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12. Dezember 2008
"Mädchen können wirklich stark sein"
Wie lässt sich Gewalt vermeiden? Und wie kann dies Schülerinnen und Schülern praxisnah vermittelt werden? Um beide Fragen zu beantworten, wurde das Interdisziplinäre Institut für Gewaltprävention gegründet, das eng mit der Universität Freiburg zusammenarbeitet.
FREIBURG. Wie lässt sich Gewalt vermeiden? Und wie kann dies Schülerinnen und Schülern praxisnah vermittelt werden? Um beide Fragen zu beantworten, wurde das Interdisziplinäre Institut für Gewaltprävention (IIfG) gegründet, das eng mit der Universität Freiburg zusammenarbeitet. Institutsleiter Peter Kalinowski will bundesweite Standards für Programme entwickeln, die der Gewalttätigkeit vorbeugen.
Das Mädchen sitzt alleine auf der Bank, mitten in der Turnhalle. Ein junger Mann mit Dreitagebart kommt hinzu, er trägt weite Jeans und eine Baseballkappe, dazu einen Pulli, dessen Kapuze er tief ins Gesicht gezogen hat. Er setzt sich ans andere Ende der Bank, beugt sich nach vorne und stützt die Ellenbogen auf die Knie. Dann dreht er den Kopf in Richtung des Mädchens, das den Blick unsicher erwidert. Plötzlich rückt er näher, das Mädchen rutscht von ihm weg, der Mann folgt ihr – bis das Mädchen zusammengekauert am Rand der Bank sitzt. Etwa 30 Schülerinnen beobachten die Szene und lachen."Sieht das mutig aus?", fragt Kursleiterin Lynn Kalinowski. "Nein", rufen die Kinder einstimmig. Das Mädchen auf der Bank gesteht: "Ich hatte Angst, der Mann sah gruselig aus." Ein Angreifer merkt das, sagt die Kursleiterin – er spürt: Von diesem Opfer geht keine Gefahr aus. In dem Kurs "Mutige Mädchen" trainieren Kinder am Goethe-Gymnasium in Freiburg deshalb, sich in solchen bedrohlichen Situationen anders zu verhalten. Sie lernen, was zu tun ist, wenn ein Angreifer näher kommt, wenn er sie festhält, schubst, würgt, zu Boden reißt. Und dabei sollen sie die Erfahrung machen: "Auch wenn es immer schwieriger wird, sie haben immer noch eine Chance zu entkommen", sagt Lynn Kalinowski.
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"Mutige Mädchen" ist das Pilotprojekt des IIfG. Institutschef Peter Kalinowski hat es entwickelt, seine Frau leitet den Kurs am Goethe-Gymnasium. Das Projekt verbindet Sozialpsychologie und Kampfkunst – Peter Kalinowski selbst ist Sozialphilosoph, Lehrbeauftragter am Freiburger Institut für Soziologie, das mit dem IIfG kooperiert, und Träger des Schwarzen Gürtels in Karate, sein Rang ist der 7. Dan. Kampfkunst sei aber das letzte Mittel, betont er: "Es gibt vorher viele andere Chancen, um Übergriffe zu vermeiden."
Ziel des Kurses ist es vor allem, Mädchen für Gefahren zu sensibilisieren und ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Geschult werden Körperhaltung und Aufmerksamkeit, aber auch das richtige Verhalten, um sich entschlossen aus unangenehmen Situationen zu befreien. 17 Übungseinheiten zu je 45 Minuten stehen dafür zur Verfügung. Laut Kalinowski reicht das aus, um potenzielle Opfer vor Übergriffen besser zu schützen: "Die bisherigen Kurse haben gezeigt, dass die Mädchen wirklich stark sein können."
Hinter diesen Projekten steht das Konzept der sogenannten Körperpräsenz, das Kalinowski in den 90er Jahren ausgearbeitet hat. Dessen Grundprinzipien hat er in einer eigenen Kampfkunst umgesetzt, dem Modern Shotokai Karate. Das Konzept soll bewusst machen, wie viel Energie im eigenen Körper steckt und wie dieses Potenzial abgerufen werden kann. Die Erfahrungen am eigenen Körper und die damit verbundenen Gefühle sind für Kalinowski die Basis, um eine Sozialethik zu entwickeln. "Über das Verhältnis zum eigenen Körper kommen wir zu der Frage, wie wir mit anderen Menschen und der Umwelt umgehen", sagt er.
Mit seinem Ansatz verfolgt Peter Kalinowski ehrgeizige Ziele: Aus dem IIfG soll ein Deutsches Institut für Gewaltprävention hervorgehen. Das könne zwar nicht selbst bundesweit Projekte zur Gewaltprävention veranstalten, sagt er, aber verbindliche Standards entwickeln, um dem derzeitigen Wildwuchs an Präventionsangeboten entgegenzusteuern. Zudem will er sein Konzept der leiblich-emotionalen Bildung an den Schulen verankert sehen.
Das IIfG ist sein Lebenswerk, sagt Kalinowski – und derzeit befindet es sich in doppelter Hinsicht mitten in seinem Leben: Es ist in der Wohnung der Kalinowskis untergebracht. Die Bibliothek quillt über, im Wohnzimmer stapeln sich die Projektmappen. Etwa 40 Mitarbeiter engagieren sich am IIfG ehrenamtlich, die meisten studieren noch. Bislang gibt es kaum Fördergelder. Wie sich das Institut langfristig finanzieren soll, ist unklar. Dennoch ist sich der Sozialphilosoph sicher: Die "Mutigen Mädchen" in Freiburg sind erst der Anfang.
http://www.iifg.de
Autor: Nicolas Scherger
