Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

08. Juni 2017

"Inflationsziel wird zum Selbstzweck"

BZ-INTERVIEW: Ökonom Stefan Kooths warnt die EZB davor, ihre laxe Geldpolitik wegen der geringen Preissteigerung fortzusetzen.

  1. Stefan Kooths Foto: IfW/Studio 23

FREIBURG/KIEL. An diesem Donnerstag treffen sich die Mitglieder des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) in der estnischen Hauptstadt Tallinn, um über die Geldpolitik für den Euroraum zu beraten. Obwohl die Eurozone sich wirtschaftlich besser als erwartet entwickelt, bleibt die Preissteigerung gering. Die Inflationsrate liegt unter dem Ziel von zwei Prozent. Was also tun? Über diese Frage sprach Bernd Kramer mit dem Ökonomen Stefan Kooths . Der Professor arbeitet am renommierten Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW).

BZ: Herr Kooths, die Wirtschaft in den USA entwickelt sich nicht schlecht, die Eurozone wächst stärker als angenommen. Die Inflation nimmt aber nicht zu. Sie geht zurück. Das war früher anders. In Aufschwungphasen legten die Preise zu. Warum hat sich das geändert?
Kooths: Man sollte sich nicht täuschen. Die Inflation wird uns auch in Zukunft erhalten bleiben, und sie war auch nie von der Bildfläche verschwunden. Ein Großteil der Preisbewegungen wird durch Energiepreisschwankungen getrieben. Rechnet man die Preise für Heizöl oder Benzin heraus, verstärkt sich der Preisauftrieb hierzulande im Trend seit zwei Jahren. In den USA ist der energiebereinigte Preisdruck seit mehreren Jahren recht kräftig. Die Seitwärtsbewegung im übrigen Euroraum ist letztlich Ausdruck hartnäckiger Strukturprobleme, die noch aus den Übertreibungen der Vorkrisenphase herrühren. Sichtbarstes Zeichen ist die weiterhin hohe, wenn auch mittlerweile rückläufige Arbeitslosenrate. Banken in Südeuropa vergeben nur sehr zögerlich Kredite, weil sie auf einem Haufen fauler Darlehen sitzen. Das dämpft den Preisauftrieb.

Werbung

BZ: Die USA befinden sich in einer besseren Situation. Es herrscht nahezu Vollbeschäftigung und der Finanzsektor ist stabil. Trotzdem legen die Preise nur gering zu. Können die Arbeitnehmer ihre Lohnforderungen nicht mehr durchsetzen?
Kooths: Wie gesagt, so schwach ist der Preisauftrieb gar nicht. Das Lohnwachstum in den USA ist zwar niedriger als 2006/2007. Damals herrschte jedoch auch Hochkonjunktur – die Kapazitäten wurden also schon deutlich überstrapaziert. Die Statistik wird zudem durch den demographischen Wandel verzerrt. Viele gut bezahlte Vertreter der Babyboomergeneration scheiden aus dem Arbeitsleben aus. Das drückt den Lohndurchschnitt, weil die jungen, neu eingestellten Arbeitskräfte weniger Geld erhalten. Dieser Effekt erklärt jedoch nicht alles. In den USA gibt es nach wie vor eine nennenswerte stille Reserve, also Leute, die zwar arbeiten könnten, aber derzeit nicht aktiv nach Arbeit suchen und daher nicht als arbeitslos gelten. Es ist also noch etwas Luft im amerikanischen Arbeitsmarkt und dies wirkt für sich genommen lohndämpfend.
BZ: Wieso zerbrechen sich Notenbanker den Kopf über niedrige Inflationsraten? Es ist doch gut, wenn die Preise kaum steigen.
Kooths: Die EZB hat sich beispielsweise ein klares Zwei-Prozent-Inflationsziel gesetzt und daran ihre Glaubwürdigkeit gekettet. Verfehlt sie dieses Ziel über längere Zeit, steht auch ihre Glaubwürdigkeit in Frage. Da die Glaubwürdigkeit das höchste Gut einer Zentralbank ist, wird sie alles unternehmen, um dieses Ziel zu erreichen. Das Inflationsziel wird zum Selbstzweck. Das ist gefährlich, weil solch ein Vorgehen gravierende Nebenwirkungen haben kann.
BZ: Wovor fürchten Sie sich denn?
Kooths: Zu niedrige Zinsen lenken Kapital in die falsche Richtung. Je länger die Zinsen künstlich gedrückt werden, desto gravierender die Fehlentwicklungen. Diese fressen sich durch die Realwirtschaft und spiegeln sich im Finanzsektor. Schlimmstenfalls kommt es zu so starken Verzerrungen, dass sie sich schließlich im Desaster einer Finanzkrise entladen. Das beste Beispiel ist der Immobilienmarkt. Dort spielt der Zins eine wichtige Rolle für die Bewertung. Ist der Zins zu niedrig, ist also Baugeld zu günstig zu haben, nehmen die Käufer vermehrt Kredite auf und treiben so die Preise hoch. Das verlockt dann zur Ausweitung der Bautätigkeit, die bei einem künstlich niedrigen Zins übertrieben hoch ist, ohne dass das auf dem Inflations-Radar der Zentralbank aufscheinen würde, weil dort nur Konsumentenpreise erfasst werden. Die EZB hat ihr Inflationsziel vor der großen Krise 2007/2008 sehr gut erreicht. Trotzdem haben sich enorme Verwerfungen an den Finanzmärkten aufgebaut, die später in einem großen Konjunktureinbruch mündeten. Bei der Inflation im Zielband zu sein, ist daher kein Garant für eine stabile gesamtwirtschaftliche Entwicklung – es kann im Gegenteil auch die Ruhe vor dem Sturm sein.
BZ: Soll sich die EZB von ihrem Inflationsziel verabschieden?
Kooths: Aus meiner Sicht wäre die EZB gut beraten, genauer auf die Veränderungen der Geldmenge und das Kreditwachstum zu achten. In den Anfangsjahren der EZB waren die Zwei-Prozent-Inflation auch kein fixes Ziel, sondern sie wurden lediglich als Obergrenze für die Preissteigerung betrachtet, die man noch als tolerabel ansah, und kein Punktziel.
BZ:
Muss die EZB die Interessen der Sparer endlich stärker berücksichtigen?
Kooths: Weder Sparer noch Kreditnehmer haben irgendein Recht auf einen bestimmten Zins. Der Zinsmechanismus sollte aber nicht über einen so langen Zeitraum manipuliert werden, wie das die EZB tut. In einer Marktwirtschaft gilt das Gebot unverfälschter Preissignale – darauf sind alle Akteure angewiesen, wenn sie wirtschaftlich rational handeln wollen.

Stefan Kooths (geboren 1969) ist

seit 2014 Leiter des Prognosezentrums

im Kieler Institut für Weltwirtschaft.

Autor: bkr