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02. August 2011 19:44 Uhr
Töten für die Familienehre
Freiburger Forscher durchleuchten die sogenannten Ehrenmorde
Eine Freiburger Studie im Auftrag des Bundeskriminalamtes erforschte Tötungen zur Wiederherstellung der Familienehre. Bei den klassischen Ehrenmorden geht es demnach in 80 Prozent der Fälle um unerwünschte Beziehungen der Frau.
Es sind schreckliche Fälle wie dieser, die die Diskussion um sogenannte Ehrenmorde in Deutschland befeuern: Eine 20-jährige junge Türkin will sich aus der arrangierten Ehe zu einem Landsmann lösen, weil dieser sie schlug, arbeitslos war und schwere psychische Probleme hatte. Ihre Familie empfand das aber als Bedrohung der Familienehre und drängte sie zur Aufrechterhaltung der Ehe. Aus Angst vor ihrer Familie zog die Frau in ein Frauenhaus, später in eine eigene Wohnung.
Der Konflikt spitzte sich zu, als sie eine Beziehung zu einem deutschen Mann aufnahm und ihr türkischer Ehemann seine Aufenthaltserlaubnis in Deutschland verlor. Der 22-jährige Bruder bereitete darauf hin die Tötung der eigenen Schwester vor. Unter dem Vorwand, sich versöhnen zu wollen, traf er sich mit ihr, zog ein Messer und tötete sie mit 46 Stichen in den Rücken. Ob er zuvor von Verwandten zur Tat aufgefordert wurde, konnte nicht geklärt werden.
Pro Jahr gibt es in Deutschland durchschnittlich drei derartige sogenannte Ehrenmorde in Migrantenfamilien. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Freiburger Max-Planck-Instituts (MPI) für Strafrecht, die im Auftrag des Bundeskriminalamtes erstellt wurde. Als "Ehrenmord im engeren Sinn" wurde dabei die Tötung eigener Familienangehöriger – meist der Tochter oder der Schwester – zur Wiederherstellung der Familienehre definiert.
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Auf höhere Zahlen kommen die MPI-Forscher, wenn sie auch Partnertötungen und Fälle von Blutrache innerhalb der Verwandtschaft einbeziehen. So gerechnet gibt es im Schnitt pro Jahr zwölf Ehrenmorde (im weiteren Sinne), davon vierzig Prozent Partnertötungen.
Durchgeführt wurde die Studie von den Kriminologen Dietrich Oberwittler und Julia Kasselt. Ausgehend von Polizeiangaben und nach Recherchen im Archiv der Nachrichtenagentur dpa erfassten die Forscher in den Jahren 1996 bis 2005 rund 100 Ehrenmorde im weiteren Sinne. Bei einer Dunkelziffer von 20 Prozent sind das 120 Ehrenmorde in zehn Jahren. Enthalten sind dabei auch die Fälle (29 Prozent), bei denen das Opfer überlebte. In 78 Tötungsfällen konnten von den Wissenschaftlern die Prozessakten ausgewertet werden. Auf diesen Informationen beruht die 250-seitige Freiburger Studie, die die bisherige Forschung zu diesem Thema an Gründlichkeit weit übertrifft.
So konnten die Kriminologen feststellen, dass es bei den klassischen Ehrenmorden in 80 Prozent der Fälle um konkrete unerwünschte Beziehungen der Frau ging. Ein allgemein "westlicher Lebenswandel" wurde also eher selten tödlich sanktioniert. Der Mord an der Berlinerin Hatun Sürücü, die 2005 von ihrem Bruder mit dieser Begründung getötet wurde, ist also nicht typisch.
Bei der zweiten großen Fallgruppe, der Partnertötung zur Wiederherstellung der Ehre, ging meist eine (vermutete) Untreue oder die Trennung der Frau voraus. Solche Verbrechen gibt es zwar nicht nur unter Einwanderern, betonen Oberwittler und Kasselt, türkische Männer greifen jedoch drei Mal häufiger zu derartigen Mitteln als deutsche. Ähnliches gilt für Ex-Jugoslawen und Albaner.
Hier bestand aber die große Schwierigkeit, Ehrenmorde an der Partnerin, von sonstigen Tötungen in der Partnerschaft, etwa aus bloßer Eifersucht, abzugrenzen. Die Kriminologen räumten ein, dass sie sich hier oft auf ihre Intuition verließen. Wenn ein deutscher Mann seine Frau tötet, ist das für die Wissenschaftler aber generell kein "Ehrenmord". Begründung: Ein solches Verhalten würde in seinem Umfeld keinesfalls akzeptiert und es gebe daher auch keinen Ehrenkodex, der deutsche Männer zu tödlichen Schritten dränge, um ihre Anerkennung wiederherzustellen.
Als dritte Gruppe wurden blutracheähnliche Fälle gezählt. Hier wird zur Wiederherstellung der Ehre nicht die eigene Tochter/Schwester getötet, sondern deren unerwünschter Freund. Selbstjustiz nach Vergewaltigungen in Großfamilien wird ebenfalls hierzu gerechnet. Auch deshalb sind in rund vierzig Prozent der Ehrenmorde (im weiteren Sinne) Männer die Opfer.
Die Täter sind ganz überwiegend Migranten der ersten Generation, also noch im Ausland geboren. Sie sind wenig gebildet und schlecht qualifiziert. Kaum einer hat sich einbürgern lassen. Im Umkehrschluss heißt dies: Das Problem ist nicht zuletzt auch ein soziales, jedenfalls kein religiöses. Ehrenmorde sind ein Phänomen unter Neuankömmlingen, das sich aber nicht über Generationen fortsetzt, so der halbwegs hoffnungsvolle Schluss der Freiburger Kriminologen.
Autor: Christian Rath
