Der in die Figuren hineinkriecht

Bettina Thienhaus

Von Bettina Thienhaus (epd)

Fr, 17. August 2018

Kino

Hollywood-Star Robert De Niro wird 75 – legendär ist der New Yorker durch seine Mimik geworden.

Der Mann mit silbergrauen Haaren und Dreitagebart ist eine Hollywood-Legende. Aber berühmt ist Robert De Niro heute nicht nur als Darsteller tougher Typen, sondern auch als scharfzüngiger Trump-Kritiker. Erst im Juni machte er Schlagzeilen, als er bei der Verleihung der Tony-Awards den US-Präsidenten mit "Fuck Trump!" attackierte. Das brachte ihm Standing Ovations des Publikums – und einen empörten Tweet von Donald Trump: De Niro habe wohl zu viele Schläge von echten Boxern abbekommen. Das war eine Anspielung auf dessen Rolle in dem Boxerfilm "Wie ein wilder Stier".

Am 17. August wird Robert De Niro 75 Jahre alt. Und er ist vor der Kamera aktiver denn je. Neben der Großvaterkomödie "War With Grandpa" ist gerade "The Irishman" abgedreht, eine Geschichte krimineller Machenschaften zwischen Gewerkschaften und Mafia. De Niros starker Gegenpart ist, wie auch in anderen Filmen, Al Pacino. Regie führte Martin Scorsese, es ist seine neunte Zusammenarbeit mit dem Schauspieler.

Legendär ist die Mimik des Schauspielers – ein Zucken hier, ein Grinsen da, ein Lächeln, das zwischen misstrauisch und maliziös changiert. In rund 115 Filmen hat er mitgespielt und viele hat er durch seine intensive Darstellung geprägt, ob "Hexenkessel", "Der Pate II", "Der letzte Tycoon", "Taxidriver" oder "Die durch die Hölle gehen".

Seine Stimme ist unverwechselbar

Robert De Niro bereitet sich akribisch auf jede Rolle vor. In dem Mafiafilm "Die Unbestechlichen" (1987) tritt er als Al Capone mit Halbglatze und so massig wie dieser vor die Kamera. Für den Musikfilm "New York, New York" (1977) lernte er Saxofon spielen. Und um das tragische Scheitern des Boxers Jake LaMotta in Martin Scorseses Klassiker "Wie ein wilder Stier" (1980) überzeugend zu vermitteln, absolvierte er ein Boxtraining und futterte sich 30 Kilo Übergewicht an.

Geboren wurde Robert Anthony De Niro Jr. 1943 in New York. Die Mutter schreibt, der Vater ist expressionistischer Maler und Bildhauer. Robert De Niro will Schauspieler werden. Er nimmt Unterricht, tingelt durch Provinztheater und geht zu Castings. Der Durchbruch kommt 1970: Roger Corman engagiert den jungen De Niro für den Gangsterfilm "Bloody Mama" als drogensüchtigen Sohn der Bandenchefin Ma Barker. Bald darauf steht er im Großstadtdrama "Hexenkessel" neben Freund Harvey Keitel vor der Kamera.

De Niro hat den Ruf, sich gleichsam instinktiv der jeweiligen Figur anzuverwandeln, förmlich in sie hineinzukriechen – in den psychisch gestörten Vietnamveteran Travis Bickle in "Taxidriver" (1976) oder den psychopathischen Quälgeist Max Cady in "Kap der Angst" (1991). "Als Schauspieler kann ich ein ganz Anderer sein, ohne einen großen Preis für dieses andere Leben zu zahlen", sagt er über sich. Unverwechselbar ist seine Stimme: rau, brüchig mit sarkastischem Unterton. Dieses ganz Besondere bringt Christian Brückner als De-Niro-Sprecher in der deutschen Synchronisation der Filme perfekt zum Ausdruck. Seit "Der Pate II" (1974) ist Brückner De Niros Alter Ego.

Mit seiner Firma Tribeca ist De Niro zugleich als Produzent aktiv. Er hat auch Regie geführt, so 1993 bei "In den Straßen der Bronx", der Geschichte eines Busfahrers – gespielt von ihm selbst – der seinen Sohn vor dem Abrutschen in die Kriminalität bewahren will. Lange hatte er ein Faible für unangepasste, schwierige Charaktere, für Neurotiker und Gescheiterte, für Machotypen. Doch 1999 entdeckte er ein neues Genre – die Komödie. Vergnüglich parodiert er sein Machoimage. In "Reine Nervensache" glänzt er als Mafiaboss, den Potenzprobleme zum Psychotherapeuten treiben. In "Meine Braut, ihr Vater und ich" ist er ein launischer Schwiegervater in spe.

Mit seiner zweiten Frau Grace Hightower lebt der Schauspieler, Vater von fünf Kindern aus drei Beziehungen, in New York. Hier fällt auch ein De Niro wenig auf, sagt er: "Kein Mensch rechnet damit, dass ich da einfach so auf der Straße herumlaufe." Vielfach wurde er ausgezeichnet, unter anderem mit zwei Oscars, für "Wie ein wilder Stier" und "Der Pate II", einem Berlinale-Bären oder jüngst der Ehrendoktorwürde der Brown University. Eine Auszeichnung fehlte ihm noch – ein Stern auf dem legendären Hollywood Walk of Fame. 2019 wird De Niro auch diese Ehre zuteil.