Elsass

Von Ferme Auberge zu Ferme Auberge in den Vogesen

Pascal Cames

Von Pascal Cames

Mo, 10. September 2018 um 13:56 Uhr

Gastronomie

Der Sonntag Wandern, Waldbaden, Wolkenzählen: Eine Rundwanderung in den Hochvogesen, die zumindest kulinarisch ein elsässischer Sonderfall sind.

Jeder hat etwas, das ihn antreibt. Für Wanderer ist das ganz oft nicht nur der Weg und die schöne Aussicht, sondern auch die Einkehr. In den Hochvogesen kommt dabei jeder auf seine Kosten: Die Landschaft ist abwechslungsreich, herrliche Aussichten hat’s in alle Richtungen und das Melkeressen ist berühmt. Dossier auf bz-ticket.de: Fermes Auberges im Elsass

Die Hochvogesen sind ein elsässischer Sonderfall, zumindest kulinarisch: Flammkuchen ist hier verpönt, dafür gibt es das "Repas marcaire" genannte Melkeressen mit Gemüsesuppe, Fleischtourte (Pastete) mit grünem Salat, saftigem Kassler mit Roïgabrageldi (ein Butter-Zwiebel-Kartoffel-Mischmasch) sowie zum Finale Blaubeerkuchen oder Frischkäse mit Schnaps. Das Tischgespräch dreht sich fast unweigerlich um die enthaltenen Kalorien. Ja, da ist viel dran. Was hilft? Eine Wanderung vorneweg und dann ist alles gut.

Die etwa dreistündige Wanderung, sie sich auf eine gemütliche Stunde abkürzen lässt, beginnt auf 1 100 Meter Höhe an der Ferme Auberge Kahlenwasen (Telefon 00 33/3 89 77 32 49), die unverschämt idyllisch auf dem Hügel liegt. Die Fernsicht ins Münster- und Rheintal hat Premiumqualitäten. Ringsum grasen Vogesenrinder und Haflinger. Zudem hält der Hüttenwirt Guy Lochert Hühner und Schweine, eine eigene Käserei hat er auch am Laufen. Die mit Kuhglocken, Emailleschildern und etwas Nippes geschmückte Wirtschaft betreibt er mit Frau und Kindern. Ganz stolz ist Lochert auf seine eigenen Produkte, viel dazu gekauft wird nicht. "Machen Sie nicht so viel Werbung", bittet der Wirt und Bergbauer, der sich schon jetzt kaum vor Kundschaft retten kann und keine Industrie aus seinem Geschäft machen will.

Der Wanderweg – gekennzeichnet durch das Wanderzeichen gelbes Dreieck – führt an der Außenterrasse der Ferme Auberge Kahlenwasen vorbei und mit einem Seufzer der Entsagung geht’s unter dem Gebimmel der Kuhglocken den Buckel hinauf. Der Wald ist dicht und schmuck, so stellt man sich den Originalschauplatz vom "Freischütz" vor. Etwas weiter oben an der schönen Schellimatt wartet der nächste wunderbare Talblick, es folgen nochmal Wald und "les Bunkers" und dann sind es nur noch ein paar Meter auf den Gipfel des Petit Ballon, der auf 1 272 Meter liegt. Das Gras ist so weich, dass man sich auch ohne ein hämmerndes Herz darauf ablegen darf. Nicht nur Waldbaden ist wohltuend, merkt der Wanderer, auch Wolkenzählen wirkt wie ein Gesundbrunnen. Auf dem Kahlenwasen segnet eine Madonna das Land.

Zum Boenlesgrab wechselt das Wanderzeichen zum gelben Rechteck. Der Name geht wahrscheinlich auf einen Köhler zurück. Da besagte Stelle nicht immer ausgeschrieben ist, folgt man dem besagten Zeichen und wandert die große, sonnenverbrannte Bergwiese hinab, durchquert einen krüppeligen Wald und zweigt nach dem nächsten Bunker rechts auf einen Waldpfad. Bis Boenlesgrab auf 866 Metern Höhe geht es nur bergab. Die gleichnamige Auberge entpuppt sich als ein poliertes Restaurant das Kebab vom jungen Wildschwein und Cheesecake mit Thymian anbietet (Telefon 00 33/3 89 71 10 88).

Ab hier geht es wieder aufwärts, immer dem grünen Punkt nach und bald liegt die Ferme Auberge Strohberg (Telefon 00 33/3 89 77 56 00) in Sicht. Wenn man nach rechts oben schaut, erkennt man die bereits erwähnten Bunker. Die im Jahr 1441 gegründete Strohberg gehört zu den ältesten Bergbauernhöfen, auch das Essen ist alte Schule und hat viele Fans, wie man an den parkenden Autos erkennt. Von hier ist die Ferme Auberge Buchwald nur noch einen Katzensprung entfernt, den Weg weist des rote Andreaskreuz.

Für das kleine Stück Weg dorthin braucht es etwas Mut, da der Pfad über eine Kuhweide führt.

Wanderstöcke können helfen, Kühe auf Distanz zu halten

Für Situationen wie diese empfehlen sich Wanderstöcke, um notfalls die Tiere auf Distanz zu halten. Doch heute bleibt das Rindvieh friedlich. Man passiert den nicht zu übersehenden Rest einer Drahtseilbahn von 1915, die die Aufgabe hatte, die Truppen im Gebirgskrieg zu versorgen. Das deutsche Militär wollte für den großen Angriff gewappnet zu sein, der aber nie kam. Somit blieb dem Petit Ballon das Schicksal des "Menschenfresser" genannten Hartmannswillerkopf mit seinen 30 000 toten Soldaten erspart.

Die Ferme Auberge Buchwald (Telefon 00 33/3 89 77 37 08) liegt nicht weit weg von dem Betonklotz. Der Betreiberfamilie Wehry gebührt Dank, weil sie vor Jahrzehnten als erste wieder mit dem traditionellen Vogesenrind Bergwirtschaft betrieb und so die Vosgienne vor dem Aussterben rettete. Diese Rinderrasse ist ideal für die Berge und liefert Fleisch und Milch in gleich guter Qualität. Das Essen ist top, der Service freundlich. Auch die Königin der Konfitüren, Christine Ferber, gehört zu den Gästen.

Zum Schluss gibt es einen kleinen Schreck: Wer gedacht hat, dass es nach der Völlerei ebenerdig weiter geht, hat sich geschnitten. Der letzte Rest des Rundweges ist die steile Fahrstraße zur Ferme Auberge Kahlenwasen. Warum hat man nur keinen Schnaps getrunken? Doch die Beine machen es fast von alleine und schon ist es geschafft.
Infos zur Wanderung
Die Wanderung führt von der Ferme Auberge Kahlenwasen über Schellimatt, Petit Ballon und Boenlesgrab zu den Fermes Auberges Strohberg und Buchwald und zurück nach Kahlenwasen. Die Tour erstreckt sich über acht Kilometer und 475 Höhenmeter und dauert etwa drei Stunden. Ein einstündiger Spaziergang führt von Kahlenwasen über Schellimatt, Strohberg und Buchwald zurück nach Kahlenwasen (drei Kilometer, 150 Höhenmeter).

Gut zu wissen: Die Fermes Auberges bieten nicht nur Essen und Trinken, sondern auch Käse und Wurst aus eigener Produktion als Vesper oder zum Mitnehmen. Nicht alle Fermes nehmen Kreditkarten, eine Tischreservierung ist ratsam (siehe Telefonnummern im Text). Meist endet die Saison am 11. November.