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26. Mai 2010

Buchrezension: Die Entdeckung der Nachhaltigkeit

BUCH IN DER DISKUSSION: Ulrich Grober schreibt ein sachkundiges und leidenschaftliches Buch zum Thema Nachhaltigkeit.

Der Wanderer, Rundfunkredakteur und Schriftsteller Ulrich Grober hat die Kulturgeschichte eines Begriffs geschrieben, welcher das Zeug hat, Geschichte zu machen: vergleichbar den Menschenrechtserklärungen oder dem New Deal Roosevelts von 1930. Indem er die Verankerung dieses Begriffs in der Geschichte nachzeichnet, macht er seine Widerstandskraft und Tragfähigkeit erkennbar.

Sein Buch heißt "Die Entdeckung der Nachhaltigkeit". Das Wort genießt seit Jahrzehnten Ansehen. Von ihm, noch viel mehr von seiner angloamerikanischen Fassung ,sustainability‘ sind weitreichende Impulse ausgegangen. Es fehlt nicht an Trittbrettfahrern. Einen Monat vor dem Kopenhagener Klimagipfel wurde "die nachhaltigste Autobahn aller Zeiten" eingeweiht. Wem daran gelegen ist, dass das Wort nicht zu einem Pluszeichen ähnlich der Vorsilbe ,Bio-‘ verkommt, hat in Grobers Buch eine überzeugende Quelle.

Je näher man an den Begriff heranrückt, um so reichhaltiger wird er. Grober geht seinen Spuren in Religion, Staatsräson und Haushaltsgeschichte nach, in Holzwirtschaft und Forstwissenschaft. Wir begegnen aber auch Spinoza und Linné, Herder, Goethe und Alexander von Humboldt, erleben das Nacheinander der Energiekrisen und ihrer Beantwortung durch veränderte Waldwirtschaft, die Erschließung der Steinkohle, der Torflandschaften, der Öllager der Erde. 1930 wird auf einer Berliner Tagung die Sonne als Energiequelle, der ,photoelektrische Effekt‘ als Ausweg aus der Erschöpfung jener Ressourcen angekündigt.

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Das englische Wort ,sustainable‘ gerät 1972 durch den Club of Rome auf die globale Tagesordnung. Der von der UNO in Auftrag gegebene berühmte Brundtland-Bericht (1987) formuliert: "Nachhaltige Entwicklung ist Entwicklung, die den Erfordernissen der gegenwärtigen Generation gerecht wird, ohne die Fähigkeit zukünftiger Generationen zu gefährden, ihren eigenen Erfordernissen zu begegnen." Damit wird eine Haushaltsregel ausgesprochen, die, so allgemein sie gehalten ist, bereits eine Revolution bedeutete, wenn sie befolgt würde.

Es gilt als ausgemacht, dass der Begriff aus der Forstwirtschaft stammt und das Prinzip meint, nicht mehr Holz zu schlagen, als nachwachsen kann. Grober zeigt, dass der Begriff zu einer Zeit auftaucht, in der der Glaube an eine Lenkung der Welt aus der Höhe zu schwinden beginnt. Die Providentia, Vorhersehung und Vorsicht, wird Sache des Menschen, Nachhaltigkeit ein von ihm zu tätigendes Projekt.

Die europäische Frühaufklärung hat den Begriff in der Epoche einer ersten Ressourcenkrise hervorgebracht. Der sächsische Adlige Hans Carl von Carlowitz verfasste 1713 ein Buch gegen den Raubbau am Wald, in dem er das Konzept "nachhaltender Nutzung" entwarf. Es ist bemerkenswert, an wie vielen Stationen des 18., 19. und 20. Jahrhunderts man einer Spielart des Gedankens begegnet.

Grober stützt sich vielseitig auf Lektüre, Wanderungen, Gesprächspartner, ist dankbar für jeden Zuarbeiter, ob Spinoza oder John Lennon, setzt mit eindrucksvoller Begründung auf ein solares Zeitalter. Es handelt sich um ein leidenschaftliches, grundfreundliches, sachkundiges Buch, das sich apokalyptischen Szenarien widersetzt und ausgerüstet ist mit einem schmerzlich genauen Bewusstsein für die Dimension des Problems.

In einer Hinsicht möchte ich es ergänzen: Die Zyklen der Natur, der Einklang mit den Gesetzen ihrer Regeneration sind eine wesentliche Seite des Konzepts der Nachhaltigkeit. Es gibt noch einen anderen, älteren Begriff von nachhalten, welcher der Kultur des Menschen, seinem Rechtsdenken, angehört und die gleiche Aufmerksamkeit verdient. "Naholden" ist im Spätmittelalter ein Begriff der niederdeutschen Rechtssprache und wird gebraucht im Sinn von offenhalten, freihalten. Die Gemeinde kann ein Lehen, ein Bürgerrecht, ein Erbe "tho truwer handt naholden". Optionen offenzuhalten, die Zukunft nicht zuzubauen ist eine Rechtspflicht. Artikel 20a des Grundgesetzes lautet: "Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere im Rahmen der verfassungsmäßigen Ordnung." Spricht angesichts der Geringachtung des Artikels nicht alles dafür, den Grundsatz der Nachhaltigkeit aufzunehmen? Unser Land wäre nicht das erste, das dieses globale Grundgesetz in seine Verfassung aufnehmen würde.

– Uwe Pörksen ist emeritierter Professor für Sprache und Ältere Literatur. Er lehrte in Freiburg.

Autor: Uwe Pörksen