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18. Juli 2017

Mehr Bildung für Flüchtlinge

Landkreis will selbst aktiv werden, weil es lange dauern kann, bis Geld von der Landesregierung fließt.

BREISGAU-HOCHSCHWARZWALD. Junge Geflüchtete brauchen mehr Bildungsförderung: In dieser Forderung waren sich die Vertreter fast aller Fraktionen im Schul- und Kulturausschuss einig. Angedacht wurde ein Brief des Kreistags an die Landesregierung, um finanzielle Hilfe zu bekommen. Weil sich eine Entscheidung des Landes aber hinziehen könne, regte die Landrätin Dorothea Störr-Ritter an, darüber nachzudenken, ob auch der Landkreis aktiv werden soll.

Die ersten Einschätzungen der Landesregierung erwiesen sich als falsch: Ursprünglich hatte das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport angenommen, dass zwei Drittel der geflüchteten Jugendlichen lediglich ein einziges Vorqualifizierungsjahr mit Deutschunterricht (VABO) brauchen würden und anschließend nahtlos in den Arbeitsmarkt oder eine Ausbildung wechseln könnten. In Wirklichkeit gelinge das aber nur einem Viertel der Jugendlichen, heißt es in der Vorlage der Ausschusssitzung. Drei Viertel blieben länger in den beruflichen Schulen hängen – das führe zu Lehrerengpässen und Unterrichtsausfall. Die Ursache dafür seien vor allem die extrem unterschiedlichen Voraussetzungen: die einen seien Analphabeten, andere hätten bereits einen Schulabschluss. In so heterogenen Klassen sei es nicht möglich, alle gleichermaßen innerhalb eines Jahres auf ein gutes Niveau in Deutsch und Mathematik zu bringen.

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Noch schwieriger sei es für alle, die älter als 19 Jahre sind und deshalb kein Recht auf den Besuch einer beruflichen Schule mehr haben: Ihnen drohe dauerhafte Perspektivlosigkeit, wenn sie an die Arbeitsagentur und das Jobcenter verwiesen würden, weil auch deren Maßnahmen grundlegende Deutschkenntnisse voraussetzen. Speziell für ältere Jugendliche müssten dringend niederschwellige Sprach- und Rechenkurse angeboten werden, so die Landkreisverwaltung.

Volker Kieber (CDU) und Michael Benitz (Freie Wähler) forderten, vor allem auf Volkshochschulen und Ehrenamtliche zu setzen und mehr Geld vom Land zu fordern. Birte Könneke (SPD) betonte, dass viel mehr Differenzierung in den VABO-Klassen nötig sei: "Wir brauchen einen ganz anderen Zugang." Lehrerstellen zu streichen, wie es derzeit geschehe, sei das falsche Signal. Leopold Winterhalder (Grüne) bilanzierte, dass das bisher Erreichte den Ehrenamtlichen und der guten Zusammenarbeit zu verdanken sei. Die Helferkreise würden zwar fantastische Arbeit leisten, seien aber am Rande ihrer Möglichkeiten, entgegnete Rudolf Gwinner (FDP).

"Wir müssen Forderungen

ans Land stellen."

Kreisrat Franz-Josef Winterhalter
Als einziger Kreisrat forderte Volker Kempf (AfD), dass man diejenigen, die nicht im Bildungssystem "ankämen", auf ihre Rückkehr vorbereiten müsse. Der Bildungsstand sei doch keine Begründung für eine Abschiebung, entgegnete Franz-Josef Winterhalter (Freie Wähler), der gleichzeitig betonte, dass es so wie bisher nicht weitergehen könne: "Wir müssen Forderungen ans Land stellen."

Die kommunalen Interessenverbände seien da bereits dran, informierte Landrätin Dorothea Störr-Ritter: "Wir können das aber noch untermauern mit einem Brief vom Kreistag." Falls die Reaktion zu lange dauere, könne man über einen Einstieg des Landkreises Breisgau-Hochschwarzwald in die Finanzierung nachdenken. Das hält Leopold Winterhalder für richtig: "Wir haben doch auch ein großes Interesse daran, dass es besser wird." Michael Benitz (Freie Wähler) forderte landes- und bundesweite Konzepte, weil das Thema alle betreffe.

Autor: Anja Bochtler