnehme. Es gibt immer wieder Erfolge: In Peru etwa hat sich eine Frauenbewegung gebildet, auch dort wird nun die Stimme gegen Gewalt gegen Frauen erhoben. Der Kampf geht also weiter (lacht), aber anders als früher.

Christian Neven-du Mont, 70, stammt aus München, ist Übersetzer, Journalist und Lehrer, und arbeitet seit 1978 im iz3w mit – unter anderem im Archiv. Der Freiburger Jimi Merk, 67, ist studierter Soziologe, Mitarbeiter seit 1970 und seit 1996 Geschäftsführer der im iz3w angesiedelten Infostelle Peru. Weitere Infos, auch zu den zahlreichen Veranstaltungen im Jubiläumsjahr (den Auftakt macht eine Jubiläumsgala am 14. April), unter: http://www.iz3w.org