Interview

Was ist muslimischer Antisemitismus – und wo liegen seine Ursachen?

Annemarie Rösch

Von Annemarie Rösch

Fr, 22. Juni 2018 um 21:12 Uhr

Deutschland

David Ranan hat bei einer BZ-Veranstaltung über den muslimischen Antisemitismus und seine Ursachen gesprochen. Der israelische Politikwissenschaftler sagt: "Es gibt eine große Unkenntnis des Nahostkonflikts."

In Berlin steht ein syrischer Flüchtling vor Gericht, weil er einen jungen Mann mit Kippa beleidigt und angegriffen hat. "Muslimischer Antisemitismus" heißt ein Buch des israelischen Politologen David Ranan. Im Rahmen der "BZ-Hautnah"-Reihe sprach er am Donnerstagabend in Freiburg vor 100 Zuschauern über das Thema.

BZ: Herr Ranan, wie definieren Sie Antisemitismus?
Ranan: Die überzeugendste Definition stammt von dem britischen Philosophen Brian Klug, der Antisemitismus als Feindseligkeit gegen Juden als ‚Juden‘ definiert. Das heißt, diese Juden sind fantastische Figuren mit angedichteten Eigenschaften. Antisemitismus ist also eine auf falschen Tatsachen beruhende Feindseligkeit gegenüber Juden.

"Hinter der Feindseligkeit steckt in erster Linie ein territorialer Konflikt." David Ranan
BZ: Für Ihr Buch haben Sie 70 Muslime mit akademischem Hintergrund interviewt. Immer wieder taucht das Bild des reichen Juden auf, der nach Weltherrschaft strebt. Typische Klischees?
Ranan: Ja, dazu aber habe ich in den Gesprächen herausgefunden, dass die Einstellung der Befragten zu den Juden in erster Linie mit der Politik Israels verbunden ist. Sie finden diese Politik ungerecht, und für einige ist die Existenz eines nicht-muslimischen Staates auf ‚muslimischem‘ Boden nicht akzeptabel. Hinter der Feindseligkeit steckt also in erster Linie ein territorialer Konflikt und nicht Antisemitismus. Zudem meinen viele Araber Israel, wenn sie Juden sagen. Ich denke, auch im Falle des Syrers in Berlin war das so. Gleichwohl ist Gewalt natürlich nicht akzeptabel.

BZ: Aber im Koran gibt es doch Stellen, die judenfeindlich sind. Damals gab es den territorialen Konflikt noch nicht. Kann nicht daher auch Antisemitismus herrühren?
Ranan: Anders als im Christentum gibt es im Islam keine so tiefsitzende Judenfeindschaft, die in der Religion begründet ist. Für die Christen waren die Juden die Gottesmörder. Über Jahrhunderte hat man deshalb Feindschaft gegen sie gehegt, die dann im 19. Jahrhundert in einen rassistischen Antisemitismus mündete. Im Islam gibt es die Idee nicht, dass die Juden Gott ermordet haben. Jesus ist für sie nur ein Prophet. Juden wurden in der muslimischen Welt nie in der Weise verfolgt wie im christlichen Europa. Die judenfeindlichen Verse im Koran beziehen sich meist auf konkrete Situationen und Auseinandersetzungen zwischen dem Propheten und jüdischen Stämmen in Medina, wo Mohammed eine Zeit lang lebte.

BZ: Heißt das, dass es unter Muslimen gar keine Antisemiten gibt?
Ranan: Nein, es gibt auch unter Muslimen Antisemiten. Sicherlich ist Antisemitismus ein Teil der Lehre unter Islamisten. Interessant ist es zu wissen, dass Schriften wie die Protokolle der Weisen von Zion von Christen in die arabische Welt importiert wurden. Darin steht, dass die Juden die Welt manipulieren und die Weltherrschaft anstreben. Diese Schriften werden gerne in der antijüdischen Propaganda verwendet. Diese Islamisten sind aber unter den 1,6 Milliarden Muslimen nur eine sehr kleine Minderheit.

BZ: Welche weiteren Beobachtungen haben Sie bei den Gesprächspartnern gemacht?
Ranan: Es gibt eine große Unkenntnis des Nahostkonflikts, verbunden mit hoher Emotionalität. Hier gibt es viel Nachholbedarf, wenn wir verhindern wollen, dass Muslime in die Arme von Extremisten geraten.

BZ: Wie kann das geschehen?
Ranan: Wir müssten auf alle Fälle im Geschichtsunterricht über den Nahostkonflikt und dessen Entstehung informieren und alle Seiten beleuchten. Das geschieht bisher nicht. In einem zweiten Schritt müssen wir Empathie lernen für den Anderen. Wir müssen verstehen, dass Juden sich Sorgen machen um die Sicherheit Israels, ihrer Familien und Freunde, genauso wie viele Muslime sich mit der Lage der Palästinenser identifizieren und sich um sie Sorgen machen. Diese Gefühle des anderen müssen wir akzeptieren. Nur so können wir friedlich miteinander leben.
David Ranan, geboren 1946, ist Gastwissenschaftler am Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin.