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28. Oktober 2016 07:10 Uhr

Leitartikel

Dreisam-Mord: Warum öffentliche Trauer berechtigt ist

Ein Stadion voller Fußballfans schweigt, um der getöteten Studentin aus Freiburg zu gedenken. Das verstehen manche als Event-Trauer. Doch es geht den Menschen um etwas anderes.

  1. Neben dem Schwarzwaldstadion: Gedenkaktion für die getötete 19-jährige Studentin aus Freiburg. Foto: Miroslav Dakov

  2. Thomas Steiner Foto: Thomas Kunz

Ein ganzes Stadion voller Fußballfans schweigt einmütig, um einer gewaltsam getöteten jungen Studentin zu gedenken. So geschehen am vergangenen Wochenende in Freiburg. Nach Tausenden zählende Menschenmengen versammeln sich, um der in Paris von Islamisten erschossenen "Charlie Hebdo"-Redakteure zu gedenken und "Je suis Charlie"-Schilder hochzuhalten. So war es im Januar vergangenen Jahres in vielen europäischen Städten.

Und im Juni vor sieben Jahren kamen überall auf der Welt Fans des gerade gestorbenen Michael Jackson zusammen, um Blumen und Bilder niederzulegen und gemeinsam nach seiner Musik zu tanzen.

Der Vorwurf: Gesten anstelle von Gedanken

Öffentliche Trauer ist ein Signum unserer Zeit, unserer Gesellschaft. Menschen fühlen sich durch ein tödliches Geschehen getroffen, auch wenn sie selbst nicht – als Angehörige oder Bekannte – betroffen sind. Sie kommen zusammen als eine Trauergemeinde auf der Straße, sie bilden eine vorübergehende Gemeinschaft, sie vollziehen Rituale spontanen Gedenkens.

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Und sie geraten mitunter unter Verdacht: Das sei doch nur Event-Trauer, bei der alle mitmachen, weil alle mitmachen. Nur um die eigene Befindlichkeit gehe es den Leuten, nicht um die Opfer und Angehörigen. Statt sich Gedanken zu machen, würden nur Gesten gezeigt. So sagen und schreiben es wenig wohlwollende Kommentatoren noch bei jedem solchen Ereignis. Und sie beschimpfen die öffentlich Trauernden, weil ihnen eine tote Studentin mehr Mitgefühl wert sei als ein toter Obdachloser, die Pariser Opfer mehr als die eines Anschlags in Pakistan, ein Pop-Idol mehr als verhungerte Kinder.

Öffentliche Trauer als Versuch, die eigene Sicherheit wiederzugewinnen

Solche Kritik hat ihre Berechtigung. Sie verkennt aber, dass nun mal nicht die ganze Welt und nicht jedes Milieu mit dem eigenen Leben zu tun hat. Die öffentliche Trauer ist nicht Ausdruck eines persönlichen Verlusts der Menschen. Sie ist der Versuch, etwas wieder zu gewinnen, das einem durch ein Ereignis erst einmal verloren gegangen ist: die Sicherheit, dass einem selbst nichts Gewaltsames passiert, oder auch nur, dass das Leben weitergeht.

Wenn Menschen, deren Leben dem eigenen ähnelt oder die einem etwas gegeben haben, plötzlich aus dem Leben gerissen werden, dann muss man diese Sicherheit und Gewissheit erst wiedergewinnen. Und wenn es vielen Menschen genauso geht, dann können sie sich gegenseitig ihres Lebens versichern. Das ist der Sinn öffentlicher Trauer.

Wegen der vielen Menschen ist sie etwas anderes als die private Trauer. Beide können sogar in einen argen Gegensatz geraten: Wenn Angehörige sich der eigenen Trauer durch die öffentliche beraubt sehen, wenn sie sich bedrängt fühlen durch die Berichterstattung über die Anteilnahme ihnen fremder Menschen.

Allerheiligen war früher auch ein Tag öffentlicher Trauer

Dass beides aber auch zusammengehen kann, das zeigt der Feiertag, der kommende Woche begangen wird. Zu Allerheiligen gedenken viele Menschen ihrer Verstorbenen. Für sich auf dem Friedhof, vielleicht aber auch in einem Gottesdienst. Früher war Allerheiligen auch ein Tag öffentlicher Trauer: Alle gingen zum Gedenken, eben weil alle es taten. Und auch hier tröstete die Gemeinschaft der Gemeinde, gab dem Einzelnen im festen Ritual Lebensgewissheit zurück.

Seit unsere Gesellschaft mehr und mehr verweltlicht ist und ohne Glauben auskommt, gibt es nicht mehr viele Gelegenheiten, solche Rituale zu vollziehen. Vielleicht werden deshalb die Anlässe öffentlicher Trauer von vielen Menschen gerne genutzt. Wenn Blumenseen die Portale ausländischer Botschaften fluten oder auch nur einige Grablichter einen Tatort markieren, gibt es auf einmal einen Ort des Innehaltens und des Gedenkens an die Vergänglichkeit. Menschen brauchen so etwas. Von einem Missbrauch sollte man da nicht sprechen.

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Autor: tst