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08. Februar 2010 19:46 Uhr
Runde Sache
Verleger Hubert Burda feiert 70. Geburtstag
Er verlegt weltweit mehr als 260 Zeitschriften, ist Kunstkenner, Mäzen und Stifter. Aus einem Familienunternehmen hat er einen Weltkonzern gemacht. Jetzt wird Verleger Hubert Burda 70 Jahre alt.
BZ: Herr Burda, Sie feiern am Dienstag Ihren 70.Geburtstag – ist das für Sie ein besonderer Einschnitt?
Burda: Man selber merkt ja nichts. Aber die anderen heben den Finger und sagen – schon bei 60 – wie lange willst Du eigentlich noch machen. Und das ist ja auch richtig. Die nächste Generation muss die-jenigen, die da oben sitzen, aus den Sockeln heben.
BZ: Waren Sie damals anders?
Burda: Nein, so war ich auch. Wir haben die Rolling Stones gehört, und meine Nationalhymne hieß immer "Time is on my side". Ich wusste, die Generation vor mir wird irgendwann weggehen.
BZ: Sie waren 46, als Ihr Vater Franz Burda starb, der bis heute für alle in Offenburg nur "der Senator" ist. Das war 1986.
Burda: Da wusste ich: Jetzt kann ich antreten. Also, wenn die Generationen nach mir nicht diesen Schwung haben, dann werden die nix.
BZ: Stimmt es, dass Ihre Kinder Jacob (20) und Elisabeth (18) mit 27 Jahren das Unternehmen erben werden?
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BZ: Welche Eigenschaften braucht ein Unternehmer wie Sie?
Burda: Viel Mut, Risikobereitschaft und Tatkraft. Dann auch die Fähigkeit, diesen Beruf auszuüben. Ich war ja lange Zeit Chefredakteur und wusste von daher: Das beherrsche ich. Aber die Herausforderungen für die Kinder werden andere sein. Sie werden einen Teil ihrer Ausbildung auch in Kalifornien bekommen müssen. Die digitale Welt wird im Moment von dort aus regiert – ob das Google ist, Apple, Microsoft oder Facebook.
Burda: Ich denke, da hat sich nichts geändert. Gerade in einer Zeit, die so stark vom Umbruch geprägt ist, wie unsere, muss man immer unterwegs sein. Ich bin seit fast 44 Jahren in der Firma und erinnere mich nicht, dass es jemals einen Zeitabschnitt gegeben hätte wie heute. Das ist nur vergleichbar mit dem, was hier bei uns in der Gegend, in Straßburg, mit der Erfindung der beweglichen Lettern durch Gutenberg geschah. Mein Vater hat mir in Colmar vor der Rosenhag-Madonna von Schongauer erklärt, wie der Kupferstich, der Vorläufer des Tiefdrucks entstanden ist. Das war um 1430. Der Computer ist vor 40 Jahren entstanden und damit begann die Digitalisierung. 1500 und 2000, das waren Schwellenzeiten. Und wer da heute nicht unterwegs ist und die Zeichen der Veränderung versteht, der wird sich schwer tun in der Zukunft.
BZ: Was folgt daraus für Ihr Unternehmen?
Burda: In Zukunft zu denken. Ich habe das Unternehmen 1986 mit einem Umsatz von knapp 490 Millionen Euro übernommen. 2008 lagen wir bei 1,75 Milliarden. Die Zeit seit der Realteilung war durch drei Etappen geprägt: Zuerst haben wir am deutschen Markt in neue Titel investiert – wie Lisa, Instyle, Elle, Focus und natürlich den Kauf der Verlagsgruppe Milchstraße. Dann kam die Internationalisierung des Zeitschriftenpakets, die heute mehr als ein Drittel des Zeitschriften-umsatzes ausmacht. Wir sind der größte Verlag in Russland, sind nach Thailand gegangen, nach Südkorea. Lisa ist heute weltweit unsere größte Zeitschrift. Die Internationalisierung wird weitergehen, denn in Deutschland ist der Markt übersättigt. Und der dritte Abschnitt, der bis heute anhält, war der Aufbau des digitalen Geschäfts, wie der Burda Digital Holding mit vielen Beteiligungen auch in den USA und einem Umsatz von rund 420 Millionen.
Burda: Die lausigen Pfennige bezogen sich auf die Refinanzierung journalistischer Inhalte im Netz durch Bannerwerbung. Der Focus hatte im Jahr 2000 rund 7500 Seiten Anzeigen und machte einen Umsatz von mehr als 200 Millionen Euro. Ich dachte, wir könnten online vielleicht 100 bis 130 Millionen draufpacken. Und dann stellte ich plötzlich fest, dass es da noch ganz andere Unternehmen gibt, die online ebenfalls Werbung machten. Das war praktisch erst ab 2000 zu erkennen. Der Siegeszug der Suchmaschine Google begann. Google kann überall Werbung andocken und bestimmt heute die Werbepreise, die Vergütung und durch seine Algorithmen letztlich auch die Suchergebnisse. So meinte ich das.
BZ: Und was tun Sie dagegen?
Burda: Paul-Bernhard Kallen, der neue Vorstandsvorsitzende, hat sehr früh auf E-Commerce und Transaktion gesetzt. Das heißt, wir nutzen die Reichweite unserer journalistischen Inhalte für den Handel. So sind wir mit Zooplus der wohl größte Tierbedarfshändler, mit Valentins ein großer Online-Blumenhändler und haben mit Holidaycheck ein hoch profitables Reiseportal. Auch Food wird stärker in diese Richtung gehen. Wir haben ergänzend zur Computerzeitschrift Chip den Chip-Shop, über den wir auch unsere Cyberport- oder Computeruniverse-Angebote vertreiben. Wir machen in diesem Bereich einen Umsatz von 280 Millionen Euro. Ich denke, dass wir eines Tages auf 500 Millionen kommen und eines fernen Tages eine Milliarde machen. Aber um auch das klarzustellen: Ich glaube auch, dass wir zugleich die Milliarde Umsatz im Printgeschäft halten können. Wir gehen ja auch dort vorwärts. Das Verlagsgeschäft wird von Philipp Welte, dem Verlagsvorstand, zur Zeit auf die Zukunft ausgerichtet. Und sicherlich wird es auch neue Titel geben. Viele im Ausland, aber auch in Deutschland, manche davon in Offenburg.
Burda: ...und birgt große Chancen. Denn Inhalte über i-Phone und i-Pad lassen sich verkaufen. Mancher glaubt, dass er dort journalistische Inhalte bezahlt bekommt. Ich bin da eher skeptisch. Aber ich glaube, dass mobile Angebote für Werbung interessant werden – vermutlich zu Lasten des Fernsehens. Und dann werden's keine lausigen Pfennige mehr sein.
BZ: Sie sind Ihrer Heimatstadt innig verbunden, haben hier viele Millionen investiert, allerdings auch traditionsreiche Titel nach München verlegt, Abteilungen geschlossen oder ausgelagert. In Offenburg macht man sich Sorgen, wie es weitergeht, wenn Sie einmal nicht mehr das Sagen haben. Jacob und Elisabeth haben ja nicht Ihren Offenburg-Bezug.
Burda: Diese Sorgen kann ich nachvollziehen. Vor allem, weil mein Sohn Felix, der 2001 mit erst 33 Jahren starb, zeitweise in Fessenbach lebte. Er war sehr mit Offenburg verbunden, hat hier seine Kinder getauft. Jacob und Lisa wachsen in Bayern auf. Aber Lisa wird in diesem Jahr fertig mit der Schule und dann in Offenburg in den Redaktionen arbeiten. Und Jacob kennt das alles hier bereits – die Druckerei, Burda Digital und Burda Direct. Aber die Entscheidungen für den Standort Offenburg sind vor über zehn Jahren gefallen. Die neue Druckerei, der Umbau des Hochhauses, der Medienpark, die vielen Titel, die hier entstanden sind und entstehen – das alles waren zugleich Bekenntnisse des Vorstands zu Offenburg.
BZ: Aber die Arbeitsplätze am Stammsitz sind weniger geworden. 1986 arbeiteten in Offenburg 2800 Mitarbeiter. Heute sind es zwar weltweit 6800, aber am Stammsitz nur noch rund 2000.
Burda: Schon, aber in den Bereichen Digital und Direktmarketing sind in den letzten zehn Jahren zugleich 820 völlig neue Arbeitsplätze entstanden. Da ist eine Geschichte ganz wichtig: 1973 wurde mein Vater 70 Jahre alt. Er zeigte mir in der alten Druckerei ein Gerät aus Glas, eine Röhre. Da stand Crosfield drauf. Er sagte: "Komm her, schau Dir des emol an – wieso koscht jetzt des Gerät 630 000 Mark?" Das war der erste Farbscanner. Ein solches Gerät bekommen Sie heute bei unserer Firma Cyberport ab 60 Euro. Mit dem Crosfield-Scanner fing bei Burda eine Zeit sozialer Spannungen, Betriebsversammlungen und heftigster Debatten mit der Gewerkschaft an.
BZ: Und es gab harte Einschnitte.
Burda: Sicher. Damals hatten wir in den Druckvorstufen etwa 500 Mitarbeiter. Anfang der 80er-Jahre waren die meisten weg. Aber dass sich Berufe verändern, das ist nun mal eine Tatsache. Wir haben heute einen Preisverfall im Druck- und Rückgänge im Anzeigengeschäft. Wenn wir damals in den 70er-Jahren nicht gehandelt und uns personell nicht angepasst hätten, dann gäbe es uns heute nicht mehr. Man kann kein Unternehmen führen, das über die Jahre unrentabel wird. Irgendwann kannst Du nicht mehr bezahlen.
Burda: Ja, klar. Der Höhepunkt war im Sommer ’92, als die Super-Zeitung eingestellt wurde, die Finanzdecke extrem dünn war und ich 1993 den Focus machen wollte. Markwort brauchte 80 Millionen Euro, und wenn er nicht den Erfolg gehabt hätte, wer weiß, wie es dann gekommen wäre. Es war wahrscheinlich ganz gut, dass ich nicht alle Details über meine Finanzen nachfragte. Mein Vater war ja ähnlich. Er hat nie gewirtschaftet, um viel Geld zu verdienen. Das Geld war da, um zu investieren. Er war nie der übervorsichtige Kaufmann. Wie gesagt, man braucht Mut, Risikobereitschaft und Tatkraft für die Sache und vor allem Spaß. Ich hatte noch nie das Gefühl, dass ich zur Arbeit gehe. Und zum Entspannen reicht mir vollkommen der Samstag. Da male ich. Und am Sonntag, spätestens ab 17 Uhr, geht das Geschäft wieder los. Dann wird telefoniert. Und das war bei meinem Vater das Gleiche. Der war genauso.
BZ: Welche persönlichen Wünsche und Träume haben Sie noch?
Burda: Print muss gesund bleiben, und der digitale Bereich muss weiter nach vorne gehen. Und natürlich wünscht man sich Gesundheit, um vieles, was man im Kopf hat, zu realisieren.
BZ: Wie steht es mit Reisen?
Burda: Da bin ich net narrisch, das ist mir eher zu viel. Ich werde weiter wie bisher im Büro sein. Die freie Zeit, die ich habe, will ich einfach hinhocken, Weggefährten treffen, badisch reden. Und hoffentlich wieder öfter Skitouren machen. Vielleicht dieses Jahr noch mit einem Freund aus Freiburg am Herzogenhorn, vom Hofmättle nach Bernau. Keine Malediven, Bahamas oder Bermudas – entsetzliche Vorstellung. Seychellen – fürchterlich!
BZ: Offenburg wird Stammsitz bleiben?
Burda: Ja. Offenburg wird immer der Sitz der Hauptverwaltung bleiben. Ich habe ja das Haus meiner Eltern in der Schanzstraße als eine Art Begegnungs- und Erinnerungsstätte hergerichtet und festgelegt, dass alle Gesellschafterversammlungen dort stattfinden. Die Gesellschafter, das werden in 100 Jahren vermutlich ein paar mehr sein, werden sich immer dort treffen. Es hat schon große Kraft, wenn etwas über 100 Jahre an einem Ort bleibt. Der Stammsitz der Burdas bleibt Offenburg.
HUBERT BURDA
wurde am 9. Februar 1940 als jüngster der drei Söhne von Aenne und Franz Burda in Heidelberg geboren. Er verbrachte Kindheit und Jugend in Offenburg, wo seit 1908 der Stammsitz des elterlichen Druck- und Verlagshauses ist. 1960 zog es Hubert Burda nach München, wo er Kunstgeschichte und Soziologie studierte. 1966 trat der promovierte Kunsthistoriker ins väterliche Unternehmen ein, wurde unter anderem Verlagsleiter von Bild + Funk und auch Chefredakteur der Bunten. Nach dem Tod von Senator Franz Burda im Jahr 1986 übernahm Hubert Burda das Stammgeschäft mit den Druckereien und damals 15 Zeitschriften und machte daraus einen Weltkonzern mit inzwischen weltweit 6800 Mitarbeitern.
Weitere Artikel und Fotos zum Thema:
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Autor: Helmut Seller
