Wer auswärts isst, schont die Umwelt

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Von vfxh

Di, 02. Januar 2018

Liebe & Familie

BZ-INTERVIEW mit der Nachhaltigkeitsforscherin Christa Liedtke über Kochen und Essen in der modernen Gesellschaft.

Das Gemüse selbst gezogen, Gerichte liebevoll zubereitet und im Familienkreis mit Muße gegessen. So sieht das Ideal aus. Die Realität dagegen ist oft geprägt von Zeitnot, schwer zu vereinbarenden Tagesabläufen, dem schnellen Essen zwischendurch oder Kantinenbesuchen. Vor allem bei in Vollzeit berufstätigen Frauen mit Kindern meldet sich da schnell das schlechte Gewissen, wie Diskussionen im Netz zeigen und auch Wissenschaftler beobachten. Die Forscherin Christa Liedtke spricht dagegen und fordert die Frauen auf, sich vom Diktat des "gut ist nur, was selbst gemacht ist"-Druck befreien. Hin zu: Gut ist, was mich zeitlich entlastet. Eva Tenzer hat sich mit Liedtke darüber unterhalten.

BZ: Frau Liedtke, wie oft kochen Sie zu Hause für die Familie? Eher die schnelle Küche oder darf es mal auch aufwändiger sein?
Liedtke: Haus- und Gartenarbeit stehen nicht so sehr im Fokus meiner Tätigkeiten. Ich mag Hausarbeit generell und vor allem das tägliche Kochen nicht besonders. Da ich beruflich gerne voll aktiv bin, fehlen mir außerdem schlicht die Zeit und die Muße dafür. Aber ich liebe es auch, gemeinsam mit der Familie zu essen. Am Wochenende koche ich oft gemeinsam mit meinem jüngeren Sohn. Während der Woche essen alle in Kantinen oder Mensen zu Mittag. Leider sind allerdings Qualität und Geschmackserlebnisse in vielen Kantinen und gerade auch in der Schulverpflegung oft nicht wirklich gut. Kinder nehmen dann schnell die bequeme Abkürzung – denn leider findet sich im Umfeld der Mensa leicht Süßes und Schnelles.
"Frauen sind nach wie vor
zuständig für die klassischen Tätigkeiten im Haushalt wie die Essenszubereitung."
BZ: Die Hoheit über das häusliche Essen liegt seit jeher in den Händen der Frauen. Wie sehr prägt diese Tradition die weibliche Identität bis heute?
Liedtke: Immer noch sehr stark. Laut unseren Untersuchungen zur Zeitverwendung sind Frauen nach wie vor zuständig für die klassischen Tätigkeiten im Haushalt wie die Essenszubereitung. Männer eher für Reparaturarbeiten, die freilich nicht täglich anfallen. Obwohl die für Hausarbeit verwendete Zeit insgesamt zurückgeht, nämlich in den vergangenen 15 Jahren um fast 30 Prozent, bleibt die alte Rollenverteilung im Kern bestehen. Nun drängen Frauen aber zunehmend in die Arbeitswelt und auch in Vollerwerbstätigkeiten. Das schafft natürlich Konflikte, weil sie immer noch zuständig sind fürs Essen.

BZ: Viele berufstätige Frauen können nicht mehr täglich selbst für die Familie kochen. Grund für ein schlechtes Gewissen? Immerhin scheint eine gesunde und nachhaltige Ernährung, wie sie von Ärzten und Ernährungsberatern empfohlen wird, dabei auf der Strecke zu bleiben.
Liedtke: Für viele Frauen ist das tatsächlich ein Riesenproblem. Aber der Trend geht nun einmal in diese Richtung. Man kocht ja vielleicht sogar gern und zelebriert auch gutes Essen in netter Gesellschaft und diese Form des gemeinsamen Essens sollte uns auch erhalten bleiben. Aber immer weniger berufstätige Frauen stehen noch jeden Tag gern in der Küche und schälen in der knappen Freizeit Kartoffeln. Dieser Trend wird weiter zunehmen, das wird eher zur Normalität werden. Dennoch muss ja niemand auf eine gute Ernährung verzichten. Ich bin sehr dankbar für den Maschinenpark in meinem Haushalt, der mir und meiner Familie die Arbeit sehr erleichtert, und auch über die zunehmend besseren Angebote der Außer-Haus-Verpflegung. Man muss sich wohl noch stärker vom hierzulande verbreiteten Vorwurf der "Rabenmutter", die nicht täglich für ihre Kinder kocht, befreien. Das schafft einen emotionalen Druck, der völlig unnötig ist.

BZ: Kann man sich vollwertig und nachhaltig ernähren, wenn man permanent außer Haus isst?
Liedtke: Leichte, leckere und gesunde Küche in öffentlichen Angeboten ist absolut möglich und auch schon vorhanden. Wir haben in Deutschland eine gute, hochwertige Versorgungsstruktur in der Verpflegung außer Haus. Das können gerade Familien, in denen beide Eltern voll erwerbstätig sind, zu Hause in der knappen Zeit oft gar nicht leisten. Freilich ist die Qualität und Nachhaltigkeit vieler Angebote noch deutlich verbesserungswürdig. Hier sollte man genau hinschauen und Defizite gegenüber den Betreibern auch ruhig offen ansprechen. Wenn die Qualität hier steigt, würde das Frauen, vor allem die Mütter weiter entlasten.

BZ: Ihren Forschungen zufolge kann Außer-Haus-Ernährung sogar ökologischer, nachhaltiger und gesünder sein kann, als zu Hause einzeln zu kochen oder ständig Tiefkühlkost warm zu machen.
Liedtke: Vieles im privaten Haushalt – Einkäufe, Lagerung, Kochprozess – ist ineffizient, enorm viele Lebensmittel werden weggeworfen und bei vielen Tätigkeiten in der Küche werden auch Ressourcen wie Wasser und Energie verschwendet. Das können größere, auf Effizienz und Geschmack ausgerichtete Küchen in der Masse tatsächlich besser. Mit einer nur geringfügigen Erhöhung der Preise kann man gesunde leckere Kost in öffentlichen Kantinen anbieten. Die Kunden sind durchaus bereit, Gutes zu honorieren, wie "pay what you want"-Experimente in Restaurants zeigen: Für ein gutes, ökologisch korrektes Essen bezahlen sie gern etwas mehr. Wertschätzung geht mit einer höheren Zahlungsbereitschaft einher.

BZ: Stirbt die Kulturtechnik des Kochens aus, wenn diese Angebote immer stärker nachgefragt werden?
Liedtke: Da muss man genau hinschauen. Zwar gehen die Kochkompetenzen und das Ernährungswissen insgesamt zurück. Im Gegenzug jedoch steigt der Stellenwert des Essens deutlich an, wie Studien zeigen. Zudem gibt es hier große Unterschiede zwischen den sozialen Milieus. In den einkommensstarken und bildungsnahen Schichten sind sowohl die Versorgung als auch das Wissen um gesunde, nachhaltige Ernährung sowie die Kompetenzen bei der Nahrungszubereitung gut. Sich mit Essen auszukennen und in der Lage zu sein es herzustellen, ist hier ein Statussymbol. Anders sieht es in den einkommensschwachen und bildungsfernen Schichten aus, wo es an Koch- und Ernährungskompetenzen mangelt. Hier wären Konzepte nötig, um die Situation zu verbessern.
"Das schlechte Gewissen
vieler Frauen wird
dann hoffentlich der
Vergangenheit angehören."
BZ: Wagen Sie eine Prognose: Werden wir im Jahr 2050 noch alle gemeinsam zu Hause kochen?
Liedtke: Wenn das tägliche Kochen nicht mehr als Pflichtübung oder gar Last empfunden wird, man es stattdessen selbstbestimmt und bewusst tun kann, wenn einem wirklich danach ist, wird es uns auch in Zukunft erhalten bleiben. Man wird vielleicht seltener kochen. Wir vermuten, dass es eine größere Vielfalt an Lebensentwürfen geben wird: viele Menschen, die sich so gut wie gar nicht mehr zu Hause ernähren werden, weil sie Zeit in den Beruf oder andere Dinge investieren oder weil sie es einfach nicht wollen. Andere wiederum werden sich aus ihrem Garten mit viel Arbeit und Zeit ernähren und beteiligt sein an regionaler oder urbaner landwirtschaftlicher Produktion.

BZ: Wie werden die Gerichte aussehen, die gekocht werden?
Liedtke: Viele Menschen werden kein Problem mit technisch optimierter Nahrungsproduktion oder Laborerzeugnissen haben und diese mixen mit teurem nachhaltig produziertem Fleisch oder exotischen Lebensmitteln. Diese Vielfalt wird durch ein deutlich verbessertes Angebot bei der Ernährung außer Haus unterstützt werden. Die tägliche Grundversorgung mit Lebensmitteln wird zudem wahrscheinlich online möglich sein, während das qualitative Genussessen in möglichst großer Eigenproduktion entsteht und in geselliger Runde stattfinden wird. Solange dies nachhaltig und ressourcenleicht erfolgt, können wir diese Vielfalt ausleben. Und das schlechte Gewissen vieler Frauen wird dann hoffentlich der Vergangenheit angehören.