Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

21. Januar 2017 10:39 Uhr

BZ-Serie Jobmotor 2016 (3)

Wie ein Ortenauer mit 60 einen neuen Job gefunden hat

Mit 60 noch mal raus aus der Arbeitslosigkeit? Das geht. Die Geschichte des Ortenauer Glasschleifers Johann Polimtag macht Mut und ist heute kein Einzelfall mehr.

  1. Johann Polimtag an seinem neuen Arbeitsplatz Foto: Arbeitsagentur

Welche Firmen in Südbaden haben 2016 viele zusätzliche Stellen geschaffen? Wie finden die Firmen neue Mitarbeiter? Wie halten sie die bewährten Kräfte im Betrieb? Das wollen die Badische Zeitung und ihre Partner beim Wettbewerb Jobmotor ermitteln. Um den zunehmenden Bedarf an Fachkräften zu decken, setzen die Unternehmen in der Region verstärkt auf ältere Mitarbeiter.

Die Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt

Johann Polimtag aus der Ortenau war 59 Jahre alt, als sein Arbeitgeber dichtmachte und er seinen Job verlor. Aufgeben kam für den gebürtigen Kasachen nicht infrage, selbst nach 100 Bewerbungen und ebenso vielen Absagen nicht. Seine Hartnäckigkeit zahlte sich aus. Nach anderthalb Jahren fand er eine neue Beschäftigung. Heute sagt Johann Polimtag, er sei wieder glücklich.

Der 60-Jährige hat eine neue Beschäftigung in der Dorotheenhütte Wolfach gefunden, der eigenen Angaben zufolge letzten, aktiven Mundblashütte des Schwarzwaldes. Die Jobsuche war wegen seines Alters schwierig für Polimtag, doch er punktete letztlich mit Ausdauer, Willen und jahrzehntelanger Berufserfahrung.

Werbung


"Ältere profitieren vom Fachkräftemangel, Unternehmen werden flexibler." Horst Sahrbacher
Für Horst Sahrbacher, den Chef der Offenburger Arbeitsagentur, steht Polimtag beispielhaft für einen Wandel am Arbeitsmarkt: "Ältere profitieren vom Fachkräftemangel, Unternehmen werden flexibler." Vor zehn Jahren sei dies noch anders gewesen. Bei Arbeitslosen über 50 habe das Alter als Risikomerkmal gegolten. Wegen der grassierenden Massenarbeitslosigkeit gab es sehr viele Bewerber; daher konnten sich die Unternehmen die Rosinen herauspicken. Dies seien in den Augen vieler Geschäftsführer die Jüngeren gewesen, so der Agenturchef.

Doch der Arbeitsmarkt habe sich gedreht, sagt Sahrbacher. In der Ortenau, wie auch anderswo, suchten viele Betriebe händeringend geeignete Mitarbeiter. Dies komme den Älteren auf Stellensuche zugute. Sie hätten größere Chancen als früher, eine sozialversicherungspflichtige Stelle zu ergattern. Zwischen 2013 und 2016 sei die Zahl der erwerbslosen Hartz-IV-Empfänger über 50 Jahre in der Ortenau um fast 500 auf 1235 gesunken.

Deutschlandweit arbeiten immer mehr Ältere, wie Daten des Statistischen Bundesamtes zeigen. Betrachtet man die Gruppe der 55- bis 60-Jährigen, so gingen daraus 77 Prozent jener Menschen einer Erwerbsarbeit nach, die in der Lage sind, zu arbeiten (siehe Grafik). Damit ist die Erwerbsbeteiligung dieser Altersgruppe nun höher als die der Gesamtbevölkerung. Auch bei den über 60-Jährigen ist der Trend eindeutig.

Anstieg der 55-65-Jährigen um 88 Prozent

Das gilt auch, wenn man sich nur die sozialversicherungspflichtigen Jobs anschaut, also die Minijobs außer Acht lässt. Die Zahl der 55- bis 65-Jährigen mit einer solchen Stelle stieg binnen eines Jahrzehnts um 88 Prozent auf 5,3 Millionen, obwohl die Rente mit 63 für viele Ältere ein frühzeitiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben attraktiver gemacht hat.

Der Boom an älteren Beschäftigten erklärt sich zum Teil schlicht daraus, so schreibt die Bundesagentur für Arbeit (BA) in einer aktuellen Analyse zum Thema, dass es insgesamt mehr von ihnen gibt. Wäre das die einzige Erklärung, so müsste der Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten an allen Menschen in der Altersgruppe konstant sein. Davon kann keine Rede sein. Die Beschäftigungsquote der 55- bis 60-Jährigen legte in einem Jahrzehnt um 13 Prozentpunkte auf 58 Prozent zu und überschritt den Wert, den die Gesamtbevölkerung erreicht. Auch bei den 60- bis 65-Jährigen ging die Quote seit 2005 deutlich nach oben – um 20 Punkte auf 36 Prozent.

Arbeitgeber nutzen Erfahrung

Die Analyse legt aber nahe, dass der Jobboom für Ältere weniger daran liegt, dass sie erheblich leichter aus der Arbeitslosigkeit heraus in Jobs kommen. Eher ist es so, dass Arbeitgeber ältere Beschäftigte nicht mehr so leicht loslassen. Statistisch betrachtet haben demnach Ältere ein geringeres Risiko als Jüngere, ihre Stelle zu verlieren. Werden in einem Betrieb Entlassungen nötig, werden sie in der Sozialauswahl bevorzugt. Zudem würden "Arbeitgeber verstärkt Fachkräfte bis zum Rentenalter an sich binden, um deren Erfahrung zu nutzen", schreibt die BA. Allerdings ist die Chance, aus der Arbeitslosigkeit herauszukommen, für über 55-Jährige nur halb so groß wie über alle Altersgruppen betrachtet.

Wichtig sei daher, so meint der Offenburger Agenturchef Sahrbacher, ein dauerhaftes Umdenken in den Köpfen zu erreichen. Noch mehr Arbeitgeber müssten genauer hinsehen und jenseits von Formalia die Qualitäten wahrnehmen, die ein älterer Bewerber mitbringe. "Es sind Perlen, die ihr entdecken könnt", ruft er den Chefs zu. Und für Jobsuchende lohne es sich mehr denn je, nicht so schnell aufzugeben. Die Arbeitsagentur hilft bei der Vermittlung Älterer in Arbeit mit Integrationsberatern und unterstützt unter Umständen Firmen eine Zeit lang mit einem Zuschuss zu den Lohnkosten, wenn sie einen arbeitslosen Älteren einstellen.

"Für uns ist es schwer, Fachkräfte zu finden" Ralf Müller
Auch Polimtag bewarb sich mit Hilfe der Integrationsberater auf eine Stelle bei der Zeller Keramik Manufaktur in Zell am Hammersbach. Seine jahrelangen Erfahrungen als Maschinenbediener und Glasschleifer fielen Ralf Müller, dem auch die Dorotheenhütte Wolfach gehört, ins Auge. "Für uns ist es schwer, Fachkräfte zu finden", berichtet er. Nach erfolgreichem Vorstellungsgespräch und einwöchigem Praktikum bot er Johann Polimtag im Oktober 2016 einen unbefristeten Vertrag als Produktionshelfer in der Schwarzwälder Mundblashütte an. "Seine Motivation war riesig. Ich habe sofort gemerkt, er will unbedingt", berichtete Müller.

Johann Polimtag ist auch nach drei Monaten noch begeistert von seiner neuen Arbeit. "Mir gefällt eigentlich alles, ich bin sehr froh, dass es so gekommen ist", bekannte er. Zu seiner Tätigkeit gehört zum Beispiel, die Formen für Vasen, Schalen oder Weingläser vorzubereiten, fertige Teile in die Abkühlöfen zu bringen oder in der Schleiferei bei der Endbearbeitung zu helfen. Sein Handicap – ihm fehlen seit rund 20 Jahren an der rechten Hand zwei Finger – spiele bei der Arbeit keine Rolle. "Er ist sehr geschickt und entlastet die Glasmacher, die sich so wieder anderen Dingen widmen können", sagte Ralf Müller. In der Dorotheenhütte werde vor allem manuell gearbeitet, da seien Erfahrung und Können enorm wichtig. Der Unternehmer sagt: "Junge Azubis mit Einser-Schnitt sind toll, aber die besten Glasmacher sind diejenigen, die das seit 20 Jahren machen."
Jobmotor 2016

Die BZ und ihre Partner – die Industrie- und Handelskammern Freiburg, Schopfheim und Villingen-Schwenningen, die Handwerkskammer Freiburg und der Wirtschaftsverband Industrieller Unternehmen Baden – wollen wissen, welche Firmen in Südbaden 2016 besonders viele Stellen geschaffen haben. Deshalb veranstalten wir zum elften Mal den Wettbewerb Jobmotor. Wir verleihen Preise in drei Kategorien: für Betriebe mit bis zu 19 Beschäftigten, mit 20 bis 199 Beschäftigten und 200 oder mehr Beschäftigten.

Zusätzlich sind Preise ausgelobt für die beste Idee 2016, Mitarbeiter zu finden und an die Firma zu binden. Die Bewerbung um diesen Preis ist unabhängig von der Zahl der geschaffenen Stellen. Die Teilnahme ist kostenlos. Hier bis 31. Januar bewerben: Jobmotor 2016

Autor: Christine Storck und Ronny Gert Bürckholdt