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07. September 2010

Hawking versus Gott

IM PROFIL: Vor dem Besuch des Papstes in Großbritannien belebt der Wissenschaftler den Streit über die Religion.

  1. Stephen Hawking Foto: dpa

Er hatte ja noch überlegt, ob er den Satz weglassen sollte. Den letzten Satz seines berühmten Buches von 1988, der "Kurzen Geschichte der Zeit". Mit diesem Satz hatte er elegant eine Brücke von der Wissenschaft zur Religion geschlagen. Er besagte nämlich, wer einer vollständigen Theorie der Welt auf die Spur komme, der lerne so auch "den Plan Gottes kennen": Dem Reiz dieser Formulierung konnte offenbar auch ihr Autor nicht widerstehen.

So ließ Stephen Hawking den Satz stehen – als Metapher, nicht als persönliches Glaubensbekenntnis. Der Mathematiker und Kosmologe, der wohl der bekannteste zeitgenössische Wissenschaftler sein dürfte, wusste durchaus den Wert eines verbalen Paukenschlags zu schätzen. Was er selbst unter "Gott" verstand, behielt er für sich. Es war jedenfalls nicht das, was viele Gläubige mit dem Satz verbanden. Hawkings damalige Frau Jane hat ja später wenig Zweifel daran gelassen, dass ihr Mann keinem sonderlichen Glauben anhing, dass er sich als Atheist begriff. Er selbst erklärte immer, dass er "nicht religiös im üblichen Sinne" sei. Im Kampf zwischen religiöser Autorität und wissenschaftlicher Beobachtung und Vernunft müsse letztlich "immer die Wissenschaft gewinnen". Das hat er nun auch, 22 Jahre nach der "Kurzen Geschichte der Zeit", explizit dargelegt – und damit Kirchenleute und Gläubige im ganzen Land gegen sich aufgebracht.

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Im kommende Woche erscheinenden Buch "The Grand Design", seinem "Großen Plan" dieses Jahres, geht der Durchdenker schwieriger Theorien und hartnäckige Ausleuchter Schwarzer Löcher nämlich davon aus, dass dank der Naturgesetze die Welt sich selbst durchaus "aus dem Nichts" habe erschaffen können. "Spontane Schöpfung" sei auf keinen Schöpfer angewiesen: "Es ist nicht nötig, sich auf Gott zu berufen, um das Zündpapier anzustecken und das Universum in Gang zu setzen." – "Hawking: Universum nicht von Gott geschaffen", tönte es prompt von der Titelseite einer aufgeregten Londoner Times. Mehr Rummel hatte der an Rollstuhl und Sprechgerät gefesselte 68-jährige Professor Emeritus auch mit seiner Warnung des Vorjahrs nicht anrichten können, man müsse sich vor Außerirdischen hüten und solle lieber alle Versuche der Kontaktaufnahme einstellen – wenn die wie wir seien, hätten wir nämlich nichts zu lachen.

Britanniens Bischöfe, Rabbis und Imame haben mit solcherart Außerirdischen wenig im Sinn. Ihren persönlichen Draht zu Gott wollen sie sich aber von einem wie Hawking nicht nehmen lassen. "Beim Glauben an Gott geht es ja nicht einfach darum, eine Erklärungslücke zu schließen in der Frage, wie eins mit dem andern zusammenhängt im Universum", wehrt sich Rowan Williams, als Erzbischof von Canterbury das Oberhaupt der Anglikanischen Kirche. "Physik allein beantwortet nicht die Frage, warum es etwas gibt und nicht nichts." Lord Sacks, Chef-Rabbi des Königreichs, findet, dass es generell "den Naturwissenschaften ums Erklären geht, der Religion aber um Deutung". Der wachsende Gegensatz zwischen Religion und Wissenschaft, seufzt Sacks, sei "eins der Übel unserer Zeit". Imam Ibrahim Mogra, Mitglied des Britischen Moslemrates, kann ohnehin kein Verständnis für Hawkings gottloses Universum aufbringen: "Wenn wir uns dieses Universum ansehen und alles, was geschaffen worden ist, dann zeigt sich doch von selbst, dass jemand hier gewesen sein muss, um es hervorzubringen."

Manche Gläubigen wollen endlich offensiver auftreten

Mit Kopfschütteln reagieren auf solche Bekenntnisse Säkularisten wie der Philosoph A. C. Grayling. Der Glaube an Gott gehöre "in die Zeit unserer Urahnen, die als Höhlenmenschen keine andere Art der Erklärung der Welt finden konnten" – "ganz unabhängig von allem, was uns die Physik an Erkenntnissen bringt".

Wenige Tage vor dem Besuch des Papstes auf der Insel ist es Stephen Hawking immerhin gelungen, eine schon brodelnde Glaubensdebatte weiter anzuheizen. Manche Gläubigen in Großbritannien meinen, der "Kirche der Skepsis" und ihren Hohepriestern endlich entgegentreten zu müssen. "Ich glaube ja nicht an diesen Stephen Hawking", vertraute gestern in einer Times-Karikatur Gott einem staunenden Engel an. Auf Erden wie im Himmel scheint der Sucher nach einer letztgültigen Theorie des Alls einige Fragen aufgeworfen zu haben.

Autor: Peter Nonnenmacher