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14. November 2013 20:04 Uhr

Konfliktlinien

Einzelhandel: Verdi droht mit Streiks im Advent

Die Trillerpfeifen liegen in Reichweite, die Plakate sind fast fertig. Im Tarifkonflikt des Einzelhandels stehen die Zeichen auf Streik. Ein Überblick über die Konfliktlinien und einen möglichen Kompromiss.

  1. Die Zeichen stehen auf Streik Foto: Ingo Schneider

Am 22.11. treffen sich die beiden Tarifpartner noch einmal zu einem Gespräch. Sollte es dabei, so wie in den sieben Monaten zuvor, zu keiner Einigung kommen, droht die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi mit einer Streikwelle in der Vorweihnachtszeit. Die BZ zeigt, wo die großen Konfliktlinien verlaufen und wie ein Kompromiss aussehen könnte.



Die Ausgangslage

Es mutet ungewöhnlich an: Nicht an den hohen Lohnforderungen der Gewerkschaft entzünden sich die Konflikte der aktuellen Verhandlungen. Viel schwerer wiegt für Verdi die einseitige Kündigung des Manteltarifvertrags durch die Arbeitgeber. In diesem Vertrag werden nicht die Gehälter, sondern Rahmenbedingungen wie Arbeitszeiten, Urlaubsregelungen oder Kündigungsfristen festgelegt. Normalerweise wird der Manteltarifvertrag nur von den Gewerkschaften gekündigt, um bessere Arbeitsbedingungen für die Angestellten zu erreichen. Dass die Arbeitgeber ihn im April aufkündigten, wertet Verdi als Kampfansage. Die Arbeitgeber betonen, dass es ihnen darum gehe, einen neuen – und zeitgemäßeren Vertrag auszuarbeiten. "Das ist ein Uraltwerk gewesen, das einfach nicht mehr zeitgemäß war", sagt Philip Merten, der Verhandlungsleiter der Arbeitgeberseite. Viele Jahre habe man in einer Arbeitsgruppe zusammen mit der Gewerkschaft versucht, ein modernes Vertragswerk aufzusetzen – ohne Erfolg.

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Flexiblere Arbeitszeiten
Im alten Manteltarifvertrag ist festgelegt, wie die Arbeitszeiten der rund 220 000 Beschäftigten im baden-württembergischen Einzelhandel auszusehen haben und wie die Angestellten entlohnt werden. Dazu gehören unter anderem eine Vorausplanung der Arbeitszeit für die kommenden Wochen. Die Arbeitgeber fordern, diesen Teil aus dem Vertrag herauszunehmen, um so auch kurzfristig auf Ereignisse reagieren zu können. Hinzu kommt, dass sie die Nacht- und Spätzuschläge für die Warenverräumer reduzieren wollen. Bislang bekommen alle Angestellten 25 Prozent mehr Gehalt, wenn sie nach 18.30 Uhr arbeiten, nach 20 Uhr sogar 50 Prozent. Da die Regale oft frühmorgens vor sechs Uhr oder spätabends aufgefüllt werden, kommt hier einiges zusammen. Verdi wehrt sich gegen diese Reduzierung. "Wenn wir einmal eine Ausnahme zugelassen haben, dann öffnen wir die Türen für weitere", sagt Doris Below-Kowal, die für Verdi Südbaden an den Verhandlungen teilnimmt.

Status der Kassierer
Ein großer Streitpunkt ist die künftige Eingruppierung der Kassierer. Laut dem alten Manteltarifvertrag gab es im Einzelhandel fünf sogenannte Beschäftigungsgruppen. Bei Kassierern wurde zwischen einfacher (Gruppe 2) und gehobener Tätigkeit (Gruppe 3) unterschieden. Die Arbeitgeber fordern nun die Eingruppierung der meisten Kassierer in Beschäftigungsgruppe 2, was für viele Beschäftigte einen deutlichen Einschnitt des Gehalts bedeuten würde. Eine Kassierin mit drei Jahren Berufserfahrung würde statt 2126 Euro nur noch 1772 Euro im Monat verdienen. Für Verdi ist das nicht hinnehmbar. "Das Arbeiten an der Kasse ist körperlich wie mental eine sehr anspruchsvolle Arbeit, die eine gute Bezahlung erfordert", so Below-Kowal. Die Arbeitgeber wiederum betonen, dass viele Kassen heute so automatisiert seien, dass man bereits mit kurzer Einweisung dort arbeiten könne und man eher die Verkäufer im Laden, die meist ausgelernt sind und im Kundenkontakt stehen, aufwerten solle.

Die Warenverräumer
Es ist ein vertrautes Bild geworden: Meist junge Menschen, die spätabends die Regale der Supermärkte auffüllen, aber andere Kleidung anhaben als die normalen Beschäftigten. Der Grund dafür ist, dass viele Geschäfte dazu übergegangen sind, solche Arbeiten auszulagern und über Leiharbeitsfirmen oder Werkverträge abzuwickeln. Da diese Beschäftigten dann nicht vom Tarifvertrag des Einzelhandels erfasst sind, arbeiten sie fast durchweg zu schlechteren Arbeitsbedingungen als die Festangestellten der jeweiligen Märkte. Verdi möchte diese Ungleichbehandlung abschaffen und die ausgelagerten Arbeitsverhältnisse wieder in den Tarifvertrag zurückholen. So soll ein Leiharbeiter oder Werkverträgler nach drei Jahren in Beschäftigungsgruppe 2 eingruppiert werden. Den Arbeitgebern ist das zu viel. Sie fordern eine eigene Beschäftigungsgruppe für die Warenverräumer.

Gehaltserhöhungen
Gehaltserhöhungen sind ein Bestandteil jeder Tarifverhandlung. Nur über die Höhe gibt es regelmäßig Streit zwischen den Tarifpartnern. In diesem Jahr ist die Forderung der Gewerkschaft einfach: Eine Erhöhung des Stundenlohns um einen Euro. Das sind 150 Euro mehr im Monat, eine Erhöhung zwischen sechs und neun Prozent. "Das ist unser Angebot, über das man reden kann", sagt Reiner Geis, Geschäftsführer von Verdi Südbaden. Am Ende wäre man aber auch zufrieden, gibt die Gewerkschaft zu verstehen, wenn man, wie der Großhandel zuvor, mit einem Lohnplus von drei Prozent aus den Verhandlungen kommen würde.

Ausblick
Am kommenden Freitag treffen sich die Tarifparteien zu einem Gespräch im kleinen Kreis. Es sollen dabei die Weichen für die nunmehr siebte Verhandlungsrunde gestellt werden. Ob es noch in diesem Jahr zu einer Lösung kommt, hängt von der Kompromissbereitschaft beider Seiten ab. Verdi hat bereits angedeutet, wie ein Kompromiss aussehen könnte: Einigung auf eine Lohnerhöhung, vorübergehende Inkraftsetzung des alten Manteltarifvertrags und eine Neuformulierung im kommenden Jahr. Die Arbeitgeberseite ist davon nicht begeistert. "Wir diskutieren da seit Jahren. Wenn wir nun im kommenden Jahr noch einmal darüber sprechen, dann führt das zu gar nichts", so Merten. Dennoch sei man bereit, den Vorschlag anzuhören. Nicht zuletzt auch, weil Verdi einen starken Trumpf in der Tasche hat: die Vorweihnachtszeit. Traditionell macht der Einzelhandel hier seine besten Umsätze, für viele Geschäfte entscheidet sich im Dezember, ob sie das Jahr mit Gewinn oder Verlust abschließen. Verdi hat bereits angekündigt, wie der Slogan möglicher Streiks aussehen würde: "Weihnachten steht vor der Tür. Wir auch." Merten warnt aber davor, diesen Trumpf leichtfertig auszuspielen. "Wenn am Ende des Jahres dann einige Geschäfte wegen schlechter Umsatzzahlen zumachen müssen, hat keiner was davon."

Autor: Michael Saurer