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15. Oktober 2011

"Hunger ist menschengemacht"

BZ-INTERVIEW mit Bernhard Walter von der Hilfsorganisation Brot für die Welt über die Ursachen von Hunger.

  1. Bernhard Walter Foto: PRIVAT

Bernhard Walter (52), ist Teamleiter bei Brot für die Welt und für die Themen Ernährungssicherung, Landwirtschaft und Umwelt zuständig. Sebastian Wolfrum sprach mit dem diplomierten Landwirt darüber, wie Hunger trotz Überbevölkerung bekämpft werden kann. Walter fordert rechtliche Konsequenzen für Staaten und Konzerne, die durch ihre Politik Hunger vorantreiben.

BZ: Berechnungen zufolge wird im Oktober der siebenmilliardste Mensch geboren. Ist es überhaupt möglich, so viele Menschen zu ernähren?
Walter: Es ist sogar möglich, zwölf Milliarden Menschen zu ernähren. Das kommt allerdings stark auf den täglichen Kalorienverbrauch an. Würde sich die Menschheit wie die US-Amerikaner ernähren, würde es wohl nur für 2,5 Milliarden Menschen reichen. Täte sie es wie die Inder, wäre es genug für 12 Milliarden Menschen. Rein theoretisch sollten sieben Milliarden also kein Problem sein.
BZ: Menschen in Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika leben im Überfluss. Täglich werden tonnenweise Lebensmittel weggeworfen, während in anderen Regionen Menschen verhungern. Gibt es hier einen Zusammenhang?

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Walter: Es gibt zumindest indirekte Zusammenhänge. Man kann Lebensmittel ja nicht in die Hungergebiete karren. Aus den ärmeren Regionen im Süden der Welt wird aber viel zu uns in den Norden exportiert wird. Da im Norden so viel weggeschmissen wird, ist der Anbau im Süden quasi umsonst – und gleichzeitig fehlen damit Agrarflächen für die Lebensmittelproduktion im Süden.
BZ: Wie muss eine erfolgreiche Strategie gegen den Hunger denn aussehen?
Walter: Dafür muss man zunächst anerkennen, dass Hunger kein Schicksal ist. Hunger ist menschengemacht. Dass die Hungersituation so gravierend in vielen Regionen und Staaten ist, ist das Resultat eines Politikversagens auf verschiedenen Ebenen. Wirklich gegen Hunger vorgehen, lässt sich nur, wenn in den von Hunger betroffenen Gebieten eine nachhaltige ökologische Landwirtschaft etabliert wird und die sozialen Belange der bäuerlichen Bevölkerung berücksichtigt werden.
BZ: Was heißt das konkret?
Walter: Bauern in Entwicklungsländer müssen einen lokalen Markt haben, auf dem sie ihre Produkte absetzen können. Dieser Markt muss zu einem gewissen Teil auch geschützt sein vor subventionierten Exporten aus dem Norden. Die Regularien dafür, wie höhere Zölle oder beschränkte Importmengen, gibt es im Welthandel. Außerdem müssten Leitlinien erstellt werden, die Spekulation eindämmen und das Problem des "Landgrabbings" angehen.
BZ: Was bezeichnet der Begriff "Landgrabbing"?

Walter:
Momentan findet auf internationaler Ebene folgendes Phänomen statt: Es wird enorm viel Land in Entwicklungsländern von aus- und inländischen Investoren aufgekauft, die dort Futtermittel für den Export anbauen oder Energiepflanzen, um daraus Sprit zu machen. Oder sie bauen tatsächlich Grundnahrungsmittel an – aber für die eigene Bevölkerung. China beispielsweise kauft im Sudan Ackerland auf, damit dort Reis angebaut wird. Allerdings eben für den chinesischen Markt. Einheimische Bauern werden von ihren Flächen vertrieben, es findet eine Verarmung statt. Das muss international geregelt werden.
BZ: Und auf welcher rechtlichen Grundlage soll das stattfinden?
Walter: Das Recht auf angemessene Ernährung ist als Menschenrecht völkerrechtlich verankert. Staaten oder Personengruppen, die mit ihrem Handeln oder ihrer Politik gegen dieses Recht verstoßen, müssen in die Verantwortung genommen werden. Bislang bleibt schlechte Agrarpolitik folgenlos. Ein weiterer Schritt muss sein, das auch justiziabel zu machen. Wer so handelt, dass Menschen deswegen hungern müssen, muss dafür rechtlich belangt werden können.

Autor: swo