Kein Geld mehr aus dem Nichts

Hannes Koch

Von Hannes Koch

Fr, 08. Juni 2018

Wirtschaft

Die Schweizer Vollgeld-Initiative will das Bankensystem umkrempeln / Am Sonntag stimmt das Volk über den Vorschlag ab.

BERLIN/BERN. Dank ihrer Volksabstimmungen ist die Schweiz immer gut für neue Ideen. Politische Forderungen, die manche für Utopien halten, werden plötzlich von Hunderttausenden Bürgern unterstützt. Am Sonntag, 10. Juni, steht wieder eine solches Vorhaben zur Entscheidung: Millionen Schweizer können über die Einführung des sogenannten Vollgelds befinden, das dem traditionellen Bankensystem den Stecker zöge. Nur noch die Zentralbank soll Geld schöpfen dürfen. Befürworter und Gegner streiten auch hierzulande.

Was will die Vollgeld-Initiative?
Die Befürworter schreiben: "Allein die Nationalbank stellt künftig unser Geld her, auch das elektronische Geld." Das wäre eine gigantische Reform, denn heute liegt die Geldschöpfung zum Gutteil in Händen der Geschäftsbanken. Das gilt auch für Euroland und den Euro. Von dem Systemwechsel versprechen sich die Initiatoren unter anderem, dass es nicht mehr zu Finanzkrisen wie ab 2007 kommt, das Geld also sicherer wird. Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), warnt dagegen: "Ein Vollgeld-System würde unserem Land als Ganzes schaden."

Wie funktioniert die
Geldschöpfung heutzutage?

Das lässt sich an einem Beispiel erklären: Möchte ein Verbraucher ein Auto kaufen, hat die nötigen 15 000 Euro aber nicht, vermittelt ihm der Autohändler gerne einen Bankkredit. Die Bank überweist dem Kunden die Summe. "Dieser Kredit entsteht aus dem Nichts", sagt dazu Ulrich Stolzenburg, Ökonom am Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Die Bank schreibt elektronisch ein paar Zahlen auf das Konto des Autokäufers, obwohl sie selbst nur über einen sehr kleinen Teil der Summe verfügt. Lediglich zwei, fünf oder acht Prozent der ausgegebenen Kredite müssen Geldinstitute je nach Größe und Geschäftsmodell mit Eigenkapital abdecken, der größte Teil ist Geldschöpfung. "Mit diesem sogenannten Giralgeld – Zahlungsmittel auf Konten – erhöhen die privaten Banken die Geldmenge, die in der gesamten Wirtschaft unterwegs ist", erklärt Stolzenburg. Und sie verdienen damit, denn sie verlangen Zinsen, die einen Teil ihrer Gewinne ausmachen.
Kommt unser Geld aus dem Nichts?
Sogar SNB-Präsident Jordan räumt ein, dass Privatbanken selbst Geld schaffen. Das könnten sie aber nur tun, so Jordan, weil sie gleichzeitig in der Lage seien, den Kunden Banknoten auszuzahlen, die sie von Sparern, Firmen, Anlegern oder der Zentralbank erhielten. Zumindest ein Teil des geschöpften Geldes sei also tatsächlich vorhanden.

Was würde sich durch
ein Vollgeld-System ändern?

Die Geschäftsbanken dürften dann kein Geld mehr entstehen lassen. Dieses Recht hätte nur noch die Zentralbank, etwa die Schweizerische Nationalbank oder die Europäische Zentralbank. Praktisch bedeutet das: Gibt ein Privatinstitut einen Kredit aus, muss es die ganze Summe als Zentralbankgeld besitzen und nachweisen. Um das zu erreichen, leiht sich die Geschäftsbank das Geld zu einhundert Prozent bei der Zentralbank und zahlt ihr dafür Zinsen. "Die Geldschöpfung geht komplett vom privaten Banksystem an die Zentralbank über", so Stolzenburg. Heute dagegen schaffen die Zentralbanken zwar auch Geld, indem sie beispielsweise Banknoten ausgeben, aber das macht nur einen Teil aller umlaufenden Zahlungsmittel aus.

Bringt das Vollgeld-System
mehr Sicherheit?

Wenn Institute jeden Kredit mit Zentralbankmitteln in gleicher Höhe abdecken müssen, sinkt das Ausfallrisiko. Zahlten die Schuldner das Darlehen nicht zurück, spielte das für die Stabilität der Finanzhäuser keine große Rolle, denn sie haben ja noch ihr Sicherheitskapital. Wegen der verpflichtenden Abdeckung könnten die Banken viel weniger Kredite ausgeben als heute. Die Tendenz zu übersteigerter Verschuldung und gefährlichen Finanzblasen würde schwächer, hoffen die Befürworter der Schweizer Initiative.

Was bedeutet das für die Banken?
"Die Kreditvergabe würde komplizierter und schwerfälliger", argumentiert SNB-Chef Jordan. Die Institute verdienten weniger Zinsen durch Kredite, müssten aber mehr an die Zentralbank zahlen, weil sie sich dort ständig große Summen leihen. Im Ergebnis "sinkt die Profitabilität des privaten Banksektors", sagt IfW-Ökonom Stolzenburg – eine Gefahr für die Aktionäre, aber auch für Beschäftigte und Kunden. Letztere müssten wahrscheinlich mehr für manche Bankdienste zahlen, etwa Kontoführungsgebühren.

Welche Folgen hätte das Vollgeld
für das Wirtschaftswachstum?

Das ist unklar. Einerseits könnte das Wachstum gehemmt werden, wenn die Kreditvergabe der Banken zurückgeht. Andererseits könnte die Zentralbank die Geldmenge so vergrößern, dass das Wachstum auf heutigem Niveau bleibt.

Wie verändert sich
die Rolle des Staates?

In westlichen Demokratien wird die Rolle der Zentralbanken oft als "unabhängig" definiert. Ihre Geldpolitik soll sich am allgemeinen Interesse, wie der Geldwertstabilität, orientieren. Trotzdem nimmt die Politik Einfluss, indem sie das Führungspersonal der Notenbanken bestimmt. Die Macht des Staates wüchse also, wenn nur noch die Zentralbank über die Geldschöpfung entschiede. In einer Zeit, da das Misstrauen etwa gegen die Europäische Zentralbank zunimmt, dürfte eine derart grundlegende Reform viele Kritiker auf den Plan rufen.