Reportage

Ernesto Cardenal, Lichtgestalt der Linken, besuchte Freiburg

Dominik Bloedner

Von Dominik Bloedner

Do, 09. März 2017

Ausland

Ernesto Cardenal, Priester, Lyriker und einstige Lichtgestalt der Linken, macht in Freiburg Station – einer Stadt, die mit seiner Heimat Nicaragua eng verbunden ist.

Als der Star dieses Abends mit bedächtigen Schritten, gestützt auf seinen Stock, auf die Bühne tritt, da stehen einige im Saal auf und applaudieren frenetisch. Und als der alte Mann vom Zauber der jugendlichen Verliebtheit schwärmt, da schmunzeln und lachen sie im rappelvollen Bürgerhaus im Freiburger Stadtteil Zähringen. Gekommen ist Ernesto Cardenal, 92 Jahre alt, weißer Woll-Poncho, wache Augen hinter der Silberdrahtbrille, und sein Markenzeichen auf dem schlohweißen Kopf – die schwarze Baskenmütze. Derzeit tourt der nicaraguanische Revolutionär, Priester, Lyriker und Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels durch Deutschland und die Schweiz. In Wuppertal hat er die Ehrendoktorwürde der dortigen Universität erhalten für, so heißt es in der Laudatio, seinen Beitrag zur Weltliteratur und für sein Engagement um den kulturellen Austausch zwischen Nicaragua und Deutschland.

In Freiburg trägt er seine Gedichte vor, in den Pausen Gitarrenklänge. Die Gedichte sind ein Spiegelbild seines Lebens. Sie handeln vom bewaffneten Kampf der campesinos, der unterdrückten Landarbeiter, Ende der 1970er-Jahre und nach der Revolution gegen die rechten, von den USA unterstützten Contras. Oder von Cardenals Zeit in der Trappistenabtei in Kentucky und davon, wie er 1966 auf einer Insel im Nicaragua-See eine Bauernkommune nach urchristlichem Vorbild gegründet hat. Oder von seiner Zeit als Kulturminister. Wie er damals Priester wurde? "Die Liebe zur Schönheit der Frauen war das, was mich zu Gott brachte – zur Quelle aller Schönheit", erzählt er und lächelt versonnen. Cardenal trifft auf ein dankbares Publikum. Viel graues Haar, aber auch viele junge Gesichter.

Seit Jahrzehnten gibt es viele Verbindungen zwischen Freiburg und Nicaragua. Da ist Gerda Stuchlik, grüne Umweltbürgermeisterin und als Vertreterin der Stadt gemeinsam mit dem Wiwilí-Verein die Gastgeberin an diesem Dienstag. Sie sagt zu Cardenal: "Sie haben unserer Generation viel Hoffnung und Mut gegeben, danke." Stuchlik erinnert an die Kleinstadt Wiwilí an der Grenze zu Honduras, mit der Freiburg seit 1988 befreundet und seit 2015 offiziell verpartnert ist. Freiburg unterstützt seit 1985 mit jährlich 25 000 Euro Wiwilí, derzeit wird das Geld in die Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser investiert. Ernesto Cardenal nickt freundlich, im Gespräch mit der BZ hat er zuvor die internationale Solidarität, vor allem aus Deutschland, mit der sandinistischen Revolution gelobt.

Szenenwechsel. Weg vom Bürgerhaus – wo der dichtende Priester auf der Bühne in der Pause seine Bücher signiert und wo im Foyer der "Weltladen" fair gehandelten Hochlandkaffee und Erdnüsse aus Nicaragua feilbietet – einige Kilometer in Richtung Stadtzentrum. Hier verbindet eine blau gestrichene Brücke aus dem späten 19. Jahrhundert das Zentrum mit dem Westteil der Stadt. Autos dürfen hier nicht mehr die Bahngleise kreuzen, nur Radler und Fußgänger. Die Fahrräder werden digital gezählt, an manchen Tagen sind es mehr als 10 000. Es ist einer dieser Orte, an denen das grüne Freiburg so stolz auf sich ist.

Die Wiwilí-Brücke steht auch für das Band mit Nicaragua

An der Ostseite erinnert seit 2001 ein scheinbar in Eile vergessener Mantel mit Judenstern aus Bronze an die Verschleppung der badischen Juden durch die Nazis in das südfranzösische Lager Gurs.

An der Westseite sind zwei weitere Gedenktafeln angebracht: Eine für Albrecht "Tonio" Pflaum, den Freiburger Arzt, der beim Aufbau der medizinischen Versorgung in Wiwilí mitgeholfen hat und 1983 dort von den Contras ermordet wurde. Und eine für den ebenfalls aus Freiburg stammenden Gewerkschafter Berndt Koberstein, der beim Bau einer Wasserleitung in Nicaragua mitgearbeitet hat. Er wurde 1986 getötet.

Seit 2002 heißt die blaue Brücke Wiwilí-Brücke. Hier treffen wir Almut Langbein, 73, pensionierte Grundschullehrerin aus Emmendingen, und Yaosca Padilla de Rothmund, 35, geboren in Managua, seit 2006 in Deutschland, mit einem Deutschen verheiratet und Gymnasiallehrerin in Waldkirch. "Der Tod von Tonio durfte doch nicht umsonst sein", sagt Langbein und erzählt, wie sich 1984 der Wiwilí-Verein, der heute 100 Mitglieder zählt, gegründet hat. Wie die Frauen-, Gesundheits- und Landwirtschaftsprojekte ablaufen und welche Rolle das mit Hilfe aus Deutschland aufgebaute Radio Kilambé für Bewohner entlegener Bergtäler spielt. Wie einem Mädchen aus Wiwilí eine Herzoperation in Freiburg ermöglicht wurde. Und wie Freiburg mit derzeit 60 Patenschaften à 30 Euro monatlich Kindern in Wiwilí den Schulbesuch ermöglicht. Yaosca Padilla de Rothmund, ein Kind der Revolution, erzählt von ihren Eltern, die mit der Waffe in der Hand geholfen haben, 1979 den Diktator Somoza zu vertreiben. Und wie sich die Eltern wie auch Ernesto Cardenal schon bald von Daniel Ortega, dem Revolutionsführer und nun scheinbar ewigen Präsidenten, abgewandt haben. "Die demokratischen Ideale der Sandinisten waren auf einmal weg."

Keine einhundert Meter von der Wiwilí-Brücke ist die Buchhandlung Jos Fritz. Früher wurde hier die sogenannte Sandino-Dröhnung verkauft – Kaffeebohnen gepflückt von Bauern, die ihre Fesseln abgelegt hatten, und von idealistischen Erntehelfern aus aller Welt. Die deutsche Linke trank jahrelang klaglos die doch eher bittere Brühe. Das Gewissen. Die Solidarität. Das Handelsembargo der USA. Und es war ja für eine gute Sache. Im Regal stehen drei Bücher von Cardenal: "Niemand ist mir so nahe – Gedichte von Liebe und Sehnsucht", "Psalmen", "Im Herzen der Revolution".

"Er war eine Lichtgestalt der Linken", erinnert sich Buchhändler Heinz Auweder, 66 Jahre und seit 1977 im Jos Fritz. "Die Post-68er-Linke bekam durch die Revolution in Nicaragua einen Schub, aber Cardenal hat auch viele linke Christen angesprochen. Oder Leute, die sich für die Dritte Welt interessierten."

Es war die Zeit der Befreiungstheologie, vom Marxismus beeinflusste Priester vor allem in Lateinamerika gaben den Armen ihre Stimme und traten gegen Unterdrückung ein. Ernesto Cardenal war einer der prominentesten. Wegen seines Engagements verbot ihm Papst Johannes Paul II. 1985 die Ausübung des priesterlichen Dienstes. Mit dem jetzigen argentinischen Papst Franziskus verbindet Cardenal, der sich heute noch als marxistischer Christ bezeichnet und eine klassenlose Gesellschaft herbeisehnt, große Hoffnungen. "Er ist ein Revolutionär, ein Papst der Armen."

Aber wer liest heute noch die Bücher eines Befreiungstheologen? "Natürlich hat die Nachfrage nachgelassen", sagt Heinz Auweder. "Zumal der sandinistische Traum ja schon lange ausgeträumt ist." Die Revolution in Nicaragua dauerte elf Jahre, 1990 siegte überraschend ein anti-sandinistisches Wahlbündnis. Ende 2016 ist Daniel Ortega zum vierten Mal zum Präsidenten gewählt worden.

Stehende Ovationen

für einen großen Idealisten
Die Wahl war wie die anderen laut internationalen Beobachtern eine Farce. Vizepräsidentin ist seine Frau Rosario Murillo, die sieben Kinder des Paares besetzen Schlüsselstellen in Politik, Wirtschaft und Medien. Derzeit wird die Landbevölkerung für ein aus China finanziertes gigantisches Kanalprojekt enteignet und vertrieben.

"Nicaragua ist eine Diktatur der Familie Ortega", schimpft Ernesto Cardenal hinter der Bühne. Vor dem Vorhang im Bürgerhaus erwähnt er seinen ehemaligen Kampfgenossen Ortega mit keiner Silbe. Es geht ja auch nicht um Abrechnung, es geht an diesem Abend um Poesie, Liebe und die Nähe zu Gott – wofür er am Ende der zweistündigen Lesung mit stehenden Ovationen verabschiedet wird.

Auch Yaosca Padilla de Rothmund klagt über die fehlende Demokratie in ihrem Heimatland. Doch sie sagt auch, dass das Nicaragua unter Ortega vergleichsweise besser dastehe als andere Länder Mittelamerikas: Wirtschaftswachstum, sinkende Armut, voranschreitende Alphabetisierung, Sicherheit auf den Straßen. Es gebe eine starke Frauenbewegung und vor allem habe keines der Drogenkartelle dort Fuß gefasst. Man müsse politische und soziale Rechte verbinden, fordert sie. Einer, der immer noch dafür stehe, das sei Ernesto Cardenal.