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02. August 2012

Hackfleisch und armer Ritter

Karsten Lüdtke konzertierte an den Freiburger Münsterorgeln.

In diesem Widmungsfalle ist der Name keineswegs Schall und Rauch, sondern sogar einigermaßen aufschlussreich: Seine dritte Orgelsonate hat der 1811 geborene, einst in Magdeburg tätige August Gottfried Ritter seinem Jahrgangsgenossen Franz Liszt zugeeignet. Spätestens in der lyrischen Episode nach dem fast eruptiven toccatischen Start fühlt man sich in Ritters Sonate von 1855 denn auch behutsam an Liszts monumentale "Ad nos"-Fantasie erinnert, die damals ja bereits vorlag. Karsten Lüdtke hatte Ritters fantasieähnliches a-Moll-Opus jetzt ans Ende seines Konzerts im Freiburger Münster gestellt. Jenen zwischen Toccata, Rezitativ, Choralidiom, Durchführung, Variation und Finalfuge changierenden einsätzigen (sprich: durchkomponierten) Beitrag der deutschen Romantik, der als Rarität gelten darf. Die aktuelle Interpretation am Hauptspieltisch geriet insgesamt ein wenig sprunghaft, bisweilen auch zäh, bot zu viele Einzeleffekte, ließ Stringenz vermissen. Gelegentlich war’s, als habe man ein Menü aus Hackfleisch und (Pardon!) armem Ritter vor sich. Doch ist die Sonate besser als diese Darbietung. Lichtblicke gab es in zupackenden Episoden. Merkwürdig, dass Ritter – wie Julius Reubke oder später auch Josef Rheinberger (in seiner e-Moll-Sonate) – einen tragischen, eigenwilligen Moll-Schlusspunkt nach der Fuge setzt und sich nicht zur Dur-Aufhellung durchringen konnte.

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Lüdtkes Konzert hatte diverse Licht-, dafür aber auch manche Schattenseiten. So kam der in Neumünster wirkende Kantor bei zwei Vertikale und Homophonie kultivierenden Pedalflügel-Skizzen Robert Schumanns übers Resultat "hausbacken" kaum hinaus (beide Kostproben stammen aus op. 58 – und nicht, wie das Programmheft verkündete, aus op. 68).

Und dann rauschte das Pedal mächtig auf

In Freiburgs Münster hätte Schumann noch am ehesten zur Michaelsorgel gepasst. Liturgische Kathedralgepflogenheiten britischer Provenienz assoziiert man mit "Processional" des walisischen Komponisten William Mathias. Jetzt hörte man’s mit ein paar Raumspielen.

Vom Schwalbennest gab es Bach. Die vom Thomaskantor als Triptychon angelegte Leipziger Choralbearbeitung "O Lamm Gottes, unschuldig" begann lyrisch auf Prinzipalebene, nahm primär auf der Schlussetappe für sich ein, wo die Liedmelodie, der Cantus firmus, mächtig und mit Zungenregister-Nachdruck im Pedal aufrauschte. Beim großen e-Moll-Präludium BWV 548 hatte Lüdtke, der seine musikologische Dissertation über ein Tempothema verfasste, immerhin die goldrichtige Gangart gewählt: weder zu schnell noch zu langsam. Bei dieser letztlich doch eher bieder geratenen Plenum-Version störte die Fülle der Unsicherheiten. In der gleichfalls silbrig gefärbten Fuge hätte man die virtuosen cembalesken Zwischenspiele gewiss noch deutlicher absetzen können. Auch hier gab es Defizite – nur ein Beispiel: Wenn eher solistisch nutzbare, für Farbe sorgende Aliquotregister urplötzlich akkordisch eingespannt werden, klingt das eben kaum sehr erhebend. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass an diesem durchwachsenen Abend ein Vertreter der zweiten Organistenliga im Freiburger Münster zu Gast war.

Weitere Infos unter:      www.orgelkonzerte-      freiburger-muenster.de

Autor: Johannes Adam