Nachverdichtung

Wohnen über dem Discounter

Alexander Sturm /rö

Von Alexander Sturm (dpa)/rö

Sa, 07. April 2018 um 11:12 Uhr

Wirtschaft

Die hohen Grundstückspreise und der Platzmangel in den Metropolen lässt die Handelsketten kreativ werden. Oben Wohnungen, unten Läden: Auch in Freiburg ist ein solches Projekt geplant.

Bodentiefe Fenster, breite Gänge, begrüntes Dach mit Photovoltaikanlage, Ladestationen für Elektro-Autos – und das auf engstem Raum. Im Frankfurt-Niederrad will Lidl sein Image polieren und zugleich dem Platzmangel in der Stadt begegnen. Die Enge lässt den Discounter kreativ werden: Parkplätze werden unter der Filiale angelegt, eine Rolltreppe führt zu den Verkaufsflächen.

Die erste "Metropolfiliale" sei eine Blaupause, "wie wir uns Einzelhandel in dicht besiedelten innerstädtischen Gebieten vorstellen", sagte Alexander Thurn, Geschäftsleiter Immobilien bei Lidl Deutschland. Bräuchten übliche Filialen mit vorgelagerten Parkplätzen eine Fläche von mindestens 6000 Quadratmetern, komme dieser spezielle Bautyp mit der Hälfte aus. Frankfurts Oberbürgermeister Feldmann kündigte eine Kooperation mit der Handelskette an – "auch beim Wohnungsbau".

Unten Einkaufsflächen, darüber Wohnungen: das soll auch in Landwasser Realität werden

Im Freiburger Stadtteil Landwasser sollen in ein neues Zentrum ein Rewe-Vollsortimenter, ein Aldi, ein DM-Drogeriemarkt, ein Fitness-Studio, ein Textilgeschäft, Bäcker, Metzger und Ärzte einziehen. Dazu sollen 200 Wohnungen kommen – unten Einkaufsflächen, darüber Wohnungen.

Eingeschossige Flachbauten mit üppigen Parkplätzen – dieses Bild in deutschen Städten dürfte seltener werden. Lebensmittelhändler errichten zunehmend Filialen mit angeschlossenen Wohnungen, Arztpraxen und Büros. Gab es bisher schon angemietete Geschäfte im Erdgeschoss von Wohnungen und auch einzelne gemischte Projekte, gewinnt die "Nachverdichtung" nun an Fahrt. "Der Trend zum Neubau gemischter Handelsimmobilien ist noch jung", sagt Marco Atzberger, Mitglied der Geschäftsleitung beim Handelsinstitut EHI. Norma etwa hat im Obergeschoss einer Filiale in Nürnberg eine Kindertagesstätte errichtet, Wasserspielplatz auf dem Flachdach inklusive. Ferner hat die Handelskette auf dem Grundstück den Neubau von Reihenhäusern und Geschosswohnungen geplant.

Aldi Süd hat ähnliche Pläne: In Ballungsräumen wie Köln oder München würden Filialen in Kombination mit Wohnungen realisiert, teilte das Unternehmen mit. Lidl will im Frankfurter Gallus-Viertel eine Filiale abreißen, die samt Parkplatz ein 7700 Quadratmeter großes Grundstück belegt. Zu viel Raum für einen eingeschossigen Bau, findet Lidl, zumal die Gegend durch mehr Wohnungsbau "zunehmend attraktiv" werde. Lidl plant mit der kommunalen Gesellschaft ABG 110 Wohnungen auf dem Gelände – 40 über der neuen Filiale und weitere 70 in einem separaten Gebäude. "Mit solchen Plänen kommen Händler den Anforderungen von Städten entgegen, die dringend Wohnraum brauchen", sagt Atzberger. Mehrgeschossige Handelsimmobilien seien betriebswirtschaftlich effizienter und auch näher am Kunden. "Wer über einem Lebensmittelmarkt wohnt, kauft dort wahrscheinlich auch ein."

Nachteil ist etwa eine aufwendigere Statik

Teils agieren Handelsketten aber unter politischem Druck. Aldi Nord will in Berlin 2000 Wohnungen errichten. Mit dem Projekt geht Aldi auf Berlins Senat zu, dem die üppigen Discounterflächen wegen der Wohnungsnot ein Dorn im Auge sind. Zudem setzt der Immobilienboom die Ketten selbst unter Druck. In Metropolen seien Planungen für eingeschossige Supermärkte plus Parkplätze wegen der hohen Grundstückpreise "wirtschaftlich nicht realisierbar", erklärte Rewe.

Die neuen Vorzeigefilialen haben jedoch auch Nachteile, etwa eine aufwendigere Statik. Aus Anwohnersicht ist ebenfalls nicht alles rosig: Supermärkte liegen oft an Verkehrsachsen und sind so Lärm beim Kommen und Gehen der Kunden ausgesetzt. Zudem sei Vermietung keine Kernkompetenz von Händlern, sagt Atzberger.