Nachruf

Experte, Kollege – und Mensch: Zum Tod des langjährigen BZ-Musikredakteurs Heinz W. Koch

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Do, 09. August 2018 um 14:22 Uhr

Klassik

Sein Name und sein Kürzel "hwk" waren Institution: Heinz W. Koch. Am Mittwoch ist der langjährige BZ-Musikredakteur 80-jährig gestorben. Eine Würdigung.

Richard Strauss’ vorletztes Werk fürs Musiktheater – "Capriccio" – hat eine eigenartige Gattungsbezeichnung: "Konversationsstück für Musik". Es geht darin um die uralte Frage des Verhältnisses von Wort und Ton – prima la musica, poi le parole? Und auch wenn der Theaterdirektor in "Capriccio" ausruft: "Wer hört auf die Worte, wo Töne siegen?" – am Ende wird die Untrennbarkeit von beidem beschworen: "In eins verschmolzen sind Worte und Töne – zu einem Neuen verbunden." Heinz W. Koch hätte es genauso formuliert. In all seinen Musikkritiken ging es um genau dies: Text, Szene und Musik gegeneinander abzuwägen und in ein Neues zu gießen: eine räsonierende Abhandlung in Sprachbildern. Kritik auch als eine Form von Kunst.

Dass der Rezensent kein Produzierender im eigentlichen künstlerischen Sinn ist – Heinz Wilhelm Koch wusste es natürlich. Er hätte auch nie als Künstler begriffen werden wollen. Er verstand sich als Vermittler, aber die Form des Vermittelns, sie war ihm sehr wichtig. Nie hätte er einen Text in fragwürdigem sprachlichem Gewand abgeliefert. Er feilte am Detail, an Formulierungen, an Originalität. Und entwickelte so seinen unverwechselbaren Stil. Niemand weiß das besser als die Leser der Badischen Zeitung. Seit 1970 war der gebürtige Solinger als Musikkritiker Mitglied der Kulturredaktion und wurde schnell zu einer Instanz für das gesamte musikalische Leben der Region, aber auch weit darüber hinaus. Über drei Jahrzehnte – bis zu seiner Pensionierung im Herbst 2001 – begleitete er es in dieser Eigenschaft. Mehr als fünf prall gefüllte Ordner im BZ-Printarchiv mit den Texten von "hwk", so Kochs journalistisches Kürzel, zeugen von dieser so fruchtbaren Zeit – fruchtbar für alle Beteiligten: Leser, Künstler und die Badische Zeitung. 1982 wurde Koch für sein Porträt des Tenors René Kollo mit dem begehrten Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.

Seine unverwechselbare Handschrift, sein trockener, skurriler Humor machten ihn zu einem echten Original

Musikkritiker zu sein war für Heinz W. Koch nicht irgendein Job. Dass er, der zunächst eine Ausbildung zum Verlagskaufmann absolviert hatte, in jenes berühmt-berüchtigte Sonderfeld des Journalismus, die Musikkritik, wechselte, war indes keine Laune, es war Bestimmung. Denn Koch stand der Musik und insbesondere dem Musiktheater seit jüngsten Jahren nahe – es war sein Leben. Vielleicht wäre er unter anderen Umständen als jenen der Nachkriegsjahre auch dort gelandet, zum Beispiel als Sänger. Bei geselligen Anlässen ließ der Gourmet Koch mitunter seinen lyrischen Bariton erklingen. Und – er war textfest. Neben seiner Liebe für die Sache, mit der er sich als guter Journalist aber nicht gemein machte, konnte er immer wieder mit seinem außerordentlich guten Gedächtnis verblüffen. So erzählt man sich in Kritikerkreisen gerne folgende Anekdote: Ein Kollege wollte "hwk" ob jenes Gedächtnisses aufziehen und sagte zu ihm: "Heinz, du kannst uns doch sicher sagen, wer 1965 in Wuppertal in der ,Zauberflöte‘ die dritte Dame sang." Der Angesprochene runzelte die Stirn, überlegte kurz und erwiderte: "Moment mal, 1965 gab es gar keine ,Zauberflöte‘ in Wuppertal…"

Das enorme Fachwissen, der reiche Schatz an Erfahrungen war aber nur der eine Teil der Institution Koch. Seine unverwechselbare Handschrift, sein trockener, skurriler Humor machten ihn zu einem echten Original. Vielleicht inspirierte das auch den Freiburger Germanisten Uwe Pörksen: In dessen 1991 erschienenem Roman "Schauinsland" ist der Freiburger Musikkritiker einer der Protagonisten.

Heinz W. Koch war Mensch, war Kollege. Er besaß das Gespür für junge Talente, er scharte eine beachtliche Zahl profunder Mitarbeiter um sich, die später Karriere machten. Und er hörte nie auf, als Journalist zu denken. Auch, als er längst schon "draußen" war, hielt er den Kontakt zu "seiner" BZ, "seinem" Kulturressort, dessen Arbeit er kritisch, aber stets voller Empathie begleitete. Und dem er, bis ihn ein langes Leiden im Frühjahr zum Rückzug zwang, die Treue hielt. Auch als geschätzter Autor. Nicht nur seine Texte werden uns fehlen. Am Mittwoch ist Heinz W. Koch, nur wenige Wochen nach seinem 80. Geburtstag, gestorben.