Umstrittenes Musikvideo

Mediclin kündigt Mitarbeiterin wegen des Songs "Medif*ck"

Helmut Seller

Von Helmut Seller

Mo, 12. März 2018 um 19:06 Uhr

Offenburg

Sängerin Sonja James prangert mit Song "Medif*ck" Missstände an – ihr Offenburger Arbeitgeber Mediclin findet das geschäftsschädigend. Doch warum treten AfD-Funktionäre in dem Video auf?



So viel Aufmerksamkeit hatte Sonja Tesic alias Sängerin Sonja James noch nie: Seit der Kölner Express über ihren Rauswurf bei Mediclin berichtet hat, überschlagen sich die Boulevard-Medien. Der Grund: Die Sängerin, bis vor kurzem noch in der Personalabteilung des Offenburger Klinikkonzerns beschäftigt, hat online den Song "Medif*ck"veröffentlicht. Der Konzern hält ihn für geschäftsschädigend, die 31-jährige Sängerin weist einen Zusammenhang mit Mediclin zurück. Tesic ist die Lebensgefährtin von Dirk Schmitz – bis 2016 Geschäftsführer bei Mediclin.

Kündigung am nächsten Tag

Am 31. Januar hat Sonja James das Musikvideo "Medif*ck – The Workers Song – das Lied der Angestellten" auf dem Portal Youtube hochgeladen. Am nächsten Tag um 11.28 Uhr wurde sie vom Noch-Mediclin-Finanzvorstand Jens Breuer, der Ende Mai den Konzern verlässt, aus ihrem Büro in der Offenburger Personalabteilung geleitet. "Ohne ein Wort zu sagen, als ob ich ein Dieb wäre", erzählt die in Kehl lebende Sängerin. Eine Woche später habe sie die Kündigung schriftlich bekommen – ebenfalls ohne Begründung, wie sie sagt.

Dass der Rauswurf mit ihrem Song zusammenhängt, habe sie erst durch den Express erfahren. "Ich wollte das nicht", sagt die 31-Jährige, die vor fünf Jahren aus Bosnien nach Deutschland kam. Dass mit dem Lied "Medifuck" ein Zusammenhang mit ihrem Arbeitgeber hergestellt werden könnte, sei ihr nicht in den Sinn gekommen: "Das hat nichts mit Mediclin zu tun." Vielmehr sei es ihr darum gegangen, eine Hymne für Mitarbeiter zu singen, die sich von geldgierigen Führungsetagen nicht wertgeschätzt fühlen.

Sonja James klagt auf Wiedereinstellung

Zudem wollte sie, was im Video durch entsprechende sexbetonte Aufmachung zum Ausdruck kommt, "zeigen, dass Frauen weltweit in der Business-Welt sexualisiert werden." Wenn eine Frau hübsch und blond sei, könne sie nicht auch noch klug sein. Solche Missstände wollte sie anprangern – nicht ihren Arbeitgeber, dem sie für die Chance zum Berufseinstieg sehr dankbar sei. Nun klagt Sonja James auf Wiedereinstellung.

In der Mediclin-Zentrale sieht man allerdings noch ganz andere Zusammenhänge, wie Unternehmenssprecherin Gabriele Eberle deutlich macht: "Wenn eine Mitarbeiterin der Personalabteilung, deren Aufgabe es ist, neue Mitarbeiter für das Unternehmen zu gewinnen, sich in einem Video dermaßen geschäftsschädigend verhält, ist das Vertrauen grundlegend zerstört und eine weitere Zusammenarbeit unmöglich."

Persönlicher Rachefeldzug von Dirk Schmitz?

Auch ein Motiv hat man bei Mediclin ausgemacht: "Sonja James ist die Lebensgefährtin von Dirk Schmitz. Dirk Schmitz war bei uns ein Geschäftsführer und hat unserer Unternehmen wegen einer vermutlich enttäuschten Karrierehoffnung verlassen." Schmitz, der Ende November 2016 Mediclin auf eigenen Wunsch den Rücken kehrte, habe das sehr aufwändig und mit viel Geld hergestellte Video ermöglicht, verlautet aus der Mediclin-Zentrale: "Das Video ist unseres Erachtens einerseits ein persönlicher Rachefeldzug von Dirk Schmitz. Anderseits dient es als Propaganda rechtspopulistischer Kreise, diverse AfD-Funktionäre treten in dem Video auf."

Dirk Schmitz – einst CDU-Mann – sei als AfD-Mitglied OB-Kandidat in Ludwigshafen gewesen, und bevor das Thema in anderen Zeitungen aufgegriffen worden sei, habe ausschließlich die AfD-nahe Internetplattform PI-News darüber berichtet. Bei PI-News singen laut Gabriele Eberle AfD-nahe Kreise im Zusammenhang mit der Kündigung von Sonja James alias Tesic das altbekannte AfD-Lied von der angeblich bedrohten Kunst- und Meinungsfreiheit: "Sonja James wird unserem Eindruck nach von Dirk Schmitz instrumentalisiert für seinen persönlichen Rachefeldzug und für Propaganda der rechtspopulistischen AfD".

"Ich selbst habe die Mediclin selbst oftmals als Partner empfohlen" Dirk Schmitz
Dirk Schmitz wiederum weist das gegenüber der BZ weit von sich: Er habe nach Aussagen des Gesellschafters maßgeblich zum Erfolg der Mediclin beigetragen. "Die Mediclin hat meine Entscheidung damals außerordentlich bedauert und mir eine jederzeitige Empfehlung ausgesprochen. Ich selbst habe die Mediclin selbst oftmals als Partner empfohlen."

Hintergrund seines Ausscheidens sei, dass er seither als Rechtsanwalt und Generalbevollmächtigter eines internationalen Konzerns tätig sei, der Unternehmensbeteiligungen und Kliniken im Gesundheitswesen erwerbe.

"Ich habe keinerlei Motivation, die MediClin mit ihren engagierten Pflegekräften, Ärzten und Therapeuten anzugreifen, die ich sehr schätze." Insoweit könne er die Äußerungen gegen seine Person nicht zuordnen. Parteipolitisch sei er nicht aktiv. Und: "Einen musikalisch-inhaltlichen Zusammenhang zwischen dem Video und Politik kann ich nicht feststellen."

Den bestreitet auch Sonja James, die auf Wiedereinstellung hofft – zumal sie aus ihrer Sicht immer gute Arbeit geleistet habe: "Als Künstlerin finde ich es sehr bedauerlich, dass mein Lied jetzt eine Bedeutung bekommt, die ich nie wollte."