Von Klassik bis Pop und zurück

Robert Ullmann

Von Robert Ullmann

Di, 31. Dezember 2013

Ettenheim

Das russische Gershwin-Streichquartett spielte in Ettenheim eine breite Musikpalette von Mozart bis Stevie Wonder.

ETTENHEIM. Es war eine höchst gelungene Mischung aus klassischem Konzert und Einstimmung auf die festliche Silvesterparty, den das russische Gershwin-Streichquartett am Sonntagabend im sehr gut besuchten Bürgersaal Ettenheim geboten hat. Die vier Musiker waren in allen dargebotenen Genres sattelfest, ob sie nun Klassik, Folklore oder Jazz- und Popmusik spielten.

Bereits mit dem ersten Werk des Abends erlebten die Gäste ein Glanzlicht. Wolfgang Amadeus Mozart war gerade einmal 16 Jahre alt, als er sein Divertimento D-Dur, KV 136, schrieb. Es handelt sich beileibe nicht um "große" Musik. Eher das, was das Wolferl so quasi im Vorbeigehen aus dem Ärmel schüttelte. Und doch … Das Werkchen sprüht vor Lust und Anmut. Die vier Musiker auf der Bühne fassten es als Übung in Eleganz und Leichtigkeit auf.

Die griffige Melodie entstand wie von selbst, als würde sie von ihrem eigenen Schwung erzeugt. Man schwelgte – und schwelgte doch höchst kontrolliert. Da schwingt sich der musikalische Bogen mit einer tänzerischen Drehung auf zum strömenden Gefühl – um sofort darauf neckisch zu zerflattern, in einem Wirbel davonzustieben. Sofort schaltet das Quartett die Lautstärke etwas zurück, mit derselben Melodie wie eben, nur diesmal innig, verhalten dargeboten – sozusagen mit züchtig niedergeschlagenen Augen, während das Cello mit feinen "pom pom pom"-Strichen lockt und zu verführen sucht. Die beiden Violinen reagieren darauf zunächst mit Seufzern, sich zierend und gegenseitig einen Widerhall gebend. Dann geben sie der Züchtigkeit den Laufpass und springen wieder hinein in den lustvoll-kecken Wirbel.

Der langsame Mittelteil ist seelenvoll. Und doch ist da immer ein Augenzwinkern drin versteckt, ein Necken, wohingegen das Rondo zum Abschluss schäumt wie Champagner. So kann nur ein 16-Jähriger schreiben, der den gesetzten Altvorderen respektlos zeigen will, wie man fetzige Musik macht.

Für kranken Michel Gershwin sprang Arkadi Marasch ein

Dann der Gegensatz: George Gershwins "Lullaby", ein in jazzige Harmonien gekleidetes Wiegenlied, mit vielen zarten Flageoletts, engelhaft zirpenden Höhen und seliger Harmonie – ein Werk, das ein bisschen an die Filmmusik eines klassischen Hollywood-Schwarzweiß-Streifens fürs Weihnachtsprogramm erinnert.

Gershwin, Schöpfer der "Rhapsody in Blue" und der Oper "Porgy and Bess", ist nicht der Namensgeber des Gershwin-Quartetts. Das ist Michel Gershwin, sein erster Geiger. Leider war er am Sonntag erkrankt. Für ihn spielte Arkadi Marasch. Ein Bruch zu den übrigen Ensemblemitgliedern – Nathalia Raithel, Violine, Anton Hubert, Bratsche, und Kira Kraftzoff, Cello – war jedoch nirgendwo zu spüren.

Das Publikum wurde mit einem Konzertknaller nach dem anderen beliefert, darunter Zugabenstücke wie Kreislers "Liebesleid" und "Liebesfreud" als Reminiszenz an den Wiener Salon. Zwei der "Ungarischen Tänze" von Brahms wurden in der Quartettbesetzung wieder zurücktransponiert in die Folklore, wo sie ihren Ursprung haben. Das sind tausendfach gehörte Stücke – aber hier derart hinreißend gespielt, dass es begeisterte.

Ein absolutes Glanzstück: "Schwarze Augen", ein russisches Volkslied im Kalinka-Rhythmus, will sagen: Es wird immer schneller. Die hinreißende Natalia Raithel spielt das mit Bravour und zugleich mit diesem Osteuropablues im Ton, der an der Seele nagt und das Auge befeuchtet. Wunderbar! Im zweiten Teil wurde es sehr poppig und leider etwas beliebíg. Klezmer-Anklänge mit "Wenn ich einmal reich wär", ein Ausflug in den Hot-Club-Swing mit "Lullaby of Birdland", großes Gefühl mit der Filmmusik aus "Schindlers Liste". Sogar Funkrock war dabei mit Stevie Wonders "Sir Duke". Alles wunderbar dargeboten, aber doch zu sehr Kramladen. Da war es gut, dass es als Zugabe nochmals Mozart gab, als Abschluss eines hinreißenden, launigen und sehr gelungenen Abends.

Weitere Informationen unter http://www.gershwinquartett.com