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30. Juni 2012

Zurück in Großmutters Küche

Glenn Frey von den Eagles singt auf seinem Album "After Hours" ganz alte Songs.

  1. Hat seinen Vornamen von Glenn Miller: Glenn Frey Foto: pro

"Was ist denn das für eine schöne Platte?", fragt die gute Fee des Hauses während Glenn Freys neues Album "After Hours" läuft. Der Autor dieses Artikels allerdings denkt in diesem Moment an die große Schar der Eagles-Fans. Die dürfte Freys neues Album heftig polarisieren. Mancher wird mit diesem Werk wenig anfangen können. Freunde softer Sounds, amerikanischer Barmusik oder auch einfach gefälliger Balladen aber könnten "After Hours" genießen.

Glenn Frey, Jahrgang 1948, wuchs in Detroit, der Automobilmetropole, auf. Mit den Eagles veröffentlichte er 1976 "Hotel California", bis heute einer der allergrößten Erfolge der Popgeschichte. Seit den 90er Jahren füllt jede Wiedervereinigung der Eagles die großen Stadien. Als Solokünstler hat der Gitarrist, Pianist und Sänger Frey seit 1982 gut ein halbes Dutzend eigener Alben produziert. Mit "After Hours" nun tritt er in die Fußstapfen von Rod Stewart ("American Songbook") und Paul McCartney ("Kisses on the Bottom"): Wie ein Crooner alter Schule singt Frey hier vor allem Liedgut aus der Ära vor dem Rock ’n’ Roll.

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Neben dem 1946er Rhythm & Blues-Klassiker "Route 66", den der heute 63-Jährige mit jugendlicherem Timbre einsang als die übrigen Tracks, glänzt das Werk mit dem Beach-Boys-Stück "Caroline No". "Einer meiner liebsten Songs von Brian Wilson", bemerkt Frey dazu im Gespräch. Mit anderen Stücken, oft aus Frank Sinatras Zeiten, aber kehrt er in frühe Kindheitstage zurück, zu seinen allerersten musikalischen Erinnerungen: "Es war wohl in der Küche meiner Großmutter, wo meine Mutter bügelte. Das Radio war an, und sie sang mit den Andrew Sisters ‚Chattanooga Choo Choo’ mit. Meine Mutter liebte die Big-Band-Ära, vor allem die Sänger der Bands. Sie war aber kein Fan von Sinatra, weil der nicht im Zweiten Weltkrieg kämpfte." Das Radio war bei Freys immer an, man hörte die populären Songs der 50er von Tony Bennett, Ella Fitzgerald oder Sarah Vaughan. Der Musikliebe seiner Mutter verdankt Frey auch die Schreibweise seines Vornamens: "Ich habe zwei ‚n’ im Namen, weil meine Mutter Glenn Miller verehrte." Für Frey, der mit Fünf ersten Klavierunterricht bekam, waren dann die Beatles die Initialzündung. Sie kamen 1964 nach Detroit. "Da nahm auch ich die Gitarre in die Hand, wie so viele andere Kids."

In dem Songbook-Format seines neuen Albums gibt es Anklänge an den Countryrock der Eagles allenfalls andeutungsweise, wenn Greg Leisz leise die Steel Guitar bearbeitet. Mit Burt Bacharachs Klassiker "The Look Of Love" geht Frey konsequent seinen Weg, hin bis zu dezenter Orchesterbegleitung. Immer im Vordergrund aber bleibt seine Stimme. Womit er an frühe Phasen anknüpft: "In der High School war ich in der einzigen Vocal Band, die ich in Detroit kannte. Alle anderen wollten wie Mitch Ryder & The Detroit Wheels oder die Rolling Stones klingen: Ein Lead-Sänger, der vielleicht noch Tambourin spielte, und alle anderen spielten, was immer sie für ein Instrument konnten. Aber ich war in einer Formation mit ein paar Typen, die Beach-Boys-Songs und Beatles mit Harmonien sangen. So lernte ich das, und ich liebte es, mit anderen zu singen. Als ich dann nach Kalifornien ging, arbeitete ich mit J.D. Souther, wir musizierten wie die Everly Brothers mit zwei akustischen Gitarren und Harmoniegesang. Dann heuerte mich Linda Ronstadt an, und Don Henley war ihr Schlagzeuger. Da sangen Don und ich mit Linda." Daraus wurden bekanntlich die Eagles – deren Erfolg es Frey erlaubt, wohlsituiert als freier Künstler zu tun und zu lassen, was er will.
– Glenn Frey: After Hours (Universal)

Autor: Alfred Rogoll