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26. Juni 2012

Von Franz Schubert zu Jogis Jungs

Der Konzertabend des Ettenheimer Musiksommers am Donnerstag stellt sich auf das EM-Halbfinale im Fußball ein.

  1. Nach dem Konzertgenuss mit Özil und Reus jubeln. Die Musikfreunde machen es möglich. Foto: Dpa

  2. Max Ciolek und Elzbieta Kalvelage bei ihrem ersten Gastspiel im Rahmen des Ettenheimer Musiksommers vor drei Jahren in der Kunsthalle Altdorf. Foto: Decoux-Kone

ETTENHEIM. Manch Freund des Ettenheimer Musiksommers erkennt beim Blick auf den Kalender sofort das Problem: Franz Schuberts "Winterreise", gesungen von Max Ciolek, und das Sommermärchen, das gerade Jogis Jungs in Polen und der Ukraine schreiben, passen nicht nur jahreszeitlich nicht zusammen, sie stehen in dieser Woche sogar in direkter Konkurrenz. Das Konzert im Bürgersaal und das EM-Halbfinale finden am gleichen Abend statt. Doch der Musiksommer hat auch auf dieses Problem eine passende Antwort.

Der Künstler selbst hatte gestern die Veranstalter des Musiksommers – die Musikfreunde Ettenheim – auf das Dilemma von Musik- und Fußballfreunden aufmerksam gemacht. Was nicht weiter verwundern wird, wenn man weiß, dass Max Ciolek in Dortmund geboren wurde und während der Schulzeit "auch immer unter den Schülern zu finden war, die nach dem Unterricht auf einem Bolzplatz hinter dem Gymnasium Fußball spielten". Das erklärt aber nur zum Teil seine Sensibilität für die Konstellation am Donnerstagabend. Max Ciolek ist nicht nur Tenor und begehrter Oratoriensänger, er ist auch Künstlervermittler und Konzertmanager und deshalb mit solchen schwierigen Situationen für Programmmacher vertraut. "Ich war selbst schon einmal als Konzertveranstalter in der gleichen Situation während der Fußball-WM vor sechs Jahren. Auch damals haben wir eine Lösung für beide Interessen gefunden."

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Sein Vorschlag für das Konzert am kommenden Donnerstag, 28. Juni, im Bürgersaal (Beginn 20 Uhr): Den Liederzyklus "Winterreise" von Franz Schubert, bei dem Ciolek am Hammerflügel von Elzbieta Kalvelage begleitet wird und der etwa eine Stunde dauert, wäre der Tenor bereit, ohne Pause singen. Damit würde das Konzert um 21 Uhr enden. Zugleich schlug er vor, in einem Nebenraum zum Bürgersaal ein Public Viewing zu ermöglichen. Zuerst Schubert genießen und dann das Fußballspiel. "Die 24 Lieder in einer Folge zu singen, birgt sogar einen besonderen Reiz in sich. Die Spannung bei den Zuhörern bleibt vom ersten bis zum letzten Lied erhalten. Eine solche Erfahrung mit einem Konzert wäre auch für mich neu", gesteht Max Ciolek.

Diese Entgegenkommen des Künstlers ("Man darf die Kunst und sich als Künstler nicht überhöhen und das Geschehen drum herum völlig ausblenden") haben die Musikfreunde freundlich aufgenommen und genutzt: Das Vorstandsmitglied Eugen Weber ist gestern die entsprechenden Vorbereitungen angegangen. Max Ciolek hat’s mit Freunde registriert, denn auch er will nach dem Gesangsvortrag das Spiel verfolgten und Jogis Jungs die Daumen drücken, so wie er es bereits im Viertelfinale gegen die Griechen getan hat, "da haben wir mit Freunden ein privates public Viewing gemacht".

Und die Kunst? Franz Schuberts (1797 bis 1828) Liederzyklus "Die Winterreise", komponiert 1827/1828 nach Gedichten von Wilhelm Müller (1794 bis 1827) treffe genau das Thema des Ettenheimer Musiksommers "Willkommen und Abschied", heißt es in einer Pressemitteilung. Natürlich stehe der Abschied im Vordergrund, das vorangegangene "Willkommen" tauche nur noch in der Erinnerung auf. Während Schuberts 1. Liederzyklus "Die schöne Müllerin" von 1824 wie in einem gedrängten Roman Erwachen und Verlöschen einer Liebe nachvollzieht, gibt es in der "Winterreise" keine zwingende Handlungs- oder Entwicklungsfolge. Schubert fühlte sich von der schlichten, aber das menschliche Empfinden unmittelbar ansprechenden Lyrik zu einer Komposition inspiriert, die die bis dahin gewohnte Harmonik erweitert und die menschliche Stimmungswelt wechselvoll und unmittelbar wiedergibt. Es existieren über 50 Einspielungen auf Schallplatte oder CD, darunter allein vier von dem kürzlich verstorbenen Bariton Dietrich Fischer-Dieskau.

Ettenheimer Musiksommer: Max Ciolek, Tenor, Elzbieta Kalvelage, Hammerflügel. Winterreise, 24 Lieder von Franz Schubert. Donnerstag, 28. Juni, 20 Uhr, Bürgersaal.

Autor: Klaus Fischer