Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

05. Januar 2016

Deutsche Exporte von Brennelementen – muss das sein?

In Belgiens Atomkraftwerken mehren sich die Pannen / Umweltverbände wollen die Belieferung dieser Meiler aus Deutschland stoppen.

  1. Das Akw in Doel – mal am Netz, mal nicht Foto: dpa

FREIBURG. Zuletzt ging es drunter und drüber in den belgischen Atomkraftwerken Doel und Tihange. Die jahrzehntealten Reaktoren Doel 1 und 2 erzeugten aus Alters- und Sicherheitsgründen monatelang keinen Strom. Dann aber verlängerte die Regierung die Laufzeit und die Atomaufsicht stufte die Meiler überraschend wieder als sicher ein. Mitte vergangener Woche wurden sie hochgefahren. Aber Doel 1 schaltete sich drei Tage später wieder ab. Grund soll ein Problem bei einer Turbine im nicht-nuklearen Teil der Anlage gewesen sein. Am Montag wurde der Reaktor wieder hochgefahren.

Auch Block Doel 3, der wegen Haarrissen im Reaktordruckbehälter mehr als anderthalb Jahre außer Betrieb war, wurde kurz gestartet, aber vier Tage später aufgrund einer Leckage wieder gestoppt. Mitte dieser Woche will der Betreiber Electrabel die Anlage abermals starten.

Unterdessen brannte es am 18. Dezember im AKW Tihange 1. Auch dieses sollte altersbedingt schon stillgelegt sein, erzeugt aber wieder Strom. Auch Tihange 2 wurde ungeachtet von Haarrissen im Druckbehälter im Dezember wieder hochgefahren.

Werbung


Von Bröckelreaktoren spricht Nordrhein-Westfalens Umweltminister Johannes Remmel, von "Russisch Roulette für Millionen Menschen" und "schlimmster Realsatire" der Energiepolitiker Oliver Krischer (beide Grüne). Aus Belgien kommen nur vereinzelt kritische Stimmen. Der Europaabgeordnete Pascal Arimont aus dem deutschsprachigen Osten des Landes beschwerte sich bei der EU-Kommission wegen des Weiterbetriebs von Doel 1 und 2. Der Christsoziale weist darauf hin, dass die belgische Regierung dem Betreiber die Übernahme wirtschaftlicher Risiken zugesichert habe, was als illegale Staatshilfe und damit als Verstoß gegen EU-Wettbewerbsrecht angesehen werden könne.

Im nahen Deutschland dagegen sorgt man sich weniger um mögliche Wettbewerbsverstöße, als um die Risiken der Meiler selbst. Die Reaktoren stehen 70 und 150 Kilometer von der Grenze entfernt. Weil auf die deutschen Sicherheitsbedenken in Belgien niemand eingeht, rufen nun Umweltorganisationen die deutsche Politik zur einer Art Notwehraktion auf. Deutschland solle den Transport von Brennstoff aus der Brennelementefabrik Lingen im Emsland nach Belgien stoppen. Das fordern der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) und regionale Anti-Atom-Initiativen aus Aachen und dem Münsterland in einem offenen Brief an die Umweltministerien in Berlin und Niedersachsen.

Im Schreiben weisen die Umweltverbände darauf hin, dass laut der Genehmigungsliste des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) das AKW Doel seit 2014 zehn Mal mit Brennelementen aus Lingen beliefert wurde. Bis 2017 sind fünf weitere Lieferungen genehmigt.

Daher fordert der BBU die zuständigen Bundes- und Landesminister auf, der Fabrik in Lingen "die Genehmigung zur Lieferung weiterer Brennstäbe an belgische Atomkraftwerke zu entziehen". Es sei heuchlerisch, wenn deutsche Politiker sich um die Sicherheit der belgischen AKW sorgten, aber zuließen, dass diese aus Deutschland mit Brennstoff versorgt würden.

Das selbe betrifft den französischen Reaktor Fessenheim, der auch von der einzigen deutschen Brennelementefabrik beliefert wird. Dem BfS selbst sind allerdings die Hände gebunden; die Transportfirmen haben einen Anspruch auf Genehmigung, sofern sie die geltenden Gesetze einhalten. Das Thema müsste also auf höchster politischer Ebene angegangen werden, doch von den betroffenen Ministerien ist keine Stellungnahme zur Forderung des BBU zu erhalten.

Autor: Bernward Janzing