Ein Platzkonzert voller Premieren

Daniel Gramespacher

Von Daniel Gramespacher

Do, 14. Juni 2018

Klassik

Johan de Meij führte mit Mitgliedern des Sinfonieorchesters Basel neue Arrangements, unter anderem seiner Herr-der-Ringe-Sinfonie, auf.

"Der fliegende Holländer" ist seine Kolumne in einer Fachzeitschrift überschrieben. Ob Johan de Meij ein Fan von Richard Wagners gleichnamiger Oper ist, ist ungewiss. Gewiss ist, dass der 64-jährige Niederländer mit Wahlheimat bei New York als einer der führenden Arrangeure und Komponisten der Bläserwelt so oft und lange auf Reisen ist wie kaum ein anderer. 2018 führen ihn diese in rund 30 Orten in acht Ländern auf drei Kontinenten, jüngst ans Rheinknie nach Basel.

Dabei steht fast immer seine erste Komposition im Fokus: 1988 wurde seine Sinfonie "The Lord of the Rings" uraufgeführt. Der geniale Erstling gehört längst zum Repertoire vieler professioneller und ambitionierter Vereins- und Auswahlorchester in aller Welt. Es dürfte eines der wenigen Werke für Blasorchester sein, die nachträglich für Sinfonieorchester bearbeitet wurden; das London Symphony Orchestra spielte sie sogar auf CD ein.

Zum 30. Geburtstag steht das 45-minütige Werk, das auf Motiven aus der gleichnamigen Fantasy-Trilogie von J. R. R. Tolkien basiert, sonst aber mit Peter Jacksons Film-Trilogie nichts zu hat, besonders häufig auf Programmen. Fast täglich wird es irgendwo auf dem Globus aufgeführt. De Meij ist immer wieder als Dirigent dabei. Nach Projekten in Japan und den USA reiste der Globetrotter nun für vier Tage nach Basel, auf Einladung von Henri-Michel Garzia. Mit dem Soloposaunisten des Sinfonieorchesters Basel (SOB) verbindet ihn eine jahrzehntelange Freundschaft. De Meij ist selbst studierter Posaunist.

Obschon de Meijs Schaffen an die 150 Titel umfasst, hat er kaum etwas für sinfonisches Blechbläserensemble geschrieben. "Vier Minuten wären etwas wenig für ein ganzes Konzert", meinte er nach der eröffnenden "Ceremonial Fanfare" in Basel scherzhaft. Doch der "fliegende Holländer" weiß sich zu helfen: Er arrangierte nahezu das komplette Programm neu für eine Besetzung mit je vier Trompeten, Waldhörner und Posaunen, dazu je einem Euphonium und einer Tuba. Je nach Bedarf kamen Flügel und Harfe dazu.

Den Anfang machte die Sinfonietta Nr. 1. Anders als die meisten seiner Werke ist diese nicht programmatisch, sondern abstrakt – und doch griffig. Die professionellen Blechbläser durften, was ihnen im SOB selten vergönnt ist: "Volle Kanne spielen", wie Hans-Georg Hofmann, Leiter der künstlerischen Planung, passend zur legeren Atmosphäre des Freiluftkonzertes im Hof des Museums der Kulturen formulierte. Auch die "Männer an der Schießbude", wie er die Schlagwerker scherzhaft betitelte, hatten alle Hände voll zu tun. Aufhorchen ließen im Mittelteil lyrische Soli von Tuba, Flügelhorn und Euphonium. Im Weiteren rückte der Gastdirigent die Posaune ins Rampenlicht: In Ravels "Pavane pour une Infante Défunte" ließ Garzia hören, wie schön sich auf dem Instrument singen lässt, beeindruckend zart begleitet von seinen Brass-Kollegen. Fürs Duett "Dio, che nell’ alma infondere" aus der Verdi-Oper "Don Carlo" gesellte sich Registerkollege Mathieu Turbé dazu.

Erste große Komposition ist gleich ein Meisterwerk

Hauptwerk und Piece de resistance der Matinee waren aber Auszüge aus de Meijs Herr-der-Ringe-Sinfonie, ein Welterfolg, der unter anderem mit dem Sudler-Kompositionspreis ausgezeichnet wurde. Den ersten, vierten und fünften Satz hatte de Meij nun eigens für symphonische Blechbläserbesetzung samt sieben Schlagzeugern und Klavier eingerichtet. Naturgemäß bietet diese weniger Pastelltöne als das für üppig besetztes sinfonisches Blasorchester instrumentierte Original. Die Erhabenheit des Zauberers Gandalf und dessen Galopp auf seinem Pferd Shadowfox, die dunklen Minen von Moria samt Trauermarsch, aber auch der optimistisch Tanz der Hobbits klingen indes in der Brass-Fassung dank schärferer Konturen plastischer und vor allem transparenter.

Am Ende erhob sich das begeisterte Basler Publikum von Stühlen und Picknick-Decken, um sich den finalen Galopp aus der Ouvertüre von Rossinis "Wilhelm Tell" als Zugabe zu erklatschen. Das Konzert war nämlich Teil der SOB-Reihe "Picknick-Konzerte". Dieses Format mit freiem Eintritt richtet sich vor allem an Familien. Schließlich sind die Kinder von heute im Idealfall die Klassikfans von morgen. Gespannt sein dürfen alle Herr-der-Ringe- und de Meij-Fans übrigens auf den 3. November. Dann wird de Meijs fünfte Sinfonie in den USA uraufgeführt. Thematisch knüpft sie an den Erstling an, trägt sie doch den Beinamen "The Return to Middle Earth".