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23. Juli 2010 00:01 Uhr

Ausbildungsmarkt

Wie Schulen und Firmen junge Menschen auf den Beruf vorbereiten

Damit jungen Männern und Frauen der Einstieg in die Berufswelt gelingt, lassen sich Schulen und Unternehmen in Südbaden etwas einfallen – wie Beispiele aus der Region zeigen.

  1. Schülerfirmen – wie hier in Tüllingen – sind ein wichtiges Instrument, um Jungs und Mädchen auf den Einstieg ins Berufsleben vorzubereiten. Foto: bz

Weil die Bewerber für Ausbildungsplätze knapper werden, müssen sich Unternehmen mehr anstrengen, um die wenigen für sich zu gewinnen. Die künftigen Azubis ihrerseits müssen sich früh orientieren, welche beruflichen Möglichkeiten es gibt und was auf sie zu kommt. Denn ein knappes Angebot heißt nicht, dass Lehrstellen verschenkt werden.

Auch Handwerksberufe sind heutzutage mit hohen technischen Anforderungen verbunden. Der Automechaniker ist längst ein spezialisierter Mechatroniker. Selbst Bäcker brauchen nicht nur starke Hände, sondern einen gut gebildeten Kopf, um Knetmaschinen und Backofen computergesteuert bedienen zu können.

Eine umfassende berufliche Orientierung ist gefragt: "Es geht immerhin um 350 Ausbildungsberufe und eine große Zahl von Vollzeitschulen", sagt der Freiburger Schulpräsident Siegfried Specker. Nicht erst in der Abschlussklasse, spätestens in der siebten Klasse, sollten Lehrer die Kinder und Jugendlichen auf das Berufsleben vorbereiten. 30 Prozent der Lernzeit können die Schulen selbst gestalten. Sie sollten diesen Spielraum auch für die Berufsvorbereitung nutzen, ermuntert der Schulpräsident seine Pädagogen.

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Schülerfirma finanziert die Klassenfahrt

Der Appell hat mancherorts gefruchtet. Unlängst haben der Schulpräsident, der IHK-Präsident und die Baden-Württemberg-Stiftung an zwölf Schulen der Region das Berufswahl-Siegel für herausragende Leistungen vergeben. Boris, so die Abkürzung, ist das Zeugnis für Schulen, die mehr tun als es üblich ist. Dazu gehören Kooperationen mit Unternehmen. Diese Lernpartnerschaften sollten beiden Seiten praktischen Nutzen bringen.

Die Kastelbergschule in Waldkirch gestaltet zum Beispiel seit Jahren eine Partnerschaft mit dem Verpackungsmittelhersteller August Faller KG. Schüler lernen von Faller-Ausbildern den Umgang mit dem Rohstoff Papier und zugleich die entsprechenden Berufe kennen. Der Betrieb wirbt bei jungen Leute für sich.

So läuft es im Prinzip bei allen Schulen, die ausgezeichnet wurden. Im Elztal gibt es noch mehr Vorbildliches. In der Neun-Linden-Schule in Elzach fängt die Beschäftigung mit dem Arbeitsleben in der fünften Klasse an. Da gibt es einen Eltern-Kind-Berufsschnuppertag, in der sechsten Klasse eine Betriebsrallye, in der siebten ein Sozialpraktikum und die erste Stufe des Wirtschaftsführerscheins. Partnerfirmen sind das Altenheim St. Elisabeth und die Schreinerei Becherer. "Was diese Schule macht, ist außergewöhnlich", sagt Hans Farina. Der ehemalige Ausbildungsleiter der Sick AG hat als Gütesiegel-Prüfer die Schule unter die Lupe genommen. "Die Berufsorientierung zieht sich wie ein roter Faden durch den Schulalltag", lobt Altmeister Farina die vielen Projekte. Eine Schülerfirma hat Bürobedarf verkauft und damit die Klassenfahrt nach Sylt finanziert. Oder die Teilnahme am computergestützten Planspiel namens Chance, in dem sich eine virtuelle Schreinerei im Wettbewerb behaupten muss. Zu den externen Berufserkundungen kommen Unterrichtsstoffe wie das gute Bewerbungsgespräch oder der richtige Umgang mit Geld und Girokonto.

Auch einigen Eltern wird geholfen

Auch die Albert-Schweizer-Grund- und Hauptschule in Freiburg übt bereits Tugenden der Arbeitswelt: Pünktlichkeit und Eigenmotivation. Die kann man auch in der Schule brauchen. In Zusammenarbeit mit der Freiburger Spielwerkstatt und dem Abenteuerspielplatz gibt es für Siebtklässler das Projekt "Schaffe lerne". Diese, von Trainern begleitete Selbsterfahrung in sozialer Kompetenz, gehört zu acht Vorhaben, die von der Bildungsregion Freiburg mit 70 000 Euro gefördert werden – vom Land und vom Bund. Die Bildungsregion ist ein Netzwerk von 70 Freiburger Schulen.

Bei drei dieser Schulen läuft das Projekt "Neue Wege der Elternarbeit im Rahmen der beruflichen Bildung". Hinter dem theoretischen Titel verbirgt sich eines der wichtigsten praktischen Probleme für die Berufsorientierung. Eltern üben einen großen Einfluss auf die Berufswahl der Kinder aus. Positiv oder negativ und mit weitreichenden Folgen. Wenn etwa Eltern von Migranten oder Eltern aus bildungsfernen Schichten mit der Aufgabe überfordert sind, kommt es zu falschen Vorstellungen von Berufen und zu Fehlentscheidungen im Dschungel der Angebote. Das ist nicht nur für den Nachwuchs fatal. "Vergeudung von Ressourcen können wir uns angesichts der demografisch bedingten Verknappung des Bewerberangebots gar nicht leisten", sagt die für die Schulen zuständige Freiburger Bürgermeisterin Gerda Stuchlik.

Autor: Heinz Siebold