Nahost

Brisante Entwicklungen an mehreren Fronten im Konflikt um Syrien

Martin Gehlen

Von Martin Gehlen

Mo, 12. Februar 2018 um 11:00 Uhr

Ausland

In Syrien greifen neben Russland und den USA die Regionalmächte Israel, Iran, Libanon und Türkei immer stärker ein – und geraten teils auch aneinander.

Als wenn Syriens Tragödie nicht schon schlimm genug wäre. Kaum ist die Schlacht gegen den Islamischen Staat (IS) geschlagen, gehen die Anti-IS-Zwangsalliierten wieder aufeinander los – mit Härte und unabsehbaren Folgen für die Region. Jene Mächte, die von außen im syrischen Bürgerkrieg mitmischen, könnten nun direkt aneinander geraten. Israel mit dem Iran oder mit dem Libanon. Die USA mit Russland oder dem Iran. Die Türkei mit dem Iran oder mit Russland.

Alarmiert beschwor UN-Generalsekretär Antonio Guterres am Sonntag alle Kontrahenten, ihre Kampfhandlungen in Syrien zu reduzieren. Er sprach von "einer gefährlichen Ausstrahlung" über die syrischen Grenzen hinaus. Das syrische Volk erleide derzeit "eine der gewalttätigsten Perioden in dem nahezu siebenjährigen Konflikt", hieß es bei den Vereinten Nationen in New York. Allein in der ersten Februarwoche seien mehr als 1000 Zivilisten durch Luftangriffe getötet worden.

Nun hat sich die Situation am Wochenende politisch weiter zugespitzt, ausgelöst durch massive Militäraktionen Israels gegen iranische und syrische Militäreinrichtungen im Nachbarland, nachdem am Samstag eine mutmaßlich iranische Drohne über den Golan-Höhen entdeckt und von einem israelischen Hubschrauber abgeschossen worden war. Nach Erkenntnissen aus Tel Aviv kam der Flugkörper von der zentralsyrischen Luftwaffenbasis T4 in der Provinz Homs und wurde von dort aus gesteuert. Diese Darstellung wies Teheran als "lachhaft" zurück.

Vergeltungsschlag

Als Vergeltung stiegen in einer ersten Angriffswelle acht israelische Kampfflugzeuge Richtung Syrien auf und legten nach israelischen Angaben die Kaserne mitsamt der Drohnenleitzentrale in Schutt und Asche. Auf dem Rückweg jedoch gelang es der syrischen Luftabwehr, eine der israelischen F-16 zu treffen, die dann über israelischem Gebiet abstürzte. Beide Piloten konnten sich mit ihrem Schleudersitz retten, einer musste schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht werden.

Für Israel war das der erste Verlust eines Kampfjets durch feindliches Feuer seit 35 Jahren. Als Reaktion bombardierte Israels Luftwaffe in einer zweiten, nach eigenen Angaben "umfassenden Angriffswelle" zahlreiche syrische Luftabwehrbatterien und vier iranische Militärposten in Syrien. Das Ganze sei "mehr als eine militärische Konfrontation und weniger als ein Krieg", erklärte Israels Armeeführung. Sie warnte Damaskus und Teheran davor, mit dem Feuer zu spielen.

Ähnlich brisant entwickeln sich die beiden neuen Kriegsschauplätze auf syrischem Territorium. Die Türkei verlor am Samstag bei Kämpfen um die Enklave Afrin elf Soldaten und einen Hubschrauber. Dies ist der höchste Verlust an einem Tag in dem kürzlich begonnenen Krieg mit den kurdisch-syrischen Milizen. Gleichzeitig begannen türkische Truppen, mehrere Posten in der Rebellenprovinz Idlib zu beziehen, unter anderem östlich der Stadt Saraqeb, die noch vergangene Woche von syrischen und russischen Kampfjets tagelang schwer bombardiert worden war. Denn Ankara ist nicht bereit, der Rückeroberung Idlibs durch Syriens Herrscher Bashar al-Assad und der russischen Luftwaffe tatenlos zuzusehen.

Derweil gingen im Euphrat-Tal südöstlich der Stadt Deir Ezzor die Gefechte von US-geführten kurdisch-arabischen Einheiten mit der Assad-Armee und iranischen Milizen weiter. Dort hatten vor vier Tagen amerikanische Kampfjets und Hubschrauber mehr als 100 Soldaten und Bewaffnete des Regimes getötet, was Proteste in Damaskus, Teheran und Moskau auslöste. Vor diesem Hintergrund begann US-Außenminister Rex Tillerson am Sonntag eine mehrtägige Reise durch den Nahen Osten, auf der er Jordanien, die Türkei, Libanon, Ägypten und Kuwait besuchen will.