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17. Januar 2009

Wenn das Internet zur Sucht wird

Ein Jugendlicher beschreibt seine Abhängigkeit von Computer- und Internetspielen / Virtuelle Welt als Flucht vor der Realität.

  1. Die Hand an der Maus führt in virtuelle Welten. Foto: MZD

BREISGAU. Die Sucht hat viele Namen: Alkohol, Nikotin, Tabletten – oder auch Internet- und Computerspiele. "An diesem Tag ging es mir völlig beschissen, ich hab einfach gemerkt, dass es so nicht weitergehen kann", erklärt Florian (Name von der Redaktion verändert), weshalb er sich bei der Badischen Zeitung gemeldet hat. "Ich würde gerne über die Sucht reden, Computer spielen zu müssen, obwohl man es gar nicht will", hatte der 18-Jährige geschrieben.

Florian sitzt nun im Wohnzimmer, im sechsten Stock eines Wohnblocks in einer Freiburger Umlandgemeinde. Neben dem geschmückten Christbaum wirkt er ein bisschen blass und schmal. Er trägt auch im Zimmer die Baseballkappe auf dem Kopf und sucht nach Worten, um zu beschreiben, was in ihm vorgeht.

"In die Schule gehen, das geht gerade noch", beschreibt Florian, der die Abschlussklasse besucht. Doch in seinem Tagesablauf gibt es keinen Raum, sich mit Freunden zu treffen: "Das läuft nicht mehr". Den Drang zum Bildschirm, zu Maus und Tastatur, kann er gerade noch bis über das Mittagessen hinaus zurückhalten, doch auch nur wenn Mutter oder Vater zu Hause sind.

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Ansonsten wird selbst essen und trinken zur Nebensache, findet neben Tastatur und Maus. Seinen Platz am Rechner verlässt er erst wieder zum Schlafengehen: "Wenn die Augen zufallen". Angefangen hat alles "ganz kurzweilig". Am ersten Rechner im Haushalt saß er nur gelegentlich. Die Spiele gegen den Computer fand er nicht so spannend, die ausrechenbaren Programme seien keine guten Gegenspieler gewesen. Eben schlechter als ein Mensch, der am anderen Ende sitzt. So sei der eigentliche Kick für ihn mit der Möglichkeit gekommen, über Internet mit anderen zu spielen. "Der Mensch gegenüber lässt sich nicht so leicht reinlegen wie die Maschine", so Florian.

Wenn ein Spiel langweilig wird, wird ein neues gekauft

Irgendwann spiele es keine Rolle mehr, in welchen Spielen er sich mit anderen Partnern messe. "Ego-Shooter, Strategie und Rollenspiele, ich spiele alles", so der Gambler. Der Reiz seien neben dem Messen  mit anderen  die teils tollen Grafiken und das Kennenlernen von fremde Welten. "Ich bin Forscher und kann zugleich versuchen, der Beste zu sein", betont er.

Wenn eines der Spiele langweilig wird, kauft er eben ein neues. Dass er das letzte Geld für Spiele ausgibt, "und wenn es das schrottigste Spiel ist", ist eines der Aha-Erlebnisse, die Florian wachrüttelten. Das Geld hat er sich nicht nur zusammengespart, sondern auch "hinterzogen". Beispielweise, wenn er beim Einkaufen ein Teil des Restgeldes eingesteckt hat. Das schlechte Gefühl wird einfach ausgeblendet. "Ich funktioniere wie ein Roboter, es ist alles Routine geworden und die Kontrolle über mich ist völlig weg", beschreibt Florian die Sucht.

Vereinbarungen, die mit den Eltern getroffen werden, sind nutzlos, denn er wisse schon bei der Verabredung, dass er sich nicht daran halten wird. Der Versuch, auszuweichen sei immer erfolgreich, die Sucht finde immer irgendwelche Umwege.

Umwege oder Fluchtwege. Dass die virtuelle Welt letztlich nur eine Flucht aus der Realität ist, jedoch nichts Wirkliches bietet, hat Florian erkannt. Die  Spiele würden immer nur vorgaukeln, dass man weiter komme. Letztlich seien alle "Fortschritte" wertlos und die "Freunde" im Netz, die immer da seien und auffordern zum Weiterspielen, keine guten Ratgeber. Den Glauben, dass man im Netz, nur im Netz weiterkommt, hat Florian abgeschüttelt. Zu merken, dass er über sich keine Kontrolle mehr hat, hat ihn aufgeweckt.

"Ich weiß jedoch, dass es noch ein weiter Weg ist, um aus der Sucht zu kommen", betont er. Ein erste Schritt dabei ist  für ihn, dass er jüngst das Spiel, das er in der Hand hatte, wieder zurückgelegt hat, sondern seinen Eltern ein Geschenk kaufte. Die hatten ihn dazu gebracht, Hilfe in einer Selbsthilfegruppe zu suchen, die er jetzt einmal wöchentlich in Freiburg besucht. Dass strengere Eltern ihn hätten abbringen können, in die Sucht zu gleiten, glaubt er nicht. "Dies hätte mich nur noch mehr zum Spielen getrieben", glaubt er. Hilfreicher wäre vielleicht gewesen, wenn diese echtes Interesse daran gezeigt hätten, was er am Rechner tut. Auch von schärferen Gesetzen hält er nichts. "Das Internet hat die Gesetzgebung längst hinter sich gelassen", überall könne illegal kopiert, kostenlos herunter geladen werden.

Sein erstes Ziel ist jetzt, von der Sucht weg zu kommen und den Schulabschluss zu schaffen. Das wird schwer genug, denn unausgeschlafen im Unterricht zu sitzen und nur daran zu denken, wann er wieder an den PC kann, hat seine schulischen Leistungen nicht gefördert. "Manchmal vergesse ich schlicht ganze Sätze", erklärt er. Doch die Lehrer seien  schon zufrieden, wenn er erkläre, er wisse selbst nicht, woran das liegt und dass er eben schlecht drauf sei.

 

Suchtberatung

RAUM FREIBURG. Gezielt auf Computer-Spielsucht zugeschnittene Hilfsangebote gibt es in Freiburg und dessen Umland noch nicht. Das Problem, dass Jugendliche und Erwachsene zunehmend süchtig nach dem Internet- und PC Gebrauch werden, komme jetzt erst in den Beratungsstellen an, so Willi Vötter von der Stadtmission Freiburg.

Die Beratungsstelle der Stadtmission steht für Anfragen zur Verfügung. Regio-PSB Freiburg, Lehener Str. 54a, Tel: 0761 / 285830-0, Mail: PSB@stadtmission-freiburg.de, http://www.stadtmission-freiburg.de

Gezielt Jugendliche sind bei  der Drogenberatungsstelle Drobs gut beraten. Drobs – Faulerstraße 8, 79098 Freiburg, Tel: 0761 / 33511, http://www.drogenhilfe-freiburg.de

Anlaufstelle für stoffungebundene Süchte ist auch die Beratung des BLV, Kronenmattenstraße 2a, 79100 Freiburg, Tel: 0761 / 156 309 0 und deren Außenstelle in 79822 Titisee-Neustadt, Adolph-Kolping-Straße 19, Tel: 07651 / 2422, Mail: suchtberatung@blv-suchthilfe.de, http://www.blv-suchthilfe.de

In Emmendingen gibt es die Psychosoziale Beratungs- und Behandlungsstelle für Alkohol- und Drogenprobleme des BLV an der Karl-Friedrich-Straße 3, Tel: 07641 7315 und Jugend und Drogenberatungsstelle "emma" der Agj Freiburg, Liebensteinstraße 11, Tel: 07641 / 41970.

Hilfe beim Aufbau von Selbsthilfegruppen bietet das Selbsthilfebüro Freiburg/Breisgau-Hochschwarzwald an. Das Büro befindet sich am Klosterplatz 2 b in 79100 Freiburg, Tel: 0761/ 7087515, E-Mail: selbsthilfe.paritaet.freiburg@kur.org    

Autor: mzd

Autor: Markus Zimmermann-Dürkop