NS-Infozentrum

Und dann dieser brüskierend grobe Schuss vor den Bug

Dr. Hans-Peter Herrmann, Freiburg

Von Dr. Hans-Peter Herrmann & Freiburg

Di, 02. Januar 2018

Leserbriefe Freiburg

Leserbrief zu "Debatte um NS-Infozentrum" (BZ vom 8. Dezember).

Was ist nur in Herrn Dr. Salomon gefahren? Da hatte der Gemeinderat Ende Dezember die Stadtverwaltung um ein Konzept für eine Erinnerungs- und Lernstätte gebeten. Unsere Stadt sollte endlich einen Ort bekommen, an dem sie ihre Auseinandersetzung mit ihrer NS-Geschichte offiziell fortsetzen kann – einen Ort, mit dem die wichtigen privaten und halbamtlichen Initiativen in dieser Sache eine Anlaufstelle bekommen – einen Ort, durch den auch Freiburg öffentlich zeigt, was uns die Erinnerung an die damals im Namen Deutschlands Verfolgten, Vertriebenen und Getöteten wert ist.

Es hat schon mehrfach Anläufe zu einem solchen städtischen Erinnerungsort gegeben; sie waren bisher alle im Sand verlaufen. Auch deshalb hatten Anfang November Bürger in einer öffentlichen Veranstaltung dieses Vorhaben gut geheißen und unter anderem gewünscht, das frei werdende FWTM-Haus an der Ecke Rathausgasse/Rotteckring dafür nutzen zu können.

So weit, so erfreulich. Doch was tut der Oberbürgermeister? Begrüßt er das bürgerschaftliche Engagement in dieser wichtigen Angelegenheit? Sagt er seine Unterstützung zu – mit Vorbehalten natürlich, denn eine Erinnerungs- und Lernstätte wird Geld kosten, und ob das mit dem Rotteckhaus das Richtige ist, muss gut überlegt sein ... . – So oder so ähnlich hatte ich eine kluge Antwort von der Rathausspitze erwartet. Aber was kam? Ein donnerndes "Nein!". Also, das mit dem Rotteckhaus, das ginge nun schon mal "definitiv nicht". So stand es in der BZ. Und weiter? Nichts.

Das ist bitter. Und eigentlich nicht zu begreifen. Der OB hat oft überzeugend ernsthafte Worte über unsere Verantwortung gegenüber der NS-Zeit gefunden. Und dann dieser brüskierend grobe Schuss vor den Bug, wenn Stadtbürger diese Verantwortung wahrnehmen – wozu?

Muss der OB Rücksicht nehmen auf Stimmungen in der Stadt, die immer noch einen Deckel auf der Vergangenheit halten möchten, weil sie Angst haben, Angst wovor? Hat er das Haus schon jemand anderem fest zugedacht? Hat ihn geärgert, dass Leute vorgeprescht sind und jetzt schon Vorschläge für ein Projekt machen, das die Verwaltung gerade erst zu bearbeiten beginnt?

Angesichts der – sagen wir vornehm – sehr zögerlichen und nicht immer geschickten Art, mit der das offizielle Freiburg bisher seine "Vergangenheitsbewältigung" betrieben hat, stellt diese unverständliche Reaktion den Oberbürgermeister in ein merkwürdiges Zwielicht.

Dr. Hans-Peter Herrmann, Freiburg