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17. März 2016 20:01 Uhr

Wirtschaft

Thailand als Industriestaat? Südbadische Unternehmer besuchen das Land

Schafft das Königreich Thailand den Sprung zum Industriestaat? Eine Delegation des Wirtschaftsverbandes Industrieller Unternehmen Baden (WVIB) hat das südostasiatische Land besucht.

  1. Seidenspinnerin in Bangkok Foto: Bernd Kramer

  2. Arbeitet eng mit Thailändern zusammen: Andreas Hoischen Foto: BKR

  3. Thailändischer Autozulieferer AAPICO Foto: BKR

  4. Daimler-Ausbildung in Thailand Foto: BKR

Die junge Thailänderin hat das Zeug zur Turnlehrerin. Sie streckt die Arme rasch nach vorne, beugt ihren Oberkörper ganz weit nach unten und tritt mit schnellen Schritten auf der Stelle. Die Bewegungen folgen dem Takt der Musik, die aus dem Lautsprecher kommt. Alles wirkt einfach und leicht. Die Frau hat Routine. Mehrmals pro Tag versuchen sie und ihre mehr als 800 Kolleginnen und Kollegen im Schneider-Electric-Werk in der Samutprakarn-Provinz, sich geschmeidig und beweglich zu halten. Die jeweils fünfminütige Turneinheit ist fester Bestandteil des Arbeitsalltags in der Fabrik des französischen Konzerns. Zu ihm gehört in Südbaden ein Elektromotorenproduzent – bekannt als Berger Lahr. Die für europäische Augen ungewohnte Turnübung im Betrieb verstehen die Verantwortlichen als Teil des Gesundheitsmanagements.

In dem Industriepark in der Nähe der thailändischen Hauptstadt Bangkok fertigt die Schneider-Belegschaft Sicherungen für den Weltmarkt. Die Produktion ist fast komplett in weiblicher Hand. 85 Prozent der Mannschaft sind Frauen. Sie werden von den westlichen Unternehmen nicht nur wegen ihrer atemberaubenden Fingerfertigkeit geschätzt, sie gelten nach Meinung von Thailand-Experten auch als wesentlich zuverlässiger als ihre männlichen Landsleute.

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Die Elektronik ist weiblich

Ein paar Hundert Meter entfernt – im Werk des taiwanesischen Delta-Konzerns – stehen Hunderte von Frauen an Produktionslinien von der Länge einer Turnhalle. Die Schwangeren sitzen an Tischen. Der Delta-Konzern ist vom thailändischen Staat ausgezeichnet worden – als Vorzeigeunternehmen.

Ohne die Frauen in Samutprakarn würde die elektronische Datenverarbeitung rund um den Globus in Schwierigkeiten kommen. Die Mitarbeiterinnen stellen unter anderem die Stromversorgungsteile her, die Computer und andere elektrische Geräte brauchen, um zu funktionieren. 5000 Menschen arbeiten in dem mehrstöckigen Gebäude, das die meisten Fabriken in Südbaden klein aussehen lässt.

Unter den Mitarbeitern befinden sich regelmäßig Südbadener. Aus dem thailändischen Werk stammen unter anderem die Wechsel- und Gleichrichter der Delta Energy Systems. Sie werden in Teningen entwickelt, vom nördlichen Breisgau aus vertrieben. Die Kunden für diese Produkte befinden sich vor allem in Deutschland und den USA. Technik aus Teningen findet man auch in Rechenzentren, Medizingeräten und in der automatisierten Fabrik. Läuft die Herstellung eines neuen Produktes an, sind die deutschen Ingenieure und Techniker in Thailand, um mit ihren Kollegen einen reibungslosen Fertigungsanlauf sicherzustellen.

Delta-Energy-Systems-Geschäftsführer Andreas Hoischen hält die Arbeitsteilung für ein Erfolgsmodell. "Mit der Produktion in Thailand sind wir wettbewerbsfähig. In Deutschland wären die Kosten im Vergleich zu unserer rein chinesischen Konkurrenz zu hoch. Delta wiederum profitiert von deutschem Wissen und bewährten Vertriebsstrukturen. So kann der Konzern neue Märkte erschließen und den Konkurrenten aus Asien erfolgreich Paroli bieten", sagt der Elektroingenieur, der seit 1997 in Teningen arbeitet.

60 Stunden Wochenarbeitszeit sind nicht ungewöhnlich

In Thailand sind die Löhne deutlich niedriger als in Deutschland. Die Delta-Beschäftigten an den Produktionslinien verdienen nach Angaben eines Fabrikmanagers umgerechnet zwischen 10 500 Baht und 17 500 Baht pro Monat (270 Euro/447 Euro). Zum Vergleich: Ein angestellter Produktionsleiter kommt auf bis zu 120 000 Baht (3100 Euro). Die Regelarbeitszeit beträgt 40 Stunden. Die Thais wollen jedoch in der Regel länger arbeiten. "Wenn sie keine Überstunden anbieten, finden sie kaum Personal", sagt ein Personalverantwortlicher. Die 60 Stunden Wochenarbeitszeit sind notwendig, um den Lebensstandard zu erhöhen.

Als selbstverständlich werden Sozialleistungen wie eine freie Kantine und der Personalbus erachtet. Er holt die Mitarbeiter an ihrem Wohnort ab und bringt sie wieder zurück. Fünf Prozent des Lohnes steuert der Arbeitgeber zur Sozialversicherung bei, fünf Prozent der Arbeitnehmer. Die Beitragsbemessungsgrenze liegt bei etwa 13 000 Baht – umgerechnet 332 Euro. Die Beschäftigten sind gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit versichert. Im Krankheitsfall gibt es 30 Tage Lohnfortzahlung. Gleichzeitig entsteht Anspruch auf Rente: Wer mehr als 180 Monate Beiträge entrichtet hat, erhält eine monatliche Rente in Höhe von 15 Prozent des zuletzt erzielten Durchschnittslohnes. Auch in Thailand gibt es einen Mindestlohn: Er beträgt 300 Baht pro Tag. Das entspricht 7,70 Euro. Zum Vergleich: Eine Oberklasse-Wohnung im Zentrum Bangkoks kostet umgerechnet rund 1000 Euro pro Quadratmeter.

Thailand ist der grösste Festplattenbauer der Welt

Die im Vergleich zu den westlichen Industriestaaten geringen Gehälter und die Nähe zu den Wachstumsmärkten in den asiatischen Nachbarländern haben viele Unternehmen aus dem Ausland nach Thailand gelockt. Im Land werden heute mehr Festplatten produziert als irgendwo sonst auf der Welt. Thailand gehört auch zu den zehn größten Automobilherstellern – weshalb die Region um Bangkok gern als das Detroit des Ostens bezeichnet wird. Die offizielle Arbeitslosenquote liegt bei 0,92 Prozent – wobei Kritiker anmerken, jeder, der auf der Straße Suppe verkaufe, gelte als arbeitend – selbst wenn er dieser Beschäftigung aus schierer Not nachgehe.

Trotz dieser Erfolge sind die Verantwortlichen in Bangkok nicht zufrieden. Sie befürchten, dass die Wirtschaft des Landes nicht mehr weiterkommt – also in ihrer Rolle als verlängerte Billiglohn-Werkbank verharrt und diese sogar in absehbarer Zeit verlieren wird – an Länder wie Kambodscha oder Myanmar, in denen das Gehaltsniveau noch niedriger ist. Die Textilindustrie flüchtete bereits. Große thailändische Konzerne, die über die Grenzen des Landes hinaus bekannt sind, gibt es nicht. Allenfalls im Gesundheitssektor gibt es Unternehmen mit internationaler Reputation. So lassen sich in den Krankenhäusern Bangkoks gerne Bewohner der reichen Golfstaaten behandeln – wegen der Qualität der Versorgung und der niedrigen Kosten.

Kanchana Noppun soll helfen, dass ihre mehr als 67 Millionen Landsleute der Entwicklungsfalle entkommen. Die Thailänderin arbeitet für die staatliche Investment-Agentur (Board of Investment-BOI), die ausländische Unternehmen betreut, die sich in Thailand niederlassen wollen. Ihr Ziel: Sie will mehr Hightech ins Land holen. Die Strategie ist einfach. Je mehr ein Fremder in Thailand forscht und entwickelt, je mehr anspruchsvolle Arbeitsplätze er anbietet, desto üppiger sind die staatlichen Vergünstigungen, die der Investor erhält. Dazu zählt zum Beispiel eine mehrjährige Befreiung von der Körperschaftsteuer. Ausländische Experten müssen unter bestimmten Bedingungen keine Einkommensteuer bezahlen. Wer dagegen Thailand weiter nur als Standort für eine billige, arbeitsintensive Produktion betrachtet, muss sich mit weniger f Wohlwollen der Regierung zufriedengeben.

Noppun hofft, dass sie Biotech-Firmen und Software-Entwickler ins Land bringt. Wie Wirtschaftsförderer in Deutschland will die Staatsbeschäftigte Cluster schaffen – also Regionen, in denen Unternehmen einer Branche, eines Geschäftsfeldes nebeneinander arbeiten und sich so mit ihrem Wissen gegenseitig befruchten. Die Gegend um Chiang Mai (siehe auch Porträt) soll zum Beispiel zu einem Zentrum der Digitalindustrie werden. Alle thailandischen Regierungen waren und sind bestrebt, ausländische Direktinvestitionen gemäß den eigenen Zielen zu lenken. Das hat auch Folgen für den schwäbischen Autobauer Daimler. Er lässt von einer thailändischen Firma Fahrzeuge montieren, weil die Luxusautos ansonsten mit hohen Einfuhrzöllen belegt werden. Weil in Thailand gefertigt wird, kann Daimler Teile aus seinen Standorten rund um den Globus zollfrei nach Thailand importieren. Allerdings muss auch ein festgelegter Anteil jedes Autos aus Produkten bestehen, die in Thailand hergestellt wurden. 12 000 Autos verkaufen die Schwaben in Thailand – 8000 davon aus der Produktion in der Nähe von Bangkok. "Es ist ein lukrativer Markt", sagt Daimler-Manager Andreas Lettner. Das liegt daran, dass reiche Thais bereit sind, viel Geld für Autos mit dem Stern auf den Tisch zu legen. Die Nobelkarossen stehen für Reichtum und Macht. Auch der thailändische König Bhumibol Adulyadej ist Kunde – seit Jahrzehnten. BMW ist ebenfalls mit einer Montage vertreten.Verglichen mit dem Engagement der japanischen Autobauer in Thailand sind die Standorte der deutschen Hersteller winzig. Mehr als 600 000 Toyotas kommen pro Jahr aus Thailand. Nissan lässt in dem südostasiatischen Staat ebenfalls Autos bauen. Die Fahrzeuge der Japaner prägen das Straßenbild.

Die Furcht vor dem Tod des thailändischen Königs

Das Militär regiert Thailand. Es hatte sich im Mai 2014 an die Macht geputscht, nachdem es massive Proteste gegen die damalige Regierung von Premierministerin Yingluck Shianwatra gegeben hatte. Seither herrscht zumindest an der Oberfläche Ruhe, zumal das Regime Kritik unterdrückt. Die thailändische Wirtschaft hat der Wechsel an der Macht allerdings nach Meinung von Vertretern deutscher Unternehmen nicht nachhaltig beeinträchtigt. "Wir saßen im Café, als die Nachricht vom Putsch kam. Beunruhigt hat das eigentlich niemanden", sagen Mitarbeiter deutscher Firmen. Gegenüber Unternehmen seien die Militärs gesprächsbereit. Allerdings handelten die Generale mitunter unbeholfen. Als es in einem prominenten Fall Schwierigkeiten mit Sicherheitspersonal gab, entschied die Regierung über Nacht, dass nur noch Wachmänner mit einer Berufsausbildung eingestellt werden dürfen. "60 Prozent unserer Mitarbeiter haben aber keine Berufsausbildung", sagt Matthias Hoffrichter, der für ein Dienstleistungsunternehmen arbeitet, das Fabriken absichert, Gebäude reinigt und wartet. Mehr als das Militärregime beunruhigt ausländische Investoren das hohe Alter des thailändischen Königs. Der Monarch wurde 1927 geboren. Er gilt als die Figur, die das Land zusammenhält. In den Straßen ist der König omnipräsent – teils auf meterhohen Plakaten. Schlecht über Bhumibol zu reden, ist verboten. Stirbt er, rechnen viele mit Machtkämpfen, die die Stabilität des Landes gefährden könnten.

Lastwagen müssen an der Grenze Halt machen

Von den Wachstumsraten vergangener Jahre ist Thailand derzeit weit entfernt. 2014 legte das Bruttoinlandsprodukt um 0,9 Prozent zu, 2015 um 2,8 Prozent zu. Zum Vergleich: 2010 wuchs die thailändische Wirtschaft noch um 7,5 Prozent. Die Thais leiden wie andere asiatische Staaten unter anderem darunter, dass Chinas Wirtschaft nicht mehr so stark unter Dampf steht. Große Hoffnungen verbindet Thailand deshalb mit der Asean Free Trade Area (Afta – Asiatische Freihandelszone). Sie sieht einen Abbau der Einfuhrzölle auf null bis fünf Prozent für Waren vor, die aus den Asean-Staaten kommen. Zu Asean gehören neben Thailand beispielsweise auch Vietnam, Malaysia, Indonesien, Singapur und Myanmar. Die beteiligten Länder rechnen wegen der niedrigeren Handelsschranken mit einem kräftigen Wachstumsimpuls. In der Freihandelszone leben mehr als 600 Millionen Menschen. Mit dem EU-Markt ist die Afta nur schwer vergleichbar. Während deutsche Lkw unbehindert über französische Straßen rollen, um Güter zu transportieren, ist das bei den Afta-Ländern noch Zukunftsmusik. Hat ein thailändischer Lastwagen Waren für Malaysia geladen, muss er an der Grenze haltmachen. Dort werden die thailändischen Güter in ein malaysisches Fahrzeug umgeladen. Alles andere wäre nicht erlaubt.

Das Fazit des WVIB-Hauptgeschäftsführers Christoph Münzer lautet jedenfalls: "Thailand ist ein wachsender Markt mit über 70 Millionen Menschen und immer besserem Anschluss an die Weltwirtschaft. Nicht mehr allein durch Tourismus, sondern durch einen sanften Kapitalismus mit Energieeffizienz und Mülltrennung, ohne zu viel Kriminalität, Korruption oder Plagiate. Es gibt Armut, aber keine Verwahrlosung. Und es gibt den klaren Willen eines buddhistisch entspannten Landes, nach vorne zu gehen."

– Der Autor war auf Einladung des WVIB in Thailand.
WVIB

Industrielle Mittelständler aus dem Südwesten Deutschlands sind das Herz des WVIB. Der Verband zählt rund 1000 Mitglieder mit 193 000 Stellen im Inland und 33 000 Arbeitsplätzen im Ausland. Regelmäßig veranstaltet der WVIB Reisen – auf der Suche nach neuen Märkten.

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Autor: Bernd Kramer