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19. Mai 2009

"Unpraktisch, aber reizvoll"

BZ-INTERVIEW mit David Glenn zum Bassetthorn und zum Kanderner Festival zu diesem Instrument.

Mehrere Dutzend Liebhaber und Experten des Instruments aus ganz Europa, Japan und den USA werden vom 21. bis 24. Mai zum ersten internationalen Bassetthorn-Festival in Kandern erwartet. Daniel Gramespacher sprach mit dem Kanderner Klarinettisten David Glenn, der den Anlass zusammen mit Peter Geisler organisiert, über das wenig bekannte Blasinstrument und dessen besondere Beziehung zu Kandern.

BZ: Herr Glenn, das Blasinstrument, dem das Festival gewidmet ist, zählt zur Familie der Klarinetten, heißt aber Bassetthorn. Was denn nun – Holzblasinstrument oder Horn?
David Glenn: Woher der Name kommt, weiß man nicht genau. Vermutlich von frühen Formen des Bassetthorns; die ältesten entstanden um 1760. Es gab sichelförmige, aber auch zumindest eines, das ein wenig wie ein Waldhorn aussieht. Die Bassetthörner haben ein Mundstück und ein einfaches Rohrblatt wie die Klarinetten. Von der Lage her entsprechen sie einer Altklarinette. Die Bohrung ist aber auf die Länge gesehen enger und der Tonumfang ist größer; er reicht bis zum tiefen C.

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BZ: Das Bassetthorn gilt als Mozarts Lieblingsinstrument. Wie kommt das?
Glenn: Mozart war eng befreundet mit Anton Stadler, der Klarinette und Bassetthorn spielte, und er liebte sein Spiel. Stadler hat wahrscheinlich bis auf das Kegelstatt-Trio alle Werke Mozarts gespielt und war Solist im Orchester. Beide gehörten den Freimaurern an und waren in der gleichen Loge. Für Musik bei den Zusammenkünften setzte Mozart das Instrument gerne ein. So gibt es etliche Werke unter anderem für drei Bassetthörner. Mozart verwendete Bassettklarinetten (die sind etwas höher gestimmt) und -hörner, seit er Stadler kannte, etwa in der Oper "Titus" oder im Requiem.

BZ: Wo liegt denn die klangliche Besonderheit des Bassetthorns?
Glenn: Wegen der längeren Bohrung ist der Klang obertonreicher, durch die dadurch entstandene engere Bohrung ist der Ton auch zarter und delikater als der einer Klarinette. Der vergrößerte Tonumfang ist auch nicht zu verachten, wobei die tiefe Lage offenbar Mozart wie auch Stadler reizten. Viele sagen, das Bassetthorn sei der menschlichen Stimme sehr ähnlich.

BZ: Trotzdem verschwand das Bassetthorn um 1820, also nach gut 50 Jahren, zunehmend aus dem Gebrauch. Warum?
Glenn: Schwer zu sagen. Wie sich bei historischen Nachbauten zeigt, war das Instrument schwer zu spielen. Eine Klarinette ist wesentlich leichter zu bedienen. Das Bassetthorn hat mehr Klappen und Polster, mehr Dinge, die Leck schlagen oder schief gehen können. Sogar das moderne Bassetthorn ist immer noch schwerer rein zu stimmen als eine Klarinette. Zudem war es nicht sehr ergonomisch gebaut – ein unpraktisches Instrument, aber klanglich äußerst reizvoll.

BZ: Im 20. Jahrhundert erlebte das Bassetthorn eine Wiederbelebung. Wie ist diese Renaissance zu erklären?
Glenn: Das hängt mit musikwissenschaftlichen Erkenntnissen zusammen. In den 1950er Jahren hat man wiederentdeckt, dass Mozart sein Klarinettenkonzert, das heute meist auf einer Klarinette gespielt wird, eigentlich für die Bassettklarinette geschrieben hat. Die erste rekonstruierte Fassung erschien 1974.

BZ: Und wie ist es heute um die Popularität des Bassetthorns bestellt?
Glenn: Es kommt immer mehr in Mode. Das Trio di Clarone mit Sabine Meyer, Wolfgang Meyer und Rainer Wehle hat seit den 90er Jahren einen enormen Schub ausgelöst mit der Tonaufnahme und der Edition von 25 Stücken von Mozart, die zu fünf Divertimenti zusammengefasst wurden. Normalerweise von zwei Klarinetten und Fagott gespielt, waren diese Trios im Original für Bassetthörner geschrieben. Auch zeitgenössische Komponisten wie Karlheinz Stockhausen verwendeten das Instrument. Pionierarbeit mit der Bassettklarinette haben seit den 1970er Jahren auch die Klarinettisten Alan Hacker, Hans Deinzer und Hans Rudolf Stalder geleistet.

BZ: Trotzdem ist das Bassetthorn nach wie vor eine Sache für Freaks...
Glenn: Das ist richtig. Bassetthornstimmen zu besetzen ist immer noch schwierig. Die Freiburger Musikhochschule hat zwar mittlerweile Bassetthörner. Die meisten Klarinettisten widmen sich aber eher der Es-, Alt- oder Bassklarinette. Was man auf einer normalen Klarinette spielen kann, ist aber auch auf einer Bassettklarinette spielbar. Dass es in Peter Geisler in Schopfheim, Erich Ramer in Basel und mir gleich drei Freaks in der engeren Region gibt, ist schon erstaunlich.

BZ: Noch bemerkenswerter ist, dass Anfang 2008 zwei Bassetthörner aus der Zeit um 1812 bis 1835 im Kanderner Heimatmuseum entdeckt wurden. Dieser Umstand ist auch Anlass für das Festival, wo das seltene Paar nach der Restaurierung öffentlich präsentiert und. Wie erklären Sie den ungewöhnlichen Fund?
Glenn: Dafür gibt es bisher keinerlei Erklärung. Als mir Museumsleiterin Gisela van Mahnen, die Teile, die sie auf dem Dachboden des Museums gefunden hat, zeigte, war ich sprachlos. Dass die beiden Instrumente nahezu vollständig erhalten blieben, sogar die meisten Klappen funktionierten, ist ein Wunder. Zumal es sich, wie Experten unter den Instrumentenbauern sagen, um sehr hochwertige Exemplare handelt. Das Ganze wäre nur zu übertreffen, wenn beim Stöbern noch die verschollenen Manuskripte zu Mozarts Klarinettenkonzert und -quintett auftauchen würden. Dass die beiden Kanderner Hörner Anton Stadler gehörten, kann ich mir zwar nicht vorstellen, aber immerhin stammen sie nachweislich aus Wien.

Autor: gra