Interview-Projekt

Wie Geflüchtete über Integration denken

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Mo, 22. Oktober 2018 um 18:06 Uhr

Kreis Breisgau-Hochschwarzwald

Flüchtlinge sollen sich integrieren – doch was bedeutet dieses Wort für sie? Bei einem Projekt der Caritas kommen die Menschen aus aller Welt selbst zu Wort.

Integration? Was das heißt, war für Roubama Baba-Traore in ihrer alten Heimat Togo klar: "Jemandem die Tür öffnen", sagt die 34-Jährige. Als sie vor vier Jahren nach Deutschland geflüchtet ist, hat sie viele andere Bedeutungen des Worts kennengelernt – und vor allem die ständige Diskussion darüber. Weil diejenigen, um die es geht, kaum zu Wort kommen, hat sie mit Anas Alsakka (23) aus Syrien und Nizar Taleikani (60) aus dem Irak mit Unterstützung des Caritasverbands in einem Projekt andere Geflüchtete befragt.

Deutsch lernen, arbeiten, akzeptiert werden – solche Dinge zählen alle elf Menschen auf, die bei der Befragung mitgemacht haben. Einige Interviews fanden mündlich in den Studios des Freiburger Alternativsenders Radio Dreyeckland statt. Hier arbeitet Roubama Baba-Traore, die in Togo Journalistin war, mit. Andere haben die Fragen von ihr und ihren beiden Kollegen online beantwortet.

Einige der Antworten hängen nun auf Plakaten, die als Wanderausstellung mit dem Titel "Integration und was wir dazu denken" beim Caritasverband Breisgau-Hochschwarzwald ausgeliehen werden kann. Neben viel Erwartbarem wird klar: Die Aussagen bleiben nicht bei allgemein gängigen Vorstellungen von Integration stehen, sondern hinterfragen den längst zur Worthülse verkommenen Begriff: Man könne ihn "nie richtig ergründen", sagt Amarilda (22) aus Albanien.

Sie habe "komische Blicke" und Beleidigungen erlebt, und sie glaubt, dass das an ihrem Kopftuch liegt, das sie als Teil ihrer Identität empfindet. "Man kann die Identität nicht ändern, um integriert zu werden", betont sie – und tritt ein für eine klare Trennung zwischen Integration und Identität.

Integration sei "ein Konzept, aber es ist schwierig anzuwenden", findet Ahmed (24) aus dem Irak und beschreibt, wie er zwar schnell Deutsch gelernt und Arbeit gefunden hat, aber weder eine Wohnung finden noch seine Verlobte zu sich holen kann, wie er es ihr versprochen hatte. "Ich bin jetzt frustriert und weiß nicht, wie ich weiter machen kann", sagt Ahmed. Sein Traum wäre, zu arbeiten, zu heiraten, Kinder zu bekommen und sicher zu leben, sagt er.

Wohnsituation ist für viele schwierig

Kemo (23) aus Gambia erzählt, dass er Deutschland als Heimat empfindet, weil er hier arbeitet und Fußball in einem Verein spielt, der wie eine Familie für ihn ist. Wie fast alle weist er auf die für die meisten sehr schwierige Wohnsituation hin: "Ich wohne in einer WG, aber viele Geflüchtete wohnen in einem Container. Man kann sich nicht gut integrieren, wenn die Wohnsituation schlecht ist."

Das bestärkt Mohammad (21) aus Syrien: "Ohne Wohnung bekommt man keine innere Ruhe." Er erzählt, dass er mit großen Träumen ankam: "Aber alles war sehr schwierig, deswegen habe ich zurzeit keine Träume mehr." Zeinab (27) aus dem Irak hat ihren Mann verloren, fürchtet sich vor der Abschiebung in ihre alte Heimat, wo sie "Angst und Tod" erwarten würden, und leidet darunter, sich "als Notfallopfer der deutschen Gesellschaft zu betrachten".

Sechs Monate dauerte es, bis Roubama Baba-Traore, Anas Alsakka und Nizar Taleikani ihre Interviews beendet hatten. Es sei nicht einfach gewesen, sagt Roubama Baba-Traore: "Die meisten wollten nichts sagen." Caritas-Sozialarbeiterin Theresa Stecklum und ihr Kollege Andreas Scheytt haben einige Interview-Partner vermittelt, die anderen waren Kollegen oder Bekannte der Interviewer.

Auch sie selbst haben, zusätzlich zu den von ihnen Befragten, ihre Meinungen beigetragen. Alle drei bemühen sich sehr, in ihrer neuen Heimat Fuß zu fassen: Nizar Taleikani war im Irak Glasmaler und arbeitet jetzt in einem Kleidungsgeschäft, Anas Alsakka will Sozialarbeit studieren, Roubama Baba-Traore würde am liebsten wieder als Journalistin arbeiten.

Infos zur Wanderausstellung per Mail an Theresa.Stecklum@caritas-bh.de oder Andreas.Scheytt@caritas-bh.de