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02. Januar 2016 17:03 Uhr

BZ-Serie (Teil 3)

Werte: Für Pfarrer Wehrle ist helfen selbstverständlich

"Dafür stehe ich":Der katholische Pfarrer Franz Wehrle sieht in religiöser Identität den Schlüssel zu mehr Offenheit. In Teil 3 der BZ-Serie spricht er über Begegnungen mit Migranten und selbstverständliche Hilfe.

  1. Pfarrer Franz Wehrle Foto: Michael Bamberger

"Ich habe von klein auf Kontakt zu Ausländern gehabt. In unserem alten Einfamilienhaus mit Kuhstall in Furtwangen haben früher immer vier Gastarbeiter gewohnt, mit uns Kindern Tür an Tür und mit gemeinsamen Sanitäranlagen. Sie waren aus Spanien, Kroatien, Bosnien und Italien und haben bei einer Baufirma gearbeitet.

Meine Eltern hatten wenig Geld und haben die Zimmer vermietet. Der Firmenchef, dessen Familie selbst nach dem Krieg aus dem damaligen Jugoslawien vertrieben wurde, hatte die Leute vermittelt. Meine Mutter sagte damals: ‚Überall gibt es solche und solche.’ Der Satz gilt heute genauso. Ob Deutsche, Syrer oder Serben – in jedem Volk gibt es solche und solche. Es ist kein Mensch gut oder schlecht, bloß weil er aus einem bestimmten Land kommt.

Zahlreiche Begegnungen mit Migranten

Später, in den 90er-Jahren, war ich als junger Pfarrer in Mannheim-Rheinau tätig und hatte wieder viel mit ausländischen Menschen zu tun. Auch damals gab es eine Welle von Migranten. Sie kamen aus Osteuropa, vom Balkan und aus Afrika. Darunter waren auch Muslime. Es gab zahlreiche Begegnungen mit den Migranten, die in Heimen und angemieteten Hotels deutlich beengter untergebracht waren als viele Flüchtlinge heute. Viele Türken lebten in unmittelbarer Nachbarschaft unseres Pfarrhauses.

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In einer 9. Klasse auf der dortigen Hauptschule, in der ich Religion unterrichtet habe, hatten 25 von 27 Schülern einen Migrationshintergrund. Zum Thema Islam im Religionsunterricht lud ich muslimische Schüler ein, die den Koran mitbrachten. Von den Gottesdienstbesuchern – wir haben mal eine Umfrage gemacht – hatten 70 Prozent einen Migrationshintergrund.

Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, Menschen in Not zu helfen. Franz Wehrle


Interessanterweise haben die fremdenfeindlichen Republikaner, die damals, 1992, mit mehr als zehn Prozent in den Landtag gewählt wurden, ausgerechnet dort weniger Zulauf bekommen, wo die Einheimischen Kontakt mit den Migranten hatten. All die Erfahrungen, die ich in meiner Mannheimer Zeit gemacht habe, waren sehr positiv. Ein Muslim hat sogar bei unserem katholischen Pfarrfest Unterhaltungsmusik gemacht. Wir hatten einen offenen Jugendtreff, der mehrheitlich von Migranten besucht wurde.

So gesehen ist die heutige Situation für mich nicht neu. Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit, Menschen in Not zu helfen. In unseren Pfarrgemeinden machen wir sehr viel für Flüchtlinge. Die Menschen in unserem Stadtteil sind ausgesprochen hilfsbereit.

In den Containern, die wir nach dem Brand unseres Kindergartens vor fünf Jahren beim Pfarrzentrum St. Georg aufgestellt hatten, hat die Stadt drei Flüchtlingsfamilien aus Syrien und eine Romafamilie untergebracht. Insgesamt acht Erwachsene und 24 Kinder.

Der Katholizismus kennt eigentlich keine nationalen Identitätsgrenzen. Franz Wehrle


Als es darum ging, den Flüchtlingen auf dem Gebiet unserer Pfarreien zu helfen, haben sich spontan 150 Menschen bei uns gemeldet. Zusammen mit der evangelischen Kirche, dem Bürgerverein St. Georgen und der Quartiersarbeit Vauban haben wir uns getroffen und Hilfe organisiert. In unseren Kirchenräumen ‚Oase’ im Vauban wurde eine Anlaufstelle für Ehrenamtliche eingerichtet. Inzwischen gibt es elf Arbeitsgruppen, die ganz unterschiedliche Sachen machen. Wir organisieren Sprachkurse, kümmern uns um den Schulbesuch, begleiten die Flüchtlinge zu Ärzten, organisieren Freizeitangebote und vieles mehr. Das organisieren wir praktisch alles selber.

Wer um seine eigene christliche Identität weiß, lässt sich durch das Fremde nicht verunsichern. Und er lehnt es auch nicht ab. Ich kann mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass bei den ausländerfeindlichen Demonstrationen in Dresden und anderswo gläubige evangelische oder katholische Christen dabei sind. Schon gar nicht bei Angriffen auf Flüchtlingsheimen. Das ist für mich undenkbar. Ich bin der Meinung, dass sich so etwas für jeden Menschen, aber noch mehr für jeden, der sich Christ nennt, verbietet. Angst und Verunsicherung findet man wohl eher bei Menschen, die keine eigene religiöse Identität ausgebildet haben. Der Katholizismus kennt eigentlich keine nationalen Identitätsgrenzen. Pässe interessieren uns genauso wenig wie Hautfarbe oder Herkunft.

Willkommenskultur und religiöser Fanatismus

Es gibt allerdings auch Ängste bei Menschen, die von ihrer Lebensgeschichte her keinen Kontakt zu fremden Menschen kennen. Und es gibt Ängste bei Menschen, die selber auf Hilfe angewiesen sind und nun befürchten, ins Abseits zu geraten. Beides kann ich gut verstehen. Auf der anderen Seite muss man aber sehen, dass die Menschen, die zu uns kommen, ebenfalls sehr verunsichert sind. Woher sollen sie unsere Werte und Regeln kennen? Und woher sollen sie wissen, dass man sie hierzulande wirklich einhalten muss? Als mich ein Pfarrer in Indien einmal mit dem Auto zum Flughafen brachte, ist er bei Rot über die Ampel gefahren, obwohl ein Polizist an der Seite stand. ‚Das macht hier jeder so, wenn die Straße frei ist’, erklärte er mir. Das sei völlig normal.

Für mich steht die Willkommenskultur bei uns in krassem Gegensatz zum religiösen Fanatismus und Extremismus in der Welt, der mich sehr beunruhigt. Dabei handelt es sich um Zerrbilder von Religion. Solche gab es leider immer wieder, in vielen Religionen, auch im Christentum. Und was mich ebenso besorgt, ist die in unserer Gesellschaft verbreitete Schwäche des christlichen Glaubens. Wenn Muslime nach Deutschland kommen, wie erfahren sie, dass wir ein christlich geprägtes Land sind?"
Zur Person

Franz Wehrle ist katholischer Pfarrer in der Seelsorgeeinheit Freiburg-St. Georgen-Hexental. Der 57-Jährige ist in Furtwangen geboren und aufgewachsen. Nach dem Studium der katholischen Theologie in Freiburg und Innsbruck wurde er 1987 zum Priester geweiht. Ich habe Franz Wehrle in seinem Pfarrbüro an der Peter-und-Paul-Kirche in St. Georgen getroffen. Er hatte sich viel Zeit genommen, um mit mir über Werte und Migration zu sprechen. Nach dem Gespräch begleitete er mich hinaus in die Eingangshalle. Dort wartete bereits ein junger Mann aus Schwarzafrika auf ihn. Er sprach fließend Deutsch und sagte mir, dass er in Freiburg Caritaswissenschaften studiere.

Mehr zum Thema
  • Die nächste Folge unserer Serie lesen Sie am Dienstag, 5. Januar, auf der Seite "Wirtschaft". Alle Folgen der Serie finden Sie unter mehr.bz/dafuersteheich.

Autor: Karl-Heinz Fesenmeier