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12. Februar 2014

Wachstum

Volkswirt legt Alternativkonzept vor

Laut Ökonom Meinhard Miegel geht es Deutschland heute schlechter als Anfang des Jahrhunderts.

  1. Miegel Foto: bz

BERLIN. Die Kritik am Wachstumsbegriff ist alt. Seitdem die im Club of Rome vertretenen Wissenschaftler in den siebziger Jahren auf die Grenzen des Wachstums hinwiesen, gibt es immer wieder Versuche, den Wohlstand von Gesellschaften treffender zu erfassen. Ein Alternativkonzept hat der Volkswirt Meinhard Miegel vorgelegt. Ihm zufolge geht es der Bundesrepublik heute ökonomisch schlechter als 2001.

Einig sind sich viele Experten, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das den Wert der im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen widerspiegelt, mangelhaft Auskunft gibt über die Prosperität einer Volkswirtschaft. Auch Miegel, Vorstandsvorsitzender des Denkwerks Zukunft in Bonn, kritisiert seit Langem den gängigen Wachstumsbegriff. Aber kein Indikator konnte bisher das BIP ersetzen, auf das Regierungen, Forschungsinstitute und die Finanzmärkte achten.

In der vergangenen Wahlperiode setzte der Deutsche Bundestag eine Enquetekommission zur Neudefinition des Wachstumsbegriffs ein. Herausgekommen ist wenig. Laut Bundestag soll der Fortschritt künftig anhand von 20 bis 60 Indikatoren gemessen werden. "Das ist völlig unpraktikabel", urteilt Miegel.

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Das Denkwerk Zukunft hält das von ihm entwickelte Wohlstandsquintett für aussagekräftig. Mithilfe von fünf Kennzahlen soll ein Wohlstandsbegriff geprägt werden, der nicht nur das das BIP berücksichtigt, sondern auch die ökologischen, sozialen und finanziellen Folgen abbildet. Dieser Wohlstandsbegriff hat fünf Komponenten: Neben der Entwicklung des Pro-Kopf-BIP gibt er Auskunft, wie gleich oder ungleich die Einkommen in einem Land verteilt sind, wie stark die gesellschaftliche Ausgrenzung und wie groß der ökologische Ressourcenverbrauch ist. Außerdem wird die Verschuldung des Gesamtstaates einbezogen. Miegel legte das Wohlstandsquintett erstmals 2011 vor. Nun wurde das Barometer aktualisiert.

Im Vergleich zu anderen EU-Ländern schneidet Deutschland zwar gut ab. In den vergangenen Jahren ist der Wohlstand in Deutschland gestiegen. Grund dafür ist, dass sich das BIP erhöht und die gesamtstaatliche Schuldenquote zurückging. Aber: Vergleicht man den heutigen Wohlstand mit 2001, fällt die Bilanz laut Miegel negativ aus: "Der Wohlstand in Deutschland ist seither gesunken." Die gestiegenen Wachstumszahlen gäben nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit wieder. Werden die ökologischen, sozialen und finanziellen Rahmenbedingungen ins Kalkül gezogen, sieht das Bild anders aus. Gut ablesen lässt sich das am Zustand der Staatsfinanzen. In den vergangenen Jahren machte die Politik zwar Fortschritte beim Abbau der Neuverschuldung. Der gesamte Schuldenberg der öffentlichen Hand sinkt aber kaum. Falls die Regierung ihr Versprechen einhält und 2015 einen Bundeshaushalt ohne neue Schulden vorlegt, ist dies zwar erfreulich. Doch selbst unter diesen günstigen Annahmen wird die Gesamtverschuldung des Staates im Jahr 2018 höher sein als 2001.

Stefanie Wahl, Autorin der Studie, findet: Die Zuwächse beim BIP werden erkauft durch einen "Raubbau an der Zukunft". Alle Industrie- und Schwellenländer befänden sich in einem Dilemma: Der Wohlstand gehe zulasten künftiger Generationen. Weil die negativen Effekte durch den Ressourcenverbrauch und nicht tragfähige Finanzen ausgeblendet würden, tauchen sie in den Wachstumszahlen nicht auf. Um daran etwas zu ändern, sollten sich Regierungen an einem umfassenden Wohlstandsbegriff orientieren, forderte Miegel.

Autor: Roland Pichler