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27. November 2012

Bomben auf den Friedhof

In Freiburgs schwärzester Nacht rissen die Fliegerbomben auch Gräber auf / Nach dem Angriff wurde für die vielen Opfer ein Massengrab angelegt.

  1. Die Gruftenhalle an der Ostmauer des Friedhofs wurde im November 1944 ebenfalls zerstört. Foto: stadtarchiv (2)

  2. Auf dem Plattenband um das Gemeinschaftsgrab stehen die Namen vieler Opfer. Foto: Arnd Hanke

Stimmung, Glanz, Versöhnung: So lautete einst das Motto der gärtnerischen Gestaltung des Freiburger Hauptfriedhofs. Das grausame Gegenteil brachte der 27. November 1944, die Nacht der Bombardierung Freiburgs. Stimmung und Glanz waren ausgelöscht – stattdessen gab es unvorstellbares Leid und traumatische Momente. Die Bomben hatten auch Zerstörungen für den Hauptfriedhof zur Folge: 103 Treffer wühlten Grabstätten auf, rissen Steine und Kreuze aus der Verankerung, ließen ganze Bäume splittern.

Die alte Leichenhalle und die daneben liegende Gruftenhalle waren vollständig zerstört, ebenso die malerische Magdalenenkapelle und fünf Beerdigungskutschen. Da Wagenhalle und Sargmagazin ausgebrannt waren, diente die erheblich beschädigte neue Einsegnungshalle als Ausweichstätte. Unzählige Einzelgräber waren verwüstet. Wo Sprengbomben die Felder aufgeworfen hatten, hingen Sarg- und Leichenteile in den Bäumen. Gleich an mehreren Stellen war die Friedhofsmauer gesprengt. Die Schriftstellerin Gustel Ehrmann-Bretzing hat die Eindrücke im Gedicht "Das Rosenwunder" in Worte gefasst: "Der Gottesacker ward zum Schreckensort, der Friedhof, ach! zur wüsten Trümmerstätte. Und Stein und Baum zersplittert und verdorrt, wie wenn sie Gottes Zorn getroffen hätte."

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Dieses Bild "gräulicher Verwüstung" wurde noch verschlimmert durch die zahlreichen Toten, welche um die Einsegnungshalle zur Identifizierung lagen. Aus der ganzen Stadt strömten die Menschen heran, um tote Verwandte zu bringen, was durch die Schuttmassen auf den Straßen und am Eingang des Friedhofs erschwert wurde. Eine Zeitzeugin erinnert sich: "Anderntags war ich auf dem Friedhof. Auf Leiterwagen, über die Schulter gelegt, teilweise in Säcke gewickelt, brachten die Menschen ihre toten Angehörigen und legten sie vor die Halle auf den Boden." Eine andere Zeitzeugin berichtet: "Eine ältere Frau wollte mit meiner Mutter auf den Friedhof. Sie nahm mich mit und ich bemerkte einen Haufen Kleider vor der Halle. Beim Näherkommen entpuppten sich diese als Menschen. Teilweise lagen die durch die Hitze zusammengeschmorten Leichen in kleinen Wannen und Kartons. Ich sehe noch einen Soldaten in Uniform mit einem ganz verzerrten Gesicht vor mir, die Fäuste hatte er geballt. Ein Kind lag auch da mit einem Stück Brezel in der Hand." Martha Gress hat über ihre Eindrücke geschrieben: "Eine Frau sah ich am Boden liegen, zusammengeschmort, ihr kleines Kind krampfhaft an sich gedrückt."

Kinder finden Asyl in

Friedhofsgebäuden

Der Friedhof war trotz allem kurzfristiges Asyl für Kinder aus dem schwer getroffenen Heim und Krankenhaus St. Hedwig an der Bismarckstraße (heute Stefan-Meier-Straße). Sie hatten sich ins ebenfalls stark beschädigte Krematorium geflüchtet. Die Augenzeugin Irmi Martin berichtet über das Durchkämpfen zum Friedhof: "Mit Entsetzen sah ich, wie von der Hugstetter Straße Nonnen gelaufen kamen. Verrußte Gesichter, zerrissene Schwesterntracht mit weinenden kleinen Bündeln im Arm, die zum Teil in angesengte Tücher gehüllt kamen. Sie kamen vom St. Hedwigs-Kinderkrankenhaus."

Aufgrund der Seuchengefahr begann man schon bald nach dem Angriff, eine große Grube vor der Einsegnungshalle auszuheben, wo sich einst eine Grünanlage mit runden Beeten und einem Springbrunnen in der Mitte befunden hatte. Die Massenruhestätte füllte sich schnell. In dem Grab liegen nun 1664 Männer, Frauen und Kinder, die Opfer des Angriffs vom 27. November 1944 und späterer Angriffe wurden – unter anderem auf die Oberau am 2. Dezember. Weitere Opfer von Freiburgs schwärzester Nacht ruhen auf Feld 59, wo die 1951 aufgestellte "Trauernde" des in der Nazizeit verfolgten Bildhauers Richard Engelmann ihr Gesicht in den Händen verbirgt. Der damalige Oberbürgermeister Wolfgang Hoffmann hatte anlässlich der Enthüllung der Skulptur gesagt: "Wir sind die Paten des Todes und seitdem gezeichnet. Ich beklage die Toten, aber vor allem die Ursachen des Todes." Offene Worte fand er für nationalsozialistisches Gedankengut in einer Zeit der Verdrängung, so die zeitgenössischen Berichterstatter: "Solange wir selbst diesen Ungeist in uns und um uns nicht endgültig besiegt hätten, so lange müssten wir entsetzt und voller Scham die Hände vor unser Gesicht halten wie diese Figur." Zuvor hatte der Schriftsteller und Stadtrat Franz Schneller die Wahl des jüdisch geborenen und später evangelisch getauften Bildhauers kritisiert – "Professor Engelmann stehe außerhalb der katholischen Gemeinschaft" und sei nicht der Richtige für so ein Denkmal.

1958 wurde das bisher mit individuellen Kreuzen geschmückte Gemeinschaftsgrab für die Fliegeropfer vereinheitlicht. Nur ein schlichter Gedenkstein erinnert an die mindestens 440 Toten, die nicht aus den Trümmern geborgen wurden und deren Namen nicht auf dem umlaufende Plattenband stehen. Die anderen Namen sind eingehauen, und nicht nur sie: Neben Symbolen für Hoffnung wie Anker und Kreuz finden sich Fußspuren, die mit jedem Schritt flacher werden – als Übergang ins Jenseits. 68 Jahre nach dem Angriff herrschen auf dem Hauptfriedhof wieder Stimmung, Glanz – und auch Versöhnung.

Autor: Carola Schark