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01. Juni 2012

Wohlfühlen in Wotans Wohnzimmer

Abschied von Walhall: Notizen und Beobachtungen zum Finale des Freiburger "Ring des Nibelungen".

  1. Vorhang zu: Siegfried (Christian Voigt) Foto: korbel/dick

  2. Regisseur Frank Hilbrich Foto: Alexander Dick

Das ist immer wieder so ein Gänsehautmoment: Nach all dem aufwallenden Motivgewusel stimmt das Orchester in der "Götterdämmerung" ein letztes Mal das so genannte Erlösungsmotiv an – sieben 12/8-Takte in tröstendem Des-Dur, ein finaler stimmiger Tutti-Akkord, den die Bläser wie eine gewaltige Orgel hinaustragen dürfen in die ungewisse Zukunft. Und dann, sekundenlange Stille, in der man Zeit hat, die feuchten Augen zu trocknen, bevor der Beifallssturm losbrandet. Jetzt ist die Reset-Taste gedrückt in Richard Wagners Weltendrama, alles auf null gestellt nach vier Abenden "Der Ring des Nibelungen". Oder anders ausgedrückt: Es könnte wieder von vorne losgehen, mit einem neuen Zyklus. Wird es aber nicht, definitiv nicht.

Es dämmert und ruft! (Rheingold)
Nach mehreren Einzelabenden und vier zyklischen Aufführungen beendet das Theater Freiburg sein größtes Abenteuer der vergangenen Jahre. Dabei hätte es erst nur ein kleiner Ausflug werden sollen, damals 2006, als man sich entschloss, "Rheingold" aufzuführen, den, wie ihn der Komponist benannte, "Vorabend" der Tetralogie. Doch dann wollte die Intendanz weitermachen. Wenn Operndirektorin Dominica Volkert Rückschau hält, merkt man, dass es ihr noch immer so ähnlich geht wie einem Schwimmer, der den Atlantik durchquerte und eigentlich nur ein paar hundert Meter hinausschwimmen wollte.

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Nun kann man den Atlantik so und so durchqueren. Man kann halbtot ankommen und bleibende Schäden davon tragen. Oder man steigt aus den Fluten, von einer jubelnden Menge empfangen, und vergisst den vorausgegangenen Kraftakt. Schon der enthusiastische Schlussbeifall von ganzen 14 Minuten nach der finalen "Götterdämmerung" am Mittwochabend lässt keinen Zweifel am Erfolg dieser Atlantikdurchquerung. "Nach dem ,Siegfried‘ waren es 18 Minuten", sagt Dominica Volkert mit einem verräterischen Lächeln – alles Abend für Abend feinsäuberlich protokolliert im Inspizientenbuch. Nur, um mal eine Relation zu haben: Der langjährige Bayreuther Festspielbesucher erinnert sich an Beifälle von deutlich kürzerer Dauer. Wohlgemerkt in der Premierenwoche und gar nicht so selten.


Hier muss ich rasten. (Walküre)

Ach ja, das Publikum. Es ist der wichtigste, um nicht zu sagen der einzige Indikator für die Güte einer Produktion – da können Kritiker noch so sehr anderer Meinung sein. Was sie im konkreten Fall ohnedies nicht sind… Allein die Resonanz auf diesen Freiburger "Ring" spricht Bände. Vier Zyklen rundum ausverkauft, 16 mal knapp 950 Karten. Wann trifft man auf dem Theatervorplatz am Rotteck-Ring schon auf Menschen, die nach einer Karte Ausschau halten? "Hoffentlich klappt’s, drücken Sie mir die Daumen…" Und wann sind auch die Stehplätze im obersten Rang alle restlos vergeben? Schon der erste Aufzug "Götterdämmerung" dauert rund 120 Minuten. Da stellt man sich nicht einfach mal eben so hin. Will heißen: Dieser "Ring" hat einen Namen. International. Australien, Neuseeland, USA, Schweden, England, Irland, Frankreich, Belgien, Japan. Das sind nur einige der Länder, sagt Pressesprecherin Bettina Birk, aus denen Besucher(gruppen) kamen, um sich auf ein Wagner-Erlebnis an der Dreisam einzulassen.

Natürlich, da kommt einiges zusammen: Die Anziehungskraft von Stadt und Regio, die Möglichkeit eines "Kulturlaubs", denn bedingt durch die beiden jeweils spielfreien Tage zwischen "Walküre" und "Siegfried" sowie "Siegfried" und "Götterdämmerung" eröffnen sich auch touristische Perspektiven. Und nicht zuletzt die erstklassige Vernetzung der weltweit organisierten Richard-Wagner-Verbände sorgt(e) für ungebrochene Nachfrage. Schließlich ist so eine "Ring"-Woche auch ein gesellschaftliches Ereignis. Und schweißt das Publikum zusammen. Dominica Volkerts Beobachtung ist sicher zutreffend: Beim "Rheingold" fremdelten die Menschen immer noch ein wenig. "Aber spätestens ab dem zweiten Akt ,Walküre‘ ist das Theater zum eigenen Wohnzimmer geworden." Man kommt sich näher, tauscht sich aus, lernt sich kennen. Sie seien gleichermaßen überrascht wie begeistert, beteuert ein Ehepaar aus München, das zusammen mit einer Zürcher Gruppe den dritten Zyklus besucht hat. "Es ist fantastisch, was die hier an diesem kleinen Haus machen." Manch größeres Opernhaus habe sie enttäuscht zurückgelassen, aber hier…

Bist du nun fertig! (Siegfried)
Natürlich sind das Momentaufnahmen. Und auch die optisch wahrnehmbare, starke Präsenz eines jüngeren Publikums darf man nicht als repräsentativ werten. Aber sie ist ein Indiz. Ein Indiz dafür, dass dieser "Ring" künstlerische Anziehungskraft ausübte. Was sich ebenso in begeisterter Zustimmung wie in emotionaler Ablehnung dem Konzept gegenüber geäußert hat. Regisseur Frank Hilbrich weiß davon ein Lied zu singen und er sagt das mit Überzeugung: "Ich persönlich bin froh, wenn es Widerspruch gibt." Dann merke er, dass bis zum Schluss etwas übrig geblieben sei von der Streitbarkeit seiner Inszenierung. Natürlich steht der gebürtige Bremer, Schüler Klaus Zeheleins, für ein gesellschaftlich engagiertes Theater, weshalb dieser "Ring" auf eine Vermenschlichung des Mythos zielte. Was naturgemäß für kontroverse Diskussionen sorgt. Auf der Hitliste der Verstörungen ganz oben seien das fehlende Schwert Nothung oder das Weglassen des Waldes im "Siegfried" gewesen. "Man hängt sich oft allzu schnell an der Ästhetik auf", ergänzt Dominica Volkert. Wie man aber auch für sie ficht. "Einfach großartig" fand besagtes Ehepaar aus München die Bildsprache dieses "Rings".

Ruhe, du Gott! (Götterdämmerung)
Die Begeisterung obsiegt. Bravos über Bravos am Ende. Für die hinreißenden sängerischen Leistungen auf Weltklasseniveau, das famose Orchester und den Dirigenten Fabrice Bollon, für das Produktionsteam einschließlich der sich aufreibenden Bühnentechnik. Und dann ist sie plötzlich da. Die Wehmut. Auch wenn Kapellmeister Johannes Knapp sich diebisch darüber freut, dass er und der "Götterdämmerungs"-abstinente Wotan alias Peteris Eglitis sich unter die Statisten beim Weltenbrand mischten – unerkannt: Langsam weicht die Euphorie dem Abschiedsschmerz. Alberichs Schlussschrei "Zurück vom Ringe!" gilt jetzt für alle. Nach dem "Ring" ist nicht mehr vor dem "Ring". Und ein bisschen klingt es nach Wagners Des-Dur, wenn Dominica Volkert und Frank Hilbrich unisono sagen: "Man muss auch loslassen. Aber man hat’s im Herzen."

Autor: Alexander Dick