Wenn das Orchester Fratzen zieht

Georg Rudiger

Von Georg Rudiger

Fr, 18. Mai 2018

Klassik

Kian Soltani (Cello), der Dirigent Christoph Eschenbach und die SWR-Symphoniker in Freiburg.

Schon bei Gustav Mahlers zweiter Sinfonie im letzten Sommer forderte Christoph Eschenbach vom SWR-Symphonieorchester dynamische Extreme. Auch Antonín Dvoráks Karnevals-Ouvertüre op. 92, die von Eschenbach regelrecht durchgepeitscht wird, tendiert bei den Fortissimo-Passagen ins Lärmende. Das ist schade, weil so auch die Eleganz und Brillanz dieser Musik verloren geht. Nur im lyrischen Mittelteil lässt er das Orchester zaubern.

Aber der begeistert aufgenommene Abend im ausverkauften Konzerthaus steigert sich. Mit Kian Soltani (Jahrgang 1992) stellt sich ein hochbegabter Cellist in Freiburg vor, der technische Meisterschaft mit großer Musikalität verbindet. Sein schlanker, genau definierter Ton ist für das kammermusikalisch geprägte Cellokonzert von Robert Schumann ideal. Schlicht und geschmackvoll, aber voller Energie ist das Spiel des österreichisch-iranischen Jungstars, der von Daniel Barenboim auf die große Bühne geholt wurde. Trotz einiger kleiner Koordinationsprobleme zeigt sich das SWR-Symphonieorchester bei dem ersten von drei Konzerten unter Eschenbach als sensibler und aufmerksamer Partner, der auch immer wieder im Agitato das Drängende dieses Konzertes verkörpert. Kian Soltani lässt sich davon inspirieren und verbindet in seiner eigenen Zugabe "Persischer Feuertanz" orientalische Skalen mit leeren Saiten und abendländischer Harmonik.

Da blitzen die Details

Sein "Konzert für Orchester" hatte Béla Bartók für das Boston Symphony Orchestra mit seinen herausragenden Solisten komponiert. Auch das SWR-Symphonieorchester hat in den Bläsern viel Klasse zu bieten, beispielsweise die fantastische Flötengruppe (Tatjana Ruhland, Anne Romeis, Flavia Valente), die Oboistin Anne Angerer oder Thomas Hammes an der ersten Trompete. Vor allem gelingt es aber Eschenbach, aus den Streichern einen homogenen Klangkörper zu formen, der blitzschnell reagieren kann und vom zartesten Pianissimo bis zum forcierten Zupacken alles bietet.

Selbst die halsbrecherischen Läufe im Finale, die häufig nur heruntergenudelt werden, musizieren die formidablen SWR-Streicher al dente. Da blitzen die Details, da laufen Celli und Violinen perfekt im Unisono zusammen. Aber auch die Bläserpaare im zweiten Satz "Giuco delle coppie" sind deckungsgleich. Eschenbach schafft ergreifende Stimmungen wie im unheimlichen Beginn des ersten Satzes und lässt das Orchester im "Intermezzo interrotto" Fratzen ziehen. Das sehr schnell genommene Finale fliegt nicht aus der Kurve, sondern bleibt genau in der Spur und erzielt eine Sogwirkung, von der man sich gerne mitreißen lässt.