Wütend und wichtig

Dieter Osswald

Von Dieter Osswald

So, 19. November 2017

Kino

Der Sonntag Ein Oscar-Kandidat: der Politthriller Detroit von Kathryn Bigelow .

Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten. Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow schildert in ihrem knallharten Polit-Thriller "Detroit" wie eine Gruppe Afroamerikaner nach einer Razzia von weißen Polizisten in einem sadistischen Spiel gedemütigt, eingeschüchtert und misshandelt wird.

"Change is coming!", versucht der schwarze Kongress-Abgeordnete die aufgewühlte Menge der wütenden Demonstranten zu beruhigen. Statt dem Wechsel kommt jedoch die uniformierte Staatsmacht. 1 100 Nationalgardisten rücken in Detroit ein, um den zunehmend gewalttätigeren Protesten im Sommer 1967 Einhalt zu gebieten.

Eher zufällig geraten die Musiker der "Dramatics" in die Proteste. Sie fiebern ihrem ersten großen Auftritt entgegen. Doch dann wird der Club von der Polizei geräumt. Nur mit Mühe können sich Sänger Larry (Algee Smith) und Kumpel Fred im "Algiers Motel" in Sicherheit bringen. Als dort einer der Gäste mit einer Schreckschusspistole hantiert, nimmt das Unheil seinen Lauf. Die Sicherheitskräfte stürmen das Gebäude. Brutal werden die Bewohner aus ihren Zimmern geholt und gegen eine Wand gestellt. Der weiße Officer Krauss verlangt von der verängstigten Gruppe die Herausgabe der Waffe. Mit Schlägen und Scheinhinrichtungen will er Geständnisse erzwingen. Schließlich fallen tödliche Schüsse.

Wie Regisseurin Bigelow bekam auch Drehbuchautor Mark Boal für "Tödliches Kommando – The Hurt Locker" den Oscar. Dafür stehen die Chancen abermals gut. Rigoros erzählt Boal das reale Drama, das sich vor 50 Jahren zutrug, in Form eines atmosphärisch dichten Thrillers nach und nimmt sich dabei durchaus künstlerische Freiheiten. Was in dieser Nacht tatsächlich geschah, lasse sich objektiv nicht mehr restlos rekonstruieren, betont der Abspann. Erzähler sind keine Erbsenzähler, wenn die großen Linien stimmen, kann auf faktenhuberisches Kleinklein getrost verzichtet werden, ohne sich die Fake-News-Narrenkappe aufzusetzen.

Bei seinen Figuren setzt Autor Boal auf dramaturgische Zuspitzungen, ohne seine Typen als Karikaturen verkommen zu lassen. Der begnadete Sänger, der seine vielversprechende Karriere nach der traumatischen Nacht an den Nagel hängt, um fortan im Kirchenchor zu singen. Sein sensibler Kumpel, der den Einschüchterungen überraschend selbstbewusst widersteht. Die zwei lebenslustigen Teenager, die sich plötzlich dem grotesken "Neger-Nutten"-Vorwurf konfrontiert sehen. Schließlich das junge Cop-Trio, moralische Krüppel, die sich gerne als "Herrenmenschen" aufspielen und fanatisch jener "white supremacy" frönen, die im Trump-Amerika wieder beängstigende Schlagzeilen macht. In seiner Rolle als eiskalter Babyface-Rassist in Uniform liefert der Brite Will Poulter eine schauspielerische Leistung der ziemlich erschreckenden Art.

Visuell bieten Bigelow und Kameramann Barry Ackroyd ein faszinierendes Konzept, das mit nervöser Handkamera, schnellen Schnitten sowie dokumentarischen Aufnahmen das Chaos dieser gewalttätigen Proteste wie eine Kriegs-Reportage wirken lässt. Voll auf cineastisches Adrenalin setzt die Regisseurin danach bei der Inszenierung der brutalen Razzia, bei der sich die ohnmächtigen Opfer einer sadistischen Machtdemonstration ausgeliefert sehen. Derweil im dritten Akt die Gerichtsverhandlung auf das ermüdende Plädoyer-Blabla gängiger Justiz-Szenen verzichtet. Ein wütender, wichtiger und emotional packender Film zur richtigen Zeit. Bigelow, die als erste Frau überhaupt mit einen Regie-Oscar gewürdigt wurde, dürfte die beschämende Bilanz wohl noch einmal ein bisschen aufbessern.
Detroit, Bundesstart am Donnerstag