Debütroman

Christian Berkel liest in Merzhausen aus "Der Apfelbaum"

Heidi Ossenberg

Von Heidi Ossenberg

Mo, 19. November 2018 um 19:25 Uhr

Literatur & Vorträge

Bekannt ist er als Schauspieler. Nun Christian Berkel seine Familiengeschichte in dem Roman "Der Apfelbaum" verarbeitet, aus dem er in Merzhausen liest.

Es ist die Geschichte einer großen Liebe. Sala ist 13, Otto ist 17 Jahre alt, als die beiden sich unter ungewöhnlichen Umständen kennenlernen. Es beginnt im Berlin des Jahres 1932. Otto, der mit seiner Familie in prekären Verhältnissen lebt und dabei ist, auf die schiefe Bahn zu geraten, sollte Schmiere stehen, damit seine Kumpel ungestört in eine Beletage in Friede- nau einbrechen können. Doch der Junge verlässt seinen Aufpasserposten und landet in der Bibliothek des Hauses. Staunend wiegt er ein Buch in den Händen: Theodor Mommsens "Römische Geschichte". Da taucht Sala, die Tochter des Hauses hinter ihm auf: dunkelhaarig, ernst, unerschrocken. Unmittelbar danach ist die Polizei im Haus. Sala verrät Otto nicht, sie versteckt ihn.

Christian Berkel, den man als wandlungsfähigen Schauspieler aus Kino und Fernsehen kennt – und als Ehemann der Schauspielerin Andrea Sawatzki –, hat seinen ersten Roman veröffentlicht. "Der Apfelbaum" heißt er und Berkel, Jahrgang 1957, erzählt darin von seiner eigenen Familie. Sala ist seine Mutter, Otto sein Vater. Dieser Satz beschreibt nicht die hochspannende Geschichte, die sich dahinter verbirgt und die Berkel sehr gut lesbar schildert. Für die Tochter einer Jüdin und eines wohlhabenden bisexuellen Anarchisten und den Sohn einer Arbeiterfamilie kann es während des Nationalsozialismus und des Beginns der Bundesrepublik das Adjektiv "einfach" nicht geben.

In Interviews schilderte Berkel, warum er seine Familiengeschichte aufschrieb: Bei einem Familientreffen in dem Haus, in dem der titelgebende Apfelbaum stand, erfuhr der sechs- oder siebenjährige Christian, dass er "teilweise jüdisch" sei. Was teilweise heiße, wollte er wissen und die Mutter attestiert: nicht ganz. Nicht ganz jüdisch, nicht ganz deutsch. Für den Jungen aber heißt "nicht ganz" eben "kaputt". Der empfundene Identitätsbruch prägte Berkel sein Leben lang. Bis er sich entschied, die Familiengeschichte zu recherchieren und aufzuschreiben.

Ein Roman ist dieses Buch, weil Archive und Briefe nicht alles kundtaten – und weil Berkels Mutter, als er sie zu befragen begann, bereits angefangen hatte, Teile ihres Lebens zu vergessen. Also hat der Sohn erzählend eine neue Realität geschaffen – und er hat die Perspektive des fragenden Sohnes in den Roman eingefügt. Das holt die Leserin und den Leser immer wieder in die Gegenwart und fügt eine weitere emotionale Ebene in den Roman ein. Eine originelle Idee.

Ist er nicht der Sohn, der hinter die eigene Geschichte zu blicken bemüht ist, der auch zweifelt, hadert, ist Berkel ein empathischer, sprachmächtiger, kluger Autor. Sala und Otto versprechen sich einander, doch das Schicksal meint es nicht gut mit beiden. Sala verlässt Deutschland und geht zunächst zur Mutter, mit der sie sich nie verstanden hat, nach Madrid, dann zur Tante nach Paris. Als die Nazis Frankreich besetzen, wird sie verraten und landet im Lager Gurs. Nur durch Zufall überlebt sie die grauenvollen Zustände dort und geht nach Leipzig, wo sie unter anderer Identität leben muss. Sie trifft gute Deutsche, die ihr helfen.

Auch Otto trifft sie einmal wieder. Er hat es geschafft, aus seinem Milieu auszusteigen und ist Arzt geworden. Er musste als Rot-Kreuz-Arzt an die Ostfront. Er gerät in russische Gefangenschaft und erlebt Dinge, die aus ihm einen anderen Menschen machen. Sala plant noch immer ein Leben mit Otto, sie geht nach Argentinien, weil sie hofft, dort frei und glücklich leben zu können. Doch Otto kommt nicht nach, er will die gemeinsame Tochter nicht kennenlernen, heiratet eine andere Frau. Erst als Sala nach Berlin zurückkehrt, stellen beide fest, dass ihre Liebe so groß ist, dass sie sie nie werden ignorieren können.

Christian Berkel: Der Apfelbaum. Roman. Ullstein Verlag, Berlin 2018. 411 Seiten, 22 Euro. Lesung: Dienstag, 20. November, Merzhausen, Forum, 19.30 Uhr.