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29. Juni 2012
Der einkalkulierte Sieg im Derby
Württemberg kontra Baden: Die SWR-Orchesterfusionsdebatte.
Auf seiner heutigen Sitzung wird der Rundfunkrat des Südwestrundfunks (SWR) – unter anderem – die Zukunft der beiden SWR-Sinfonieorchester in Stuttgart und Baden-Baden/Freiburg neu diskutieren. Beobachter rechnen mit einem Moratorium, der Kenntnisnahme einer Beschlussvorlage. Darin sind die Fürstreiter für den Erhalt der beiden Klangkörper aufgefordert, bis Ende September eine tragfähige Alternativlösung zu präsentieren. Was sich jetzt schon abzeichnet: Die Debatte hat sich längst zu einem badisch-württembergischen Konflikt entwickelt.
Mal angenommen, die beiden Konzerne Daimler und BMW sollten zu einem XXL-Automobilkonzern fusionieren, warum auch immer. Nur eine Frage würde dabei ausgeklammert – die nach dem künftigen Standort des neuen Unternehmens. Kein Aufsichtsrat der Welt würde sich wohl auf eine solch windige Diskussion einlassen. Die SWR-Intendanz inszeniert sie seit Monaten und stößt dabei auf wenig Widerstand. Dank einer klugen, wenngleich arglistigen Regie.Denn als der Sender im Frühjahr des Jahres seine Pläne einer Fusion (siehe Kasten) – spät genug – bekannt gab, stürzten sich alle Mitdebattierer, namentlich aus dem Kulturlager, auf die Inhalte. Völlig zu Recht. Es ging um den unwiederbringlichen Schaden, den der Wegfall eines der beiden Traditionsklangkörper anrichten würde. Künstlerisch, historisch, gesellschaftlich. Es ging also um den Erhalt beider Orchester. Die Front war geschlossen, man werde sich auch nicht auseinanderdividieren lassen, hieß es an den Standorten der beiden Orchester.
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Man kann nicht so naiv sein zu glauben, Intendant Peter Boudgoust habe nicht mit solchen intensiven Reaktionen gerechnet. Auch wenn er nach den scharfen Anwürfen sich mitunter dünnhäutiger zeigte, als man es von einem Verantwortungsträger in seiner Position erwarten darf. Umso trotziger entgegnete Boudgoust den Gegnern seiner Orchestersparpläne gebetsmühlenhaft immer wieder das Gleiche: Der Sparkurs sei alternativlos – obwohl er bis zum heutigen Tag schuldig geblieben ist, auf welcher Basis seine Zahlen für den Rückgang der zu erwartenden Gebühreneinnahmen der kommenden Jahre fußen.
Genauso verhält es sich mit Boudgousts zweiter Lamentation: Es sei an der Zeit, die Schutzzäune, die man um die Orchester seit der Fusion von Südwestfunk und Süddeutschem Rundfunk gezogen habe, einzureißen. Wieso eigentlich? Schutzzäune errichtet man um das, was einem lieb und wert ist. Im Falle der Übertragungsrechte ist den Öffentlich-Rechtlichen zum Beispiel kein Schutzzaun (= Finanzpoker) zu hoch, um am Ball zu bleiben. Just das ist die Erklärung: Es ging von Anfang nicht ums Am-Ball-Bleiben. Oder um eine "ergebnisoffene Diskussion". Für den Sender war klar – die favorisierte Fusion bedeutet schlicht: Schließung, Liquidation eines der beiden Klangkörper.
Und nun kommt die Standortfrage wieder ins Spiel. Oder besser gesagt – ihre Tabuisierung. Wer die Aktivitäten der vergangenen Wochen pro Orchester verfolgt hat, wird auf eine eigentümliche Schieflage stoßen. Während der Freundeskreis des SWR-Sinfonieorchesters unermüdlich an Alternativkonzepten arbeitet und politisch-gesellschaftlich-kulturelle Überzeugungsarbeit leistet, scheint es in Stuttgart ruhig zu sein. Von Konzepten für eine Fortführung des Radiosinfonieorchesters Stuttgart hat man bislang nichts gehört. Dies ist keine spezifisch badische Wahrnehmung. Die Landtagsabgeordnete Sabine Kurtz, kulturpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion, teilt die Einschätzung. Sie habe sogar den Eindruck, dass Bemühungen um den Erhalt der beiden Orchester von Stuttgart aus boykottiert würden. Warum? Natürlich ist man sich in der Landeshauptstadt sicher, dass der zukünftige Sitz eines neuen SWR-XXL-Orchesters bestimmt nicht in Freiburg sein wird. . . Der einkalkulierte Sieg im Derby.
Beim SWR hat man bislang alles vermieden, hier Position zu beziehen. Das ist nicht nur konfliktscheu, es ist perfide. Die Schlachten sollen offenbar außerhalb ausgetragen werden, der Sender wird sich dann großmütig dem Sieger beugen. Denn: Freiburg wird doch weiterhin seinen Abo-Zyklus behalten. Was sich hier abzeichnet, ist schlicht eine Missachtung des Kulturauftrags des Senders für seine Landesteile, konkret: für den badischen.
Ob es dazu kommt, hängt stark davon ab, wie sehr sich Verwaltungs- und Rundfunkratsmitglieder von den Argumenten der SWR-Intendanz blenden lassen. Die zum Teil mangelhaft sind. Eine Rechnung der Kosten der Fusion blieb der SWR bis heute schuldig. Und in der Fusionsvorlage finden sich die Posten "Kosten der erforderlichen Vorruhestandsregelungen", "Umzugskosten", "Reisekosten" schon gar nicht. Warum macht jemand, der so ums Sparen bemüht ist, nicht die Gegenrechnung auf? Die Antwort von SWR-Pressestellenleiter Wolfgang Utz: Detailberechnungen könnten erst angestellt werden, wenn eine Grundsatzentscheidung gefallen sei, aber: "Alle Berechnungen zeigen, dass eine Fusion trägt."
betreibt ein perfides Spiel
ORCHESTERFUSION
Der SWR erwartet, dass ihm bis 2020 etwa 166 Millionen Euro in der Kasse fehlen. Auf der Basis dieser Annahme hat der Sender allen Abteilungen Sparauflagen in Höhe von 25 Prozent auferlegt. Für die beiden Orchester in Freiburg bedeutet dies ein Minus von je 2,5 Millionen. Da sich unter diesen Umständen die Qualität der beiden Traditionsklangkörper nicht halten lässt, favorisiert die Senderspitze eine Fusion, schließt aber Kündigungen aus.
Autor: adi
Autor: Alexander Dick



