Neues Album

Verblüffender Richtungswechsel der Arctic Monkeys

Simon Langemann

Von Simon Langemann

Di, 15. Mai 2018

Rock & Pop

Auf ihrem neuen Album "Tranquility Base Hotel & Casino" wenden sich die Arctic Monkeys von der Rockmusik ab.

Zwölf Jahre ist es her, da veröffentlichten vier gerade erst dem Teenageralter entwachsene Jungs aus Sheffield eine Platte, die aus der britischen Indie-Rock-Schwemme der Nullerjahre herausragte. Nicht nur, weil sie bei ihrem Bandnamen auf den damals obligatorischen Artikel "The" verzichteten. "Whatever People Say I Am, That’s What I’m Not", das Debüt der Arctic Monkeys, ist auch dank seiner großartigen Songs ein Album für die Ewigkeit. Doch wer hätte ahnen können, dass sich sein ellenlanger Titel einmal so programmatisch auf das Gesamtwerk der Band beziehen ließe? Unvorhersehbarkeit ist die Tugend, mit der die Engländer die Bürde des frühen Klassikers seither zu tragen wissen.

Gitarren spielen nur
noch eine Nebenrolle

Das galt 2009, als sie sich bereits mit Mitte 20 vom juvenilen Garage-Rock verabschiedeten, um unter der Regie von Josh Homme, dem Sänger der Queens Of The Stone Age das hochgradig abgebrühte "Humbug" aufzunehmen. Das galt auch 2013. Drei Monate, bevor das neue Album "AM" erschien, übernahm die Band das finale Konzert des Southside-Festivals in Neuhausen ob Eck. Niemand wusste so recht: Haben die immer noch jungen, aber aus Sicht vieler Fans der ersten Stunde uncool gewordenen Arctic Monkeys noch das Zeug zum Headliner?

Neben dem eleganten Auftritt von Sänger Alex Turner (schwarz-weiß gestreiftes Sakko, Röhrenjeans und Elvis-Tolle) ist noch heute in bester Erinnerung, wie die Zweifel nach ein paar Takten des neuen Songs "Do I Wanna Know" verflogen waren. Fünf Jahre später sitzt das geniale Downtempo-Riff des Eröffnungsstücks noch so fest im Ohr wie damals. Die vier Musiker gelten seither als Großmeister des Alternative Rock.

Doch ihre nun veröffentlichte sechste Platte bringt nicht weniger als den verblüffendsten Richtungswechsel der Bandgeschichte. Auf "Tranquility Base Hotel & Casino" tauchen die Arctic Monkeys tief in einen Klangkosmos ein: Willkommen in der Welt des gediegenen Vintage-Pop und der Bundfaltenhosen. In das schummrige, aber vornehme Innenleben dieser Platte führt das einleitende "Star Treatment" ansatzlos ein: verträumte, flächige Synthi-Klänge, ein müßiggängerisch umherschlendernder Bass, behagliches Bargeklimper auf diversen Tasteninstrumenten. Das Bild des edlen Hotel-Fahrstuhls hat sich vor dem inneren Auge längst aufgetan, als Alex Turner nach drei Minuten schließlich das Wort "Elevator" benutzt. Ein wenig fühlt man sich an die tiefenentspannte Stimmung von "Everyday Robots" erinnert, dem 2014 erschienen Soloalbum von Damon Albarn.

Mit dem Sänger der Band Blur verbindet die Arctic Monkeys auch das gesunkene Interesse am typischsten aller Rockinstrumente. Für die ursprünglich so zentralen Gitarren hat das Produzentenduo James Ford/Alex Turner nur eine Nebenrolle vorgesehen. Nur einmal, im lärmigen Ausnahmefall "She Looks Like Fun", werden sie von der Leine gelassen, ansonsten treten sie zumeist als schmückendes Melodieinstrument in Erscheinung. Den dadurch gewonnenen Raum nutzt Turner, der die Stücke diesmal am Klavier schrieb, für vielschichtige Arrangements und gesangliche Höchstleistungen. Nicht dass man ihm diese nicht zugetraut hätte, doch wie er etwa in "American Sports" vom Nick Cave-haften Sprechgesang auf zarte Melodiösität umschaltet, ist ungeheuer effektvoll.

Künstlerisch

konsequent

Das gilt auch für das Falsett im Titelsong, auf dem man ihn zunächst kaum wiedererkennt. "Please, tell me, how may I direct your call?", heißt es da im Refrain. Nur konsequent, dass Turner sich analog zur musikalischen Verwandlung auch textlich in das eine oder andere Rollenspiel hineinfantasiert. Auf der ersten Single "Four Out Of Five" singt er etwa im Tonfall der digitalisierten Werbeindustrie über Gratis-Probemonate und positive Bewertungen: "Take it easy for a little while / Come and stay with us."

Und ja, diese eigenartige Welt, in die einen die Arctic Monkeys auf ihrer sechsten Platte entführen, lädt durchaus zum Verweilen ein. Vielleicht ist ihnen mit "Tranquility Base Hotel & Casino" kein Album für die Ewigkeit gelungen – wohl aber eine in ihrer künstlerischen Konsequenz überaus bewundernswerte Rückkehr.

Arctic Monkeys: Tranquility Base Hotel & Casino (Domino Records).
Live: Freitag, 22. Juni, Neuhausen ob Eck, Southside-Festival, Green Stage.