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03. Januar 2016 18:47 Uhr

BZ-Serie (Teil4)

Teninger Unternehmer: "Es muss so etwas wie Anstand geben"

"Dafür stehe ich": Dem Teninger Unternehmer Werner Thieme sind Freiheit, Glaubwürdigkeit und Rechtschaffenheit besonders wichtig sind. Im vierten Teil unserer Serie erklärt er, warum.

  1. Er weiß, was Unfreiheit bedeutet: Werner Thieme Foto: Michael Bamberger

"Ich kann mich noch erinnern. Es war 1944. Von Freiheit habe ich damals nicht geredet. Der Begriff lag weit entfernt, er hat zu diesem Zeitpunkt in meinem Denken so gut wie keine Rolle gespielt.

In diesem vorletzten Kriegsjahr liefen ich und ein weiterer Lehrling der Eisen- und Hammer-Werke Teningen (EHT) durch das zerbombte München. Wir, beide 16, absolvierten einen Teil unserer Ausbildung bei einem Betrieb, der einem Teilhaber der EHT gehörte. Eine Luftmine hatte zuvor ein Haus zerstört. Der Keller bewahrte die Bewohner nicht vor dem Tod. Die Dampfleitungen waren geborsten, die Menschen, die im Keller Zuflucht gesucht hatten, wurden regelrecht gekocht. Wir sahen die geschrumpften Leichen.

An einem anderen Tag gingen wir beide an der Münchner Feldherrnhalle entlang. Dort stand eine Ehrenwache. Keiner hatte uns mitgeteilt, dass wir diese Ehrenwache mit dem Hitlergruß grüßen sollten. Wir taten es nicht. Es kam, wie es kommen musste. Ein Soldat hielt uns an, wir mussten zur nächst gelegenen Wachstube. Dort machte man uns klar, dass wir gerade ein Vergehen begangen hatten. Da wir unsere Unwissenheit glaubhaft machen konnten, gab es eine ,milde‘ Strafe. Wir mussten erneut an der Ehrenwache vorbeilaufen – nun mit dem zum Hitlergruß ausgestreckten Arm.

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Ein paar Monate später, zum Reichsarbeitsdienst eingeteilt, befand ich mich in Deißlingen bei Rottweil. Ich musste Wache vor unseren Baracken schieben. Plötzlich gab es Fliegeralarm. Alliierte Jagdbomber waren im Anflug. Sie schossen. Ich flüchtete wie alle anderen in den nahe gelegenen Wald. Als der Angriff vorüber war, kam ich zurück. Der Chef fragte, wo ich denn gewesen sei. Wie alle anderen im Wald, sagte ich. Daraufhin entgegnete er mir, dass wer die Wache ohne Grund verlasse, standrechtlich erschossen werde. Und Fliegeralarm gelte nicht als berechtigter Grund. Welche Angst ich nach diesen Worten hatte, kann ich Ihnen nicht beschreiben.

Warum ich Ihnen all das erzähle? Weil ich nach all diesen Geschehnissen wusste, was Freiheit für mich heißt. Freiheit bedeutet, ein Leben führen zu können, ohne dass ich jede Nacht Angst haben muss, durch eine Bombe getötet oder erschossen zu werden. Dass ich nicht gezwungen werden kann, falsche politische Heilsbringer oder deren Symbole zu grüßen.

Unter Freiheit verstehe ich auch, dass tun zu können, was ich möchte, vorausgesetzt ich schade mit meinem Handeln keinem anderen. In diesem Satz ist die unternehmerische Freiheit begründet, die mir als Unternehmensgründer verständlicherweise sehr am Herzen liegt. Freiheit gibt es nur, wenn man Verantwortung übernimmt. Ohne diese unternehmerische Freiheit gäbe es den Wohlstand nicht, den wir heute für so selbstverständlich erachten und von dem meine Generation in Kindheit und Jugend allenfalls zu träumen wagte.

Denn ohne die Ideen einzelner Menschen und deren Mut, sie trotz vieler Risiken in die Tat umzusetzen, gibt es keine Unternehmen, die Menschen beschäftigen, ihnen Löhne zahlen; die für Verbraucher jene Produkte herstellen, welche die Konsumenten auch wollen. Und es sind die Unternehmen und ihre Mitarbeiter, die mit ihren Sozialversicherungsbeiträgen und ihren Steuern das Gemeinwesen finanzieren.

Wer unternehmerisch tätig ist, kann scheitern, sein Erspartes verlieren, auf einem Schuldenberg sitzen bleiben und die eigene Existenz ruinieren. Solche Risiken nimmt man auf sich, wenn zumindest die Aussicht besteht, angemessen dafür entlohnt zu werden. Deshalb sind Gewinne nichts Schlechtes.

Allerdings kann ein Zusammenleben in Freiheit nur dann wirklich funktionieren, wenn es so etwas wie Anstand gibt. Ich benutze diesen einfachen Begriff bewusst, weil sich dahinter nichts schwer Verständliches verbirgt. Anstand heißt, dass wir uns in dem Rahmen bewegen, in dem sich auch ein anderer bewegen können darf. Wir sollten uns nur das herausnehmen, was wir einem anderen zugestehen würden. Anstand verbinde ich mit solchen Eigenschaften wie Vertrauenswürdigkeit, Verlässlichkeit, Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit. Ein Beispiel: Sie und ich machen ein Geschäft. Sie geben mir irrtümlich mehr Geld, als auf der Rechnung steht. Dann muss ich Ihnen die zu viel bezahlten Euro zurückzugeben. Alles andere wäre unanständig.

Anstand bedeutet auch, der eigenen Verantwortung gerecht zu werden. Als Unternehmer sollte es immer Ziel sein, die Arbeitsplätze zu erhalten, selbst wenn einem die schwankende Konjunktur einmal schlechtere Geschäfte beschert. Wer entsprechend handelt, wird am Ende viele langjährige Mitarbeiter ehren können, die sich um ihren Betrieb verdient gemacht haben.

Klar ist jedoch, dass es unterschiedliche Interessen gibt. Im Betrieb wollen die Arbeitnehmer mehr Lohn , der Unternehmer will seinen Gewinn sichern und die Produktion voranbringen. Um diese verschiedenen Ziele zum Ausgleich zu bringen, müssen beide Seiten bereit sein, vernünftig miteinander zu reden und Kompromisse zu schließen. Ein Betriebsrat erleichtert das erheblich. Entscheidend ist, dass die Auseinandersetzung von Anstand geprägt ist. Ich mag es nicht, wenn man mich belügt oder Vereinbarungen bricht. Auch das habe ich erleben müssen. Das kann ich nicht vergessen.

Anstand, Freiheit und ein gutes Leben bekommt man nicht umsonst. Man muss sich um sie bemühen. Deshalb habe ich mich an Diskussionen zu politischen und wirtschaftlichen Themen rege beteiligt und war Präsident des Wirtschaftsverbandes Industrieller Unternehmen Baden (WVIB), der den für die Region so wichtigen industriellen Mittelstand vertritt.

Ich bin in einem sozialdemokratischen Haushalt aufgewachsen. Der Bruder meiner Mutter, die mich in vielerlei Hinsicht prägte, war als SPD-Mitglied in der Nazizeit für seine politischen Überzeugungen im Gefängnis. All die Werte, von denen ich spreche, verbinde ich noch heute mit der Sozialdemokratie, obwohl ich seit 1970 CDU-Mitglied bin und eine andere Meinung über gute Wirtschaftspolitik habe als die heutige SPD.

Ich denke, viele der Flüchtlinge, die zu uns kommen, haben Anstand. Wer seine Familie über Tausende von Kilometern aus zerbombten Städten nach Deutschland bringt, hat Verantwortung gezeigt. Allerdings befürchte ich, dass sich auch der eine oder andere unter den Flüchtlingen befindet, der hier die hohen Sozialstandards für sich ausnutzen will.

Klares Bekenntnis zur Europäischen Union

Für uns in Europa sind die schrecklichen Bilder aus Syrien heute wie Nachrichten aus einer weit entfernten Welt. Doch wir sollten nicht vergessen, dass uns vor mehr als 70 Jahren ähnliches widerfahren ist. Nach meiner Meinung hat der Wille zur Europäischen Union uns davor bewahrt, dass es zumindest hier nicht mehr zu Geschehnissen wie im 2. Weltkrieg gekommen ist. Das sollte man bei all dem berechtigten Unmut über hohe deutschen Zahlungen nach Brüssel und in andere Länder der Eurozone nicht vergessen."

Die nächste Folge unserer Serie lesen Sie am kommenden Donnerstag im Politikteil. Alle bisherigen Folgen finden Sie online unter mehr.bz/dafuersteheich

Autor: Bernd Kramer