Eine Drehscheibe des Welthandels

Christiane Oelrich

Von Christiane Oelrich (dpa)

Sa, 12. Januar 2019

Wirtschaft

In Genf haben führende Rohstoffhändler und große Reedereien ihren Sitz – auch der Eigner des havarierten Containerschiffs MSC Zoe.

GENF. Alpenpanorama statt Wellenbrecher – trotz seiner großen Entfernung zum Meer ist Genf eine Drehscheibe der internationalen Hochseeschifffahrt. Der Eigner des Container-Riesen MSC Zoe, der vorige Woche auf dem Weg nach Bremerhaven in der Nordsee 281 Stahlboxen verloren hat, hat hier seinen Sitz. Es ist die zweitgrößte Container-Reederei der Welt. Und sie ist nicht die einzige Hochsee- und Welthandel-Spezialistin am Alpenrand.

Ein Standort mit Meeres-Flair ist die Schweizer Stadt mit ihren gut 200 000 Einwohnern, ihrem See und den Ausflugsdampfern wahrlich nicht. Hier gibt es wunderschöne Ausblicke auf den 4810 Meter hohen Mont Blanc, doch die Küsten sind weit weg: Gut 300 Kilometer Luftlinie sind es bis zum Mittelmeer, fast 600 Kilometer bis zum Atlantik und gut 800 Kilometer bis vor die Küste der Niederlande. Dennoch ist Genf eine der Drehscheiben der internationalen Hochsee-Schifffahrt. Dort tummeln sich neben dem Zoe-Eigner – der Mediterranean Shipping Company (MSC) und Nummer zwei nach der dänischen Møller-Mærsk-Gruppe – einige der weltgrößten Rohstoffhändler, der führende Warenprüfkonzern SGS sowie jede Menge Schiffsbroker, Frachtmakler, spezialisierte Anwälte, Banker und Investoren.

Dass der MSC-Gründer in den 1970er-Jahren in Genf startete, hat vor allem mit der Liebe zu tun. Kapitän Gianluigi Aponte stammt aus ärmlichen Verhältnissen in Sorrent am Golf von Neapel und arbeitete sich dort auf Fähren vom Matrosen bis zum Kapitän hoch. Dann lernte er die reiche Genfer Bankierstochter Raffaela kennen. Deren Familie akzeptierte den Kapitän aus Süditalien, der Schwiegervater holte ihn in die Bank. Hier nutzte Aponte Geschäftsbeziehungen und kaufte seinen ersten gebrauchten Frachter.

Inzwischen ist MSC mit 510 Containerschiffen auf den Weltmeeren unterwegs und hat rund 70 000 Mitarbeiter in 155 Ländern, wie Sprecher Giles Broom sagt. Die MSC Zoe wurde 2015 in Hamburg getauft, von Apontes damals vierjährigen Enkelin. Ihr Name: Zoe.

MSC ist ein Familienbetrieb. Der Gründer sei als "Comandante" bekannt, heißt es, und habe früher gerne auch am Samstag zum Rapport antreten lassen. Heute leitet sein Sohn Diego die Geschäfte, Tochter Alexa ist Finanzchefin, und Schwiegersohn Pierfrancesco Vago leitet die Anfang der 1990er-Jahre gestartete Kreuzfahrtsparte, die heutzutage ebenfalls zu den größten der Welt gehört. Zahlen werden nicht veröffentlicht. Das US-Magazin Forbes schätzt Apontes Vermögen auf 7,5 Milliarden Dollar (gut 6,5 Milliarden Euro).

Und warum ausgerechnet Genf als Firmensitz? "Diese Stadt hat eine lange Tradition, Akteure im internationalen Handel anzuziehen", sagt Unternehmenssprecher Broom. "Genf atmet Welthandel." Die rohstoffarme Schweiz war bereits im 18. Jahrhundert auf Handel spezialisiert. Nach den beiden Weltkriegen schätzten Firmen das unversehrt gebliebene neutrale Land als Standort, etwa auch für Geschäfte zwischen Ost und West. Heute nennen Unternehmen ein gutes Umfeld mit attraktiven Steuern, großen und kleinen Banken, den internationalen Organisationen wie der Welthandelsorganisation (WTO) und vielsprachigen Spezialisten als wichtige Standortfaktoren.

Die Schweiz spielt mit ihrer kommerziellen Handelsflotte in der ersten Liga: Nach Volumen lag sie 2016 weltweit auf Platz 11 – fast gleichauf mit Großbritannien, so die Swiss Trading and Shipping Association (STSA), der Verband der Rohwarenhändler und Reeder. Die Eidgenossen haben eine größere Flotte als die Norweger, Franzosen, Türken oder Niederländer. Griechenland ist diesen Zahlen zufolge weltweit mit Abstand die Nummer eins vor Japan, China, Singapur und Deutschland.

Als Drehscheibe des Welthandels sieht der Kanton Genf sich in Europa nur von London geschlagen. "Genf ist Weltführer im Handel mit Öl, Zucker, Kaffee, Getreide, Reis und Ölsamen, mit 400 Unternehmen, die die Mehrheit des globalen Handels abdecken", heißt es auf der Internetseite des Kantons. 40 bis 60 Prozent der weltweiten Finanztransaktionen im Handel laufen den Angaben nach über Genf. Ebenso die Hälfte des Handels mit Kaffee und Zucker sowie je ein Drittel des internationalen Handels mit Reis, Öl und Getreide. Die größten Rohstoffhändler der Welt haben ihren Sitz ganz oder teils in der Schweiz: die Ölhändler Gunvor und Mercuria, der Rohstoffhändler Vitol und Glencore.