Unternehmenspolitik

Betriebliches Gesundheitsmanagement: Wer krankt ist, arbeitet nicht

Holger Schindler

Von Holger Schindler

Di, 27. März 2018 um 12:17 Uhr

Wirtschaft

Wenn die Wirtschaft floriert, nimmt meist auch die Arbeitsbelastung in den Betrieben zu. Das birgt Risiken für die Gesundheit. Zahlreiche Unternehmen steuern inzwischen bewusst dagegen an.

Sie betreiben betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM). Der Einstieg ist gar nicht so schwer. "BGM rechnet sich für Unternehmen", sagt Rudolf Kast, langjähriger Personalchef beim Sensorhersteller Sick und seit 2011 Chef des von ihm gegründeten Beratungsunternehmens "Die Personalmanufaktur". Ein erfolgreiches BGM reduziere nachweislich den Krankenstand im Unternehmen und erhöhe zugleich die Produktivität, argumentiert Kast, denn es mache Mitarbeiter zugleich zufriedener und effizienter. Sein Wissen vermittelter er jüngst vor rund 120 Führungskräften aus ganz Südbaden beim zweiten Freiburger BGM-Unternehmer-Symposium.

"Ich habe dabei eine Menge Impulse bekommen, wie wir bei uns noch wirksamer etwas für Gesundheit und Wohlbefinden unserer Mitarbeiter tun können", sagt Katharina Ganter-Fraschetti, Symposium-Teilnehmerin und Chefin der Freiburger Privatbrauerei Ganter mit gut 50 Beschäftigten. Arbeitgeber, die ein BGM etablieren wollen, können an unterschiedlichen Stellen ansetzen.
Arbeitszeit
Eine Stellschraube beim BGM ist die Arbeitszeitgestaltung. "Der Schlüssel ist hier die Einführung von flexiblen und lebensphasenorientierten Arbeitszeitmodellen", sagt Rudolf Kast. Mitarbeiter, die mehr Freiheiten bei der Gestaltung ihrer Arbeitszeiten haben, fühlen sich selbstbestimmter und zufriedener – und arbeiten letztlich auch selbstständiger. Helmut Wallrafen, Leiter der Sozial-Holding Mönchengladbach, hält die Arbeitsorganisation fürs BGM entscheidend. Für den Chef von rund 1000 Mitarbeitern, die in der Pflege beschäftigt sind, sind verlässliche Arbeitszeiten unerlässlicher Bestandteil eines BGM.

Arbeitsumfeld
Auch die Umgebung und die Ausstattung der Arbeitsplätze gelten als bedeutsamer BGM-Einflussfaktor. "Es muss sichergestellt sein, dass die Beschäftigten zum einen ungestört und konzentriert arbeiten können, dass es aber auch Möglichkeiten zur sozialen Interaktion und zur Projektarbeit in Teams gibt", empfiehlt Kast.

Individuelle Gesundheitsförderung
Gymnastik, Rückenschule, Massage, gesunde Ernährung – auch dies können Elemente eines BGM sein. Gerade kleinere Arbeitgeber steigen oftmals hierüber ins Thema ein, da dabei zunächst keine großen Anpassungen erforderlich sind. Das Maschinenbauunternehmen Hydro Systems im badischen Biberach mit rund 340 Beschäftigten ist dafür ein Beispiel. Betriebe arbeiten auch mit der Deutschen Rentenversicherung im Rahmen des Reha-Programms Betsi ("Beschäftigungsfähigkeit teilhabeorientiert sichern") zusammen. Mitarbeiter können dabei freiwillig etwas für ihre Gesundheit tun. Der Arbeitgeber steuert Freistellungszeiten bei, doch das Hauptengagement kommt vom einzelnen Mitarbeiter.

Führung und Unternehmenskultur
Auch ausgefeilte Programme können wirkungslos verpuffen, wenn es bei der Unternehmenskultur und beim Führungsverhalten hapert. Markus Heinrichs, Psychologieprofessor an der Uni Freiburg, bestätigte diese Sichtweise mit einem Vortrag. Betrachte man die in den vergangenen Jahren erschienenen Studien, seien gute Sozialkontakte der wichtigste Faktor für ein langes und gesundes Leben. Deshalb sei eine vertrauensvolle Firmenkultur auch so wichtig. "Vertrauen ist die Basis jeglicher sozialer Interaktion – von der Partnerschaft bis zum Unternehmen", sagt Heinrichs. Ein wichtiger Teil des BGM sei daher die Schulung des Führungspersonals.

Einstieg für kleinere Betriebe
Wie aber könnte nun ein Kleinunternehmen, zum Beispiel ein Handwerksbetrieb mit 20 Beschäftigten, das BGM-Thema anpacken? "Ich würde vorschlagen, und dabei stützte ich mich auf konkrete Erfahrungen aus meiner Arbeit, dass der Chef sich Zeit nimmt und mal damit beginnt, jeden Freitag zwei, drei Mitarbeiter zu einem Arbeitsfrühstück einzuladen und nach belastenden Arbeitsumständen in ihrem Arbeitsalltag fragt", rät Rudolf Kast. Dabei soll es um kleine Verbesserungen gehen – etwa was die Materialbeschaffung oder das Schleppen auf der Baustelle angeht. Mitarbeiter hätten in der Regel die besten Ideen, wie man schnell und ohne viel Aufwand Entlastung schaffen kann.